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Es sind zwölf Stunden kaum, seit eine Räuberschaar
Amanden mir entriß, mir, der am ödsten Strande
Allein mit ihr und unbewaffnet war.
Sie führen sie vielleicht in diese Mohrenlande,
Nach Marok oder Fez, gewiß nach einem Platz,
Wo Hoffnung ist, sie theuer zu verkaufen:
Allein kein Harem soll mir meinen höchsten Schatz
Entziehen, sollt' ich auch die ganze Welt durchlaufen.
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Der Alte sinnt der Sache schweigend nach.
"Die Gegend, wo ihr euch mit Rezia befunden,
Ist also wohl nur wenig Stunden
Von hier entfernt?"—Nicht daß ich wüßte, sprach
Der junge Fürst; vielleicht sind's tausend Stunden:
Mich trug, unendlich schnell, ich weiß nicht wer,
(Doch wohl ein Geist) aus einem Wald hierher,
Wo mich das Räubervolk an einen Baum gebunden.
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Das hat, ruft jener aus, kein andrer Arm gethan
Als Oberons. Ich selber, spricht der Ritter,
Ich trau' ihm's zu, und nehm's als ein Versprechen an,
Er werde mehr noch thun. So bitter
Die Trennung ist, so schreckenvoll das Bild
Des holden Weibs in wilden Räuberklauen;
Dieß neue Wunder, Freund, erfüllt
Mein neu belebtes Herz mit Hoffnung und Vertrauen.
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Der müßte ja ganz herzlos, ganz von Stein,
Und ohne Sinn, und gänzlich unwerth seyn
Daß sich der Himmel seinetwegen
Bemühe, (hätt' er auch von dem die Hälfte nur
Erfahren, was mir widerfuhr)
Wer Kleinmuth und Verdacht zu hegen
Noch fähig wär'. Es geh' durch Feuer oder Flut
Mein dunkler Weg, ich halte Treu' und Muth.
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Nur, lieber Scherasmin, wenn's möglich ist, noch heute
Verschaffe mir ein Schwert und einen Gaul.
Zu lang' entbehr' ich beides!—an der Seite
Der Liebe zwar—doch itzt, in dieser Weite
Von Rezia, däucht mir mein Herzblut stehe faul
Als wie ein Sumpf, bis ich die schöne Beute
Den Helden abgejagt. Ihr Leben und mein Glück,
Bedenk' es, hängt vielleicht an einem Augenblick.
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Der Alte schwört ihm zu, es soll' an ihm nicht liegen
Des Prinzen Ungeduld noch heute zu vergnügen.
Doch unverhofft hält seines Eifers Lauf
Am ersten Abend schon ein leidiger Zufall auf.
Denn Hüon fühlte von so viel Erschütterungen,
Die Schlag auf Schlag gefolgt, auf einmahl sich bezwungen,
Und brachte, matt und glühend, ohne Ruh,
Die ganze Nacht in Fieberträumen zu.
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Die Bilder, die ihm stets im Sinne lagen,
Beleben sich; er glaubt mit einem Schwarm
Von Feinden sich ergrimmt herum zu schlagen;
Dann sinkt er kraftlos hin, und drückt im kalten Arm
Die Leiche seines Sohns; bald kämpft er mit den Fluten,
Hält die versinkende Geliebte nur am Saum
Des Kleides noch; bald, selbst an einen Baum
Gebunden, sieht er sie in Räuberarmen bluten.
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Erschöpft von Grimm und Angst stürzt er aufs Lager hin
Mit starrem Blick. Dem treuen Scherasmin
Kommt seine Wissenschaft in dieser Noth zu Statten.
Denn dazumahl war's eines Knappen Amt
Die Heilkunst mit der Kunst der Ritterschaft zu gatten.
Ihm war sie schon vom Vater angestammt,
Und viel geheimes ward auf seinen langen Reisen
Ihm mitgetheilt von Rittern und von Weisen.
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Er eilt, so bald der schöne Morgenstern
Am Himmel bleicht, (indeß bey dem geliebten Herrn
Als Wärterin sich Fatme emsig zeiget)
Den Gärten zu, worin noch alles ruht und schweiget;
Sucht Kräuter auf, von deren Wunderkraft
Ein Eremit auf Horeb ihn belehret,
Und drückt sie aus, und mischet einen Saft,
Der binnen kurzer Frist dem stärksten Fieber wehret.
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Ein sanfter Schlaf beginnt schon in der zweyten Nacht
Auf Hüons Stirne sich zu senken.
Mit liebevoller Treu' gepfleget und bewacht,
Und reichlich angefrischt mit kühlenden Getränken,
Fühlt er am vierten Tag so gut sich hergestellt,
Um sich, so bald der Mond die laue Nacht erhellt,
In einem Gärtnerwamms, womit man ihn versehen,
Mit Scherasmin im Garten zu ergehen.