„Verzeihen Sie, mein Fräulein, sagte er, da er Emiliens Aengstlichkeit bemerkte, ich wollte dem Lämmchen, das, wie ich sehe, Ihnen gehört, nichts zu leid thun. Es fielen mir nur die Buchstaben auf, die hier auf das Halsband gestickt sind. Sind das vielleicht die Anfangsbuchstaben ihres Namens?“
„Ja, sagte Emilie befremdet, das sind sie. Die drey goldenen Buchstaben auf dem rothen Atlasse hier heißen E. v. W. Ich aber heiße Emilie von Waldheim.“
„Emilie! Emilie!“ rief der Jüngling erstaunt.
Emilie erschrak über seine Heftigkeit. Sie glaubte, er sey nicht recht bey Sinnen und es, ward ihr unheimlich. „Komm, da ist nicht gut seyn!“ sagte sie zu Christine, nahm sie bey der Hand, und wollte mit ihr davon laufen. Der fremde Jüngling aber faßte sich wieder, und sagte ganz ruhig: „Ich bitte Sie, bleiben Sie nur noch einen Augenblick! Ich habe da einen goldenen Ring, auf dem die drey nämlichen Buchstaben eingegraben sind. Sehen Sie da E. v. W.! Deßhalb betrachtete ich die Buchgaben da auf dem Halsbändchen so aufmerksam und verwundert. Es liegt mir äusserst viel daran, inne zu werden, woher dieser Ring sey. Allein, fügte er traurig bey, Ihnen gehört der Ring zuverläßig nicht. Es stehet da, den Buchstaben, gegenüber, noch die Jahrzahl 1786. Dieses vereitelt meine Hoffnung. Ach, damals waren sie noch nicht geboren!“
Emilie sagte: „Meine Mutter hat eben den Namen wie ich; auch sie heißt Emilie von Waldheim.“
„Wie! rief der Jüngling aufs neue erschüttert. Wäre es möglich! Ach vielleicht gehört der Ring ihrer Mutter. Könnten Sie mich nicht zu ihr führen?“
„Mit Vergnügen, sagte Emilie. Sie ist kaum ein Paar hundert Schritte von hier. Haben Sie nur die Güte, mir zu folgen.“ Sie gingen. Der Jüngling ließ Emilien die rechte Seite, und Christine mit dem Lämmchen begleitete sie.
Als sie zur Felsenbank kamen, blieb der Jüngling in einiger Entfernung schüchtern stehen, und betrachtete die Frau von Waldheim einige Augenblicke stillschweigend. Sein Angesicht war wie von Schrecken bleich und die Hand, in der er den Ring hielt, zitterte. Indeß ermannte er sich, trat näher, verbeugte sich mit Anstand, erzählte kurz den sonderbaren Zufall mit dem Zusammentreffen der Buchstaben — und überreichte ihr den Ring.
Die Frau von Waldheim nahm den Ring — erblickte die drey Buchstaben — that einen lauten Schrey — und wäre umgesunken, wenn Rosalie sie nicht gehalten hätte.
„Gott im Himmel, was ist das? rief sie, als sie sich von dem Schrecken ein wenig erholt hatte. Das ist der Ehering meines seligen Gemahls. Sehen Sie, der Ring hier an meinem Finger, den mein Gemahl mir als Bräutigam gab und den ich noch immer zu seinem Andenken trage, ist genau auf die nämliche Art gearbeitet, nur etwas kleiner. O reden Sie, reden Sie doch, wie kamen Sie zu dem Ringe? Wer sind Sie? Wer sind Ihre Aeltern?“