23
Er schaut erstaunt umher, und sucht sich's wahr zu machen:
Doch alles was er sieht bestätigt seinen Wahn.
Wo bin ich? fragt er sich, und fürchtet zu erwachen.
Indem beginnt, nicht fern von ihm, ein Hahn
Zu krähn, und bald der zweyte und der dritte;
Die Stille flieht, des Himmels goldnes Thor
Eröffnet sich, der Gott des Tages geht hervor,
Und alles lebt und regt sich um die Hütte.

24
Auf einmahl knarrt die Thür, und kommt ein langer Mann
Mit grauem Bart, doch frisch und roth von Wangen,
Ein Grabscheit in der Hand, zum Haus heraus gegangen;
Und beide sehn zugleich, was keiner glauben kann,
Herr Hüon seinen treuen Alten
In einem Sklavenwamms—der gute Scherasmin
Den werthen Herrn, den er für todt gehalten,
In einem Aufzug, der nicht glückweissagend schien.

25
Ist's möglich? rufen alle beide
Zu gleicher Zeit—"Mein bester Herr!"—"Mein Freund!"
"Wie finden wir uns hier?"—Und, außer sich vor Freude,
Umfaßt der alte Mann des Prinzen Knie, und weint
Auf seine Hand. Ihn herzlich zu umfangen
Bückt Hüon sich zu ihm herunter, hebt
Ihn zu sich auf, und küßt ihn auf die Wangen.
Gott Lob, ruft Scherasmin, nun weiß ich daß ihr lebt!

26
Was für ein guter Wind trug euch vor diese Schwelle?
Doch zum Erzählen ist der Ort hier nicht geschickt;
Kommt, lieber Herr, mit mir in meine Zelle,
Eh' jemand hier beisammen uns erblickt.
Auf allen Fall seyd ihr mein Neffe Hassan, (flüstert
Er ihm ins Ohr) ein junger Handelsmann
Von Halep, der die Welt zu sehn gelüstert,
Und Schiffbruch litt, und mit dem Leben nur entrann.

27
Ja, leider! blieb mir nichts, seufzt Hüon, als ein Leben
Das keine Wohlthat ist!—Das wird sich alles geben,
Erwiedert Scherasmin, und schiebt sein Kämmerlein
Ihm hurtig auf, und schließt sich mit ihm ein.
Da, spricht er, nehmet Platz; bringt dann auf einem Teller
Das beste, was sein kleiner Vorrathskeller
Vermag, herbey, Oliven, Brot und Wein,
Und setzt sich neben ihn, und heißt ihn fröhlich seyn.

28
Mein bester Herr, daß wir, nach allen Streichen
Die uns das Glück gespielt, so unvermuthet hier
Zu Tunis, vor der Hüttenthür
Des Gärtners Ibrahim uns finden, ist ein Zeichen,
Daß Oberon ganz unvermerkt und still
Uns alle wiederum zusammen bringen will.
Noch fehlt das Beste; doch, zum Pfande für Amanden,
Ist wenigstens die Amme schon vorhanden.

29
Was sagst du? ruft Herr Hüon voller Freuden.
Demselben Ibrahim, dem ich bedienstet bin,
Dient sie als Sklavin hier, erwiedert Scherasmin.
Wie wird das gute Weib die Augen an euch weiden!
Drauf fängt er ihm Bericht zu geben an,
Was er in all' der Zeit gelitten und gethan,
Und was ihn, unverrichter Sachen,
Bewogen, von Paris sich wieder wegzumachen.

30
Und wie er ihn zu Rom im Lateran gesucht,
Und, seiner dort viel Wochen ohne Frucht
Erwartend, unvermerkt sein Bißchen Geld verzettelt,
Darauf, mit Muscheln ausstaffiert,
Sich durch die halbe Welt als Pilger durchgebettelt,
Bis ihn sein guter Geist zuletzt hierher geführt,
Wo Fatme, die er unverhofft gefunden,
Auf beßre Zeit mit ihm zu harren sich verbunden.

31
Zum Glück ist immer unversehrt
(Setzt er hinzu) das Kästchen mitgezogen,
Das euch der schöne Zwerg zu Askalon verehrt;
Denn, wie ich sehe, Horn und Becher sind entflogen.
Verzeiht mir, lieber Herr! ich traf den wunden Ort;
Es war nicht hübsch an mir so frey heraus zu platzen:
Die Freude, daß ich euch gefunden, macht mich schwatzen;
Allein, ihr kennt mein Herz, und weiter nun kein Wort!

32
Der edle Fürstensohn drückt seinem guten Alten
Die Hand, und spricht: Ich kenne deine Treu',
Sollst alles wissen, Freund! ich will dir nichts verhalten;
Allein, vor allem, steh in Einem Ding mir bey.
Das Kästchen, das du mir erhalten,
Ist an Juwelen reich. Denkst du nicht auch, es sey
Am besten angewandt, mir eilends Pferd und Waffen
Und ritterlichen Schmuck in Tunis anzuschaffen?