13
Ach! wüßte sie, was ihr (zu ihrem Glücke)
Verborgen bleibt, wie trostlos diese Nacht
Ihr unglücksel'ger Freund, mit siebenfachem Stricke
An einen Eichenstamm gebunden, zugebracht,
Wie bräch' ihr Herz!—Und Er, vor dessen Augenblitze
Nichts dunkel ist, der gute Schutzgeist, weilt?
Er steht, am Quell des Nils, auf einer Felsenspitze,
Die, ewig unbewölkt, die reinsten Lüfte theilt.

14
Den ernsten Blick dem Eiland zugekehrt,
Wo Hüon schmachtet, steht der Geisterfürst, und hört
Sein Ächzen, das aus tiefer Ferne
Zu ihm herüber bebt,—schaut nach dem Morgensterne,
Und hüllt sich seufzend ein. Da nähert, aus der Schaar
Der Geister, die theils einzeln, theils in Ringen,
ihn überall begleiten und umschwingen,
Sich einer ihm, der sein Vertrauter war.

15
Erblassend, ohne Glanz, naht sich der Sylfe, blickt
Ihn schweigend an, und seine Augen fragen
Dem Kummer nach, der seinen König drückt;
Denn Ehrfurcht hält ihn ab die Frage laut zu wagen.
Schau auf, spricht Oberon. Und mit dem Worte weist
In einer Wolke, die mit ausgespanntem Flügel
Vorüber fährt, sich dem bestürzten Geist
Des armen Hüons Bild als wie in einem Spiegel.

16
Versunken in der tiefsten Noth,
An seines Herzens offnen Wunden
Verblutend, steht er da, verlassen und gebunden
Im öden Wald, und stirbt den langen Martertod.
In diesem hoffnungslosen Stande
Schwellt seine Seele noch das zürnende Gefühl:
"Verdient' ich das? verdiente das Amande?
Ist unser Elend nur den höhern Wesen Spiel?

17
"Wie untheilnehmend bleibt bey meinem furchtbarn Leiden,
Wie ruhig alles um mich her!
Kein Wesen fühlt mit mir; kein Sandkorn rückt am Meer
Aus seinem Platz, kein Blatt in diesen Laubgebäuden
Fällt meinetwegen ab. Ein scharfer Kiesel wär'
Um meine Bande durchzuschneiden
Genugsam—ach! im ganzen Raum der Zeit
Ist keine Hand, die ihm dazu Bewegung leiht!

18
"Und doch, wenn meine Noth zu wenden
Dein Wille wär', o Du, der mich dem Tod so oft
Entrissen, wenn ich es am wenigsten gehofft,
Es würden alle Zweig' in diesem Wald zu Händen
Auf deinen Wink!"—Ein heil'ger Schauder blitzt
Durch sein Gebein mit diesem Himmelsfunken;
Die Stricke fallen ab; er schwankt, wie nebeltrunken,
In einen Arm, der ihn unsichtbar unterstützt.

19
Es war der Geist, dem Oberon die Geschichte
Des treuen Paars im Bilde sehen ließ,
Der diesen Dienst ihm ungesehn erwies.
Der Sohn des Lichts erlag dem kläglichen Gesichte.
Ach! rief er, inniglich betrübt,
Und sank zu seines Meisters Füßen,
So strafbar als er sey, kannst du, der ihn geliebt,
Vor seiner Noth dein großes Herz verschließen?

20
Der Erdensohn ist für die Zukunft blind,
Erwiedert Oberon: wir selbst, du weißt es, sind
Des Schicksals Diener nur. In heil'gen Finsternissen,
Hoch über uns, geht sein verborgner Gang;
Und, willig oder nicht, zieht ein geheimer Zwang
Uns alle, daß wir ihm im Dunkeln folgen müssen.
In dieser Kluft, die mich von Hüon trennt,
Ist mir ein einzigs noch für ihn zu thun vergönnt.

21
Fleug hin, und mach' ihn los, und trag' ihn auf der Stelle,
So wie er ist, nach Tunis, vor die Schwelle
Des alten Ibrahim, der, nahe bey der Stadt,
Die Gärten des Serai's in seiner Aufsicht hat.
Dort leg' ihn auf die Bank von Steinen,
Hart an die Hüttenthür, und eile wieder fort:
Doch hüte dich ihm sichtbar zu erscheinen,
Und mach' es schnell, und sprich mit ihm kein Wort.

22
Der Sylfe kommt, so rasch ein Pfeil vom Bogen
Das Ziel erreicht, bey Hüon angeflogen,
Löst seine Bande auf, beladet sich mit ihm,
Und trägt ihn, über Meer und Länder, durch die Lüfte
Bis vor die Thür des alten Ibrahim;
Da schüttelt er von seiner starken Hüfte
Ihn auf die Bank, so sanft als wie auf Pflaum.
Dem guten Ritter däucht was ihm geschieht ein Traum.