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So stirb denn, weil du willst!—ruft sie, des Athems schier
Vor Wuth beraubt: ich selbst, ich will an deinem Leiden
Mein gierig Aug' mit heißer Wollust weiden!
Stirb als ein Thor! des Starrsinns Opferthier!
Schreyt sie mit funkelndem Aug', und flucht der ersten Stunde
Da sie ihn sah, verwünscht mit bebendem Munde
Sich selbst, und stürmt hinweg, und hinter ihr
Schließt wieder klirrend sich des Kerkers Eisenthür.

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Inzwischen hatte das Gerüchte,
Das Unglücksmähren gern verbreitet und verziert,
Von ihrem Herrn die traurige Geschichte
Auch Scherasmin und Fatmen zugeführt.
Der schöne Hassan, hieß es, sey im Bade
Vom Sultan mit Almansaris allein
Gefunden worden, und morgen ohne Gnade
Werd' er, im großen Hof, ein Raub der Flammen seyn.

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Ob Hüon schuldlos sey, war ihnen keine Frage;
Sie kannten ja der Sachen wahre Lage.
Doch, hätt' er auch gefehlt, so war er mitleidswerth.
In Fällen dieser Art wird echte Treu' bewährt.
Anstatt die Zeit mit Jammern zu verderben,
Beschlossen sie, das äußerste für ihn
Zu wagen, um ihn noch aus dieser Noth zu ziehn,
Und, schlüg' es fehl, mit ihrem Herrn zu sterben.

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Kurz eh' der Tag begann, gelingt es Fatmens Muth
Und Wachsamkeit, die Hüter zu betrügen,
Und unerkannt sich bis ins Schlafgemach zu schmiegen,
Wo Rezia, von Hüon träumend, ruht.
Des unverhofften Wiedersehens Freude
Macht einen Augenblick sie sprachlos alle beide.
Das erste Wort, das Fatme sprechen kann,
Ist Hüon, ist Bericht von dem geliebten Mann.

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Was sagst du, goldne Amme? ruft Amande,
Und fällt ihr um den Hals—Mein Hüon, mir so nah?
Wo ist er?—Ach! Prinzessin, was geschah!
(Schluchzt jene weinend) Hilf! zerreiße seine Bande!
Spreng seinen Kerker auf! Dem Unglücksel'gen droht,
Aus Liebe bloß zu dir, ein jämmerlicher Tod.
Und drauf erzählt sie ihr genau die ganze Sache,
Und ihres Ritters Treu' und der Sultanin Rache.

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Schon, ruft sie, steht der Holzstoß aufgethürmt,
Nichts rettet ihn, wenn ihn nicht Zoradine schirmt!
Mit einem Schrey der Angst, halb sinnlos, fährt Amande
In wilder Hast von ihrem Lager auf,
Wirft, wie sie steht, im leichten Nachtgewande,
Den Kurdé um, und eilt in vollem Lauf
Des Sultans Zimmer zu, durch alle Sklavenwachen,
Die sie mit Wunder sehn, und schweigend Platz ihr machen.

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Sie dringt hinein, nichts achtend daß es früh
Am Tage war, und wirft mit lilienblassen Wangen,
Und Haaren, die zerstreut um ihre Schultern hangen,
Sich vor dem Sultan auf die Knie':
"Almansor, laß mich nicht vergebens
Dir knieen! Schwöre, wenn mein Leben dir
Erhaltenswürdig scheint, daß du die Bitte mir
Gewähren willst! Es gilt die Ruhe meines Lebens!"

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Begehr', o Schönste, spricht erstaunt und froh zugleich
Der Sultan, laß mich nicht in Ungewißheit schweben!
Dir zu gefallen ist mein feurigstes Bestreben;
Begehre frey! Mein Schatz, mein Thron, mein Reich,
Nichts ist zu viel, was ich zu geben
Vermag. Ein einzigs nur behält sich Mansor vor,
Dich selbst!—"Du schwörst es mir?"—Der liebestrunkne Mohr
Beschwört's.—"So schenke mir des Gärtners Hassan Leben!"

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Wie? ruft er mit bestürzter Miene,
Welch eine Bitte, Zoradine?
Was geht das Leben dich von diesem Sklaven an?
"O, viel, Almansor, viel! Mein eignes hängt daran!"
Sprichst du im Fieber? Schwärmest du? Verzeihe,
Doch, du mißbrauchst des unbegrenzten Rechts
Das dir die Schönheit giebt.—Am Leben eines Knechts
Der sein Verbrechen büßt?—"Er büßt für seine Treue!

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"Mir ist sein Herz bekannt, er hält an seiner Pflicht,
Ist schuldlos, ist ein Mann von unverletzter Ehre;
Und doch—o Mansor!—wenn er schuldig wäre,
So räche sein Vergehn an Zoradinen nicht!"
Mit Augen die von kaum verhaltnem Grimme funkeln
Ruft Mansor: Grausame, was quält dein Zögern mich?
Welch ein Geheimniß dämmert aus dem dunkeln
Verhaßten Räthsel auf! Was ist dir Hassan? Sprich!