Der Jüngling ward noch bleicher und zitterte an allen Gliedern. „Mein Vater, sprach er, ward im Kriege erschossen. Meine Mutter war eine schöne Frau, trug ein schwarzes Kleid, und weinte immer sehr viel. Ich hatte noch ein kleines Schwesterchen, die Emilie hieß. Die Mutter fuhr mit uns zwey Kindern über den Rhein. Das Schiff ging unter. Ich ward, als ein Kind von etwa vier Jahren, aus dem Wasser gezogen. Von Mutter und Schwester hörte ich seit dieser Zeit nichts mehr. Den Ring fand man, nebst einigen andern Kleinigkeiten, in einem Päckchen, das Kleidungsstücke von mir enthielt und also für mein Eigenthum erklärt wurde. Sonst weiß ich von meinen Aeltern und meinem Vaterlande nichts zu sagen. Mein Name ist Karl.“ — —
„O Karl, rief jetzt Frau von Waldheim aus und fiel dem Jünglinge um den Hals, du bist mein Sohn! Wahrhaftig; du bist es! Du bist das Ebenbild deines Vaters!“ — — „O Gott, o Gott! wie wunderbar bist Du in deinen Fügungen!“ rief sie dann wieder, indem sie mit aufgehobenen Armen weinend zum Himmel blickte. Und dann umfaßte sie wieder ihren Sohn und benetzte sein Angesicht mit Thränen. Der Jüngling war so außer sich, daß er keine anderen Worte hervorbringen konnte, als: „Mutter! Mutter! Gott! Gott! O du guter Gott!“
Emilie stand an Christinen gelehnt — und zitterte und weinte. „Emilie! rief endlich die Mutter, Emilie, o sieh da deinen Bruder! Karl, Karl, sieh da deine Schwester! O grüßt euch doch auch!“
Karl schloß seine Schwester weinend in seine Arme, und rief: „O meine liebe, liebe Schwester! O Gott, welche Freude machst du mir — so unerwartet Mutter und Schwester zu finden!“ Und auch Emilie konnte vor Weinen kein Wort vorbringen, als: „Lieber, lieber Bruder!“
Alle Drey aber waren so selig und hatten sich so viel zu fragen und zu sagen, daß sie die ganze Welt um sich her vergaßen. Die Sonne war untergegangen und es wurde bereits dunkel, ohne, daß sie es merkten. Rosalie erinnerte sie endlich, es sey Zeit, sich nach Hause zu begeben. Frau von Waldheim ging nun, an jedem Arm eines ihren Kinder, auf das Schloß zu, und Rosalie und Christine folgten ihnen.
Sechstes Kapitel.
Karls Jugendgeschichte.
Die Frau von Waldheim veranstaltete nun in dem Schlosse eine kleine Freudenmahlzeit. Emilie deckte den Tisch mit dem feinsten blendend weißen Tafeltuche und zwei helle Wachskerzen auf silbernen Leuchtern spiegelten sich in dem glänzend reinen Tischgeräthe. Karl mußte zwischen seiner Mutter und Schwester Platz nehmen, und Rosalie und Christine mußten auch mitspeisen. „Denn, sprach die Frau von Waldheim, ohne Euch und Euer Lämmchen hätte ich ja meinen lieben Sohn Karl nicht gefunden!“ Karl, der von der Reise hungrig geworden, ließ sich das Abendessen sehr wohl schmecken. Seine Mutter und Schwester aber konnten vor Freude fast nicht essen, und sahen ihn nur immer an. Sie fragten ihn bald dieses, bald jenes. Allein erst nach Tische bathen sie ihn, seine Geschichte im Zusammenhange zu erzählen, was er denn auch sehr gerne that.
„Mein Kindheit und meine Jugendjahre, sprach er, brachte ich, von dem Abende an, da ich aus dem Flusse gezogen wurde, beständig bey einem sehr ehrwürdigen Pfarrer, Namens Engelhard, jenseits des Rheins zu. Ich würde von den Schicksalen meiner ersten Kindheit und von meinen lieben Aeltern wohl kaum mehr etwas wissen, wenn er das Wenige, was ich damals — in einem Alter von vier Jahren ihm sagen konnte — mir nicht öfters wiederholt hätte. Selbst unsers Schiffbruches erinnere ich mich jetzt nur mehr dunkel. Allein der gute Pfarrer, der nicht weit von jener Unglücksstätte wohnt und sich nach allem, was mich betraf, genau erkundigt hatte, beschrieb mir jenen fürchterlichen Abend und die darauf folgende Schreckensnacht sehr oft. Der Krieg hatte mit allem, was er Schreckliches haben kann, sich gleich einem verheerenden Gewitter, ganz in jene Gegend gezogen. Zwey Dörfer standen im Brande, und die hoch auflodernden Feuerflammen erhellten mit ihrem rothen Glanze weit umher die Gegend, rötheten die Wolken des Himmels, und strahlten schauerlich aus dem Flusse wieder. Die geschlagene Armee rettete sich über den Fluß. Die Sieger drangen ihr auf dem Fuße nach. Man glaubte ein furchtbares Hochgewitter zu hören, so laut donnerten die Kanonen, und man vernahm bereits das kleine Gewehrfeuer sehr deutlich. Ganze Familien, Väter, Mütter und Kinder, hatten theils zu Fuß, theils zu Wagen sich hieher geflüchtet, und wußten nun nicht mehr weiter. Das Gedränge und die Verwirrung war unbeschreiblich. Auch der gute Pfarrer hatte das Haus voll Geflüchteter, und war unermüdet beschäftiget, sie zu trösten und zu bewirthen — da wurde auf einmal sehr stark an die Hausthüre geklopft. Er öffnete sie — und ein Soldat mit einem kleinen weinenden Knäblein auf dem Arme stand vor der Thür. Dieses Knäblein war ich!“
„Um Gottes willen, Herr Pfarrer, rief der edle Krieger, erbarmen Sie sich dieses armen Kindes, und nehmen Sie es zu sich. Ich riß es dort aus dem Fluß. Ich weiß es nirgends unterzubringen. Dieses nasse Päcklein hier enthält die Kleider des Kindes und einiges andere. Nehmen Sie — ich muß augenblicklich weiter.“ Der gutherzige Pfarrer nahm mich liebreich in seine Arme — und der Soldat stürzte fort, indem er noch rief: „Gott wird es Ihnen vergelten! Leben Sie wohl!“
Der würdige Geistliche brachte nun wohl so viel aus mir heraus, mein Vater, ein Offizier, sey im Kriege umgekommen, und meine Mutter sey mit mir und meinem kleinen Schwesterchen auf ihrer Fahrt über den Rhein verunglückt. Er unterließ nicht, nachzuforschen, ob meine Mutter und Schwester dem schauerlichen Tode des Ertrinkens nicht etwa noch entgangen seyen. Er begab sich, so bald es möglich war, in die benachbarten Orte, und fragte überall nach ihr. Er traf auch einige Menschen, die auf eben dem Schiffe gewesen, und gerettet worden. Sie sprachen mit Achtung und Mitleid von der tiefbetrübten Offizierswittwe; allein sie sagten einmüthig, sie sey mit ihrem kleinen Kinde sicher ertrunken. Die Gewalt des Stromes habe blos einige wenige Menschen, die sich auf dem untergegangenen Schiffe befunden hatten, an das Ufer, von dem sie hergekommen, zurück geworfen; Es sey gar nicht wahrscheinlich, daß irgend eine Seele das andere Ufer erreicht habe. Der edle Pfarrer hielt es indeß doch für möglich. Allein er konnte sobald keine Erkundigungen einziehen. Die Verbindung zwischen den beyden Rheinufern war des Krieges wegen lange Zeit aufgehoben. Und nachher, als man wieder Nachrichten von dem andern Ufer des Flusses erhalten konnte, stimmten alle darin überein, nirgends habe man eine solche Frau gesehen, wie die beschriebene Offizierswittwe, und sie sey also ganz gewiß todt.