48
"So wiß es denn, weil mich die Noth zum Reden zwinget,
Ich bin sein Weib! Ein Band, das nichts zerreißen kann,
Ein Band, gewebt im Himmel selber, schlinget
Mein Glück, mein Alles fest an den geliebten Mann.
Uns drückt mit seiner ganzen furchtbarn Schwere
Des Schicksals Arm—Wer weiß, wie bald an dich
Die Reihe kommt!—Du siehst mich elend—Ehre
Mein Leiden, Glücklicher!—Du kannst es, rette mich!"

49
Wie? du bist Hassans Weib, und liebst ihn?—"Über alles!"
Unglückliche, er ist dir ungetreu!—
"Er ungetreu? Die Ursach' seines Falles,
Ich bin's gewiß, ist einzig seine Treu'."—
Ich glaube was ich sah!—"So ward er erst betrogen,
Und du mit ihm!"—Mit zürnendem Gesicht
Spricht Mansor: Spanne nicht den Bogen,
Zu stolz auf deinen Reitz, so lange bis er bricht!

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Dein Hassan stirbt—und ich kann nichts, als dich beklagen.
Er stirbt? schreyt Rezia—Tyrann,
Er, dem ein Wort von dir das Leben schenken kann,
Er stirbt? Du hast ein Herz mir das zu sagen?
Er hat des Harems Zucht verletzt,
Erwiedert Mansor kalt; ihm ist der Tod gesetzt!
Doch, weil du willst, so sey des Sklaven Leben,
Sein Leben oder Tod, in deine Hand gegeben!

51
Gieb, Schönste, mir ein Beyspiel edler Huld,
Gieb mir die Ruh, die du mir raubtest, wieder!
Ich lege Kron' und Reich zu deinen Füßen nieder;
Ergieb dich mir, so sey dem Frevler seine Schuld
Geschenkt! Er zieh', mit königlichen Gaben
Noch überhäuft, zu seinem Volk zurück!
O zögre nicht, die Güte selbst zu haben
Die du begehrst!—Ein Wort macht mein und sein Geschick.

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Unedler! ruft mit eines Engels Zürnen
Das schöne Weib, so theuer kauft der Mann,
Den Zoradine liebt, sein Leben nicht!—Tyrann,
Kennst du mich so?—Die schlechteste der Dirnen,
Die mich bedienten einst, verschmähte deinen Thron
Und dich um solchen Preis! Zwar steht, uns zu verderben,
In deiner Macht: doch, hoffe nicht davon
Gewinn zu ziehn—Barbar, auch Ich kann sterben.

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Der Sultan stutzt. Ihn schreckt des edeln Weibes Muth.
Sein feiges Herz wird mehr von ihrem Dräun gerühret
Als da sie bat; doch, ihre Schönheit schüret
Das Feuer der Begier zugleich in seinem Blut.
Was sagt' er nicht ihr Herz mit Liebe zu bestechen!
Wie bat er sie! wie schlangenartig wand
Er sich um ihren Fuß!—Umsonst! Ihr Widerstand
War nicht durch Drohungen, war nicht durch Flehn zu brechen.

54
Sie blieb darauf, ihr soll der Tod willkommner seyn.
Der Sultan schwört mit fürchterlicher Stimme
Bey Mahoms Grab, nichts soll vor seinem Grimme
Sie retten, geht sie nicht sogleich den Antrag ein.
"Ist's nicht mein letztes Wort, soll Alla mich verdammen!
Hört man den Wüthenden bis in den Vorsahl schreyn:
Entschließe dich, sey auf der Stelle mein,
Wo nicht, so stirb mit dem Verworfnen in den Flammen!"

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Sie sieht ihn zürnend an, und schweigt.—Entschließe dich,
Ruft er zum zweyten Mahl.—O so befreye mich
Von deinem Anblick, spricht die Königin der Frauen;
Des Todes Grinsen selbst erweckt mir minder Grauen.
Almansor ruft, und giebt, von Wuth erstickt,
Den grausamen Befehl, und Höllenfunken sprühen
Aus seinem Aug'. Der Schwarzen Erster bückt
Sich bis zur Erde hin, und schwört, ihn zu vollziehen.

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Schon steht der gräßliche Altar
Zum Opfer aufgethürmt; schon drängt sich, Schaar an Schaar,
Das Volk herzu, das, gern in Angst gesetzet,
An Trauerspielen dieser Art
Die Augen weinend labt, und schaudernd sich ergetzet.
Schon stehn, zum Leiden und zum Tode noch gepaart,
An einen Marterpfahl gebunden,
Die einz'gen Liebenden, die Oberon rein erfunden.

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Ein edles Paar in Eins verschmolzner Seelen,
Das treu der ersten Liebe blieb,
Entschlossen, eh' den Tod in Flammen zu erwählen,
Als ungetreu zu seyn selbst einem Thron zu Lieb'!
Mit nassem Blick, die Herzen in der Klemme,
Schaut alles Volk gerührt zu ihnen auf,
Und doch besorgt, daß nicht den freyen Lauf
Des Trauerspiels vielleicht ein Zufall hemme.