Die gute Christine war von dieser feinen Art zu geben so gerührt, daß es ihr sehr schwer ankam, das Geschenk zurück zu weisen. Allein noch mehr würde es sie geschmerzt und gekränkt haben, sich ihr dankbares Gemüth bezahlen zu lassen. Sie kam in große Verlegenheit und die Thränen traten ihr in die Augen. „O nein, nein, gnädige Frau, sagte sie; ich kann das Gold wahrhaftig nicht nehmen. Es würde mir meine ganze Freude verderben. Nichts, als die reinste, herzlichste Dankbarkeit bewog mich, Fräulein Emilien mein Lämmchen als ein armes, geringes Geschenk darzubringen, und es ist mir unmöglich, mich dafür so überreichlich belohnen zu lassen.“ Sie blieb ungeachtet alles Zuredens darauf, nichts zu nehmen.
Diese Uneigennützigkeit an einem so armen Mädchen gefiel der Frau von Waldheim noch mehr, als das überbrachte ländliche Geschenk. „Nun, sagte sie, so will ich dich auf eine andere Art zu belohnen suchen, die deiner Denkart angemessener ist. Wegen deines edlen Herzens sollst du von nun an die Gespielin meiner Emilie seyn. In deiner Gesellschaft läuft sie keine Gefahr, niedrige Gesinnungen anzunehmen. Komm fürs erste nur allzeit nach Tische hieher — da will ich euch mit einander Arbeit geben, und dann wollen wir schon sehen, was noch weiter zu thun ist.“
Als Christine nach Hause kam und erzählte, wie es gegangen, war ihre Mutter mit ihrem Betragen sehr zufrieden. „Siehst du nun, sprach sie, es ist so, wie ich dir schon öfter gesagt habe. Das ärmste Kind — wenn es sich nur bestrebt, von Herzen gut zu seyn, findet am Ende doch Menschen, die es um seiner Güte willen mehr schätzen, als wäre es mit Gold und Perlen behängt. Das reichste und schönste Mädchen hingegen — wenn es sonst nichts weiter ist — wird der gerechten Verachtung am Ende doch nie entgehen, und das Glück, von guten Menschen aufrichtig geliebt und geehrt zu seyn, wird ihm nie zu Theil werden. Gutseyn, Gutseyn ist das Einzige, was uns wahrhaft froh, reich und geehrt macht.“
Fünftes Kapitel.
Ein Fremder tritt auf.
An dem goldgestickten Halsbändchen, mit dem das Lämmchen geschmückt war, hatte die Frau von Waldheim entdeckt, daß Rosalie eine sehr geschickte Stickerin sey. Rosalie hatte aber diese Kunst, weil dergleichen Arbeiten in dem Dorfe nicht geschätzt wurden, lange nicht mehr geübt, und sich blos auf das Stricken und Nähen verlegt. Frau von Waldheim gab ihr nun manches zu verdienen, und verschaffte ihr auch anderwärts her Bestellungen. Die arme Rosalie fand auf diese Art nicht nur ihr hinreichendes Auskommen, sondern überdieß noch öfteren Zutritt in das Schloß.
Frau von Waldheim hatte Anfangs sich Rosaliens nur aus Mitleid angenommen; allein so wie sie dieselbe näher kennen lernte, verwandelte sich dieses Mitleid nach und nach in Hochachtung. Sie fand an dem Umgange mit ihr immer mehr Vergnügen. Man wunderte sich, daß eine adeliche Dame, die Gemahlin eines Stabsoffiziers, mit einer armen Soldatenwittwe Freundschaft machen möge. Allein Frau von Waldheim sagte lächelnd: „Nun, Ihr werdet doch nicht behaupten, mein seeliger Mann, der tapfre Major, sey kein Soldat gewesen? Doch im Ernste! Eben dieses, daß auch ihr Mann zum Militär gehörte, und wie der Meinige den Tod für das Vaterland starb, diente ihr bey mir zur Empfehlung. Die Aehnlichkeit unsrer Schicksale vermehrte meine Zuneigung zu ihr. Sie ist Wittwe, wie ich, mußte vieles leiden, wie ich, hat wie ich nur eine einzige Tochter. Unsre Töchter sind von gleichem Alter, und lieben einander herzlich — und wenn meine Emilie so gut und edel ist als ihre Christine, und Emiliens Mutter so gut und edel als Christinens Mutter, so will ich es gerne zufrieden seyn. Die äusserlichen Verhältnisse weisen dem Menschen allerdings seinen Rang in der menschlichen Gesellschaft an; allein nur ein wahrhaft gutes edles Herz macht den wahren Werth des Menschen aus. Diese arme Soldatenwittwe ist so bescheiden, so sanft, so rechtschaffen, so durch Leiden bewährt, so von Herzen fromm, und dabey so verständig und gebildet, daß ich dadurch mich geehrt fühle, sie meine Freundin zu nennen.“
Frau von Waldheim zeichnete auch ihre arme Freundin immer mehr aus. Sie kam jeden Sonntag von dem Schlosse in das Dorf herab zur Kirche, und da ging sie nach dem Gottesdienste nie an Rosaliens armer Wohnung vorüber, ohne wenigstens auf einige Augenblicke einzukehren. Sie gab Christinen, die täglich in das Schloß kam, öfter auf, ihre Mutter mitzubringen, und bald mußten beyde alle Tage nach Tische in das Schloß kommen. Die gnädige Frau und das Fräulein, Rosalie und Christine saßen dann zusammen an Einem Arbeitstische, und beschäftigten sich einige Stunden sehr emsig mit allerley schönen Arbeiten. Rosalie mußte hierauf mit der gnädigen Frau Thee trinken, und Christine mit Emilien ein Butterbrod essen. Auf den Abend machten sie gewöhnlich alle zusammen noch einen kleinen Spaziergang.
Einmal an einem schönen Sommerabend gingen sie nun mit einander in den Eichwald, der sich am Abhange des Schloßberges herumzog. Mehrere schattichte Gänge, die mit reinlichem Kiese bestreut waren, führten durch den Wald, und hie und da war eine bequeme Bank zum Ausruhen angebracht. Der Tag war sehr heiß gewesen und noch war es ziemlich schwühl. Die Frau von Waldheim setzte sich daher mit ihrer Begleiterin Rosalie auf eine steinerne Bank, die in einen Felsen des Berges eingehauen und von einem Paar Eichen beschattet war. Das Plätzchen war, wegen der herrlichen Aussicht, die man hier genoß, ihr Lieblingsplätzchen.
Emilie und Christine gingen noch eine Strecke weiter, und jede trug ein niedliches Körbchen am Arme. Es war gerade die Zeit der Himbeeren, und Emilie hätte deren schon lange selbst gerne im Walde gepflückt. Christine führte sie zu einer ausgehauenen Stelle des Waldes, die beynahe ganz mit Himbeersträuchen bedeckt war. Beyde Mädchen pflückten nun sehr geschäftig und ließen sich die duftenden Beeren sehr wohl schmecken. Bald rief diese, bald jene, hier gebe es noch schönere. Die allerschönsten thaten sie aber in ihre Körbchen, um sie Emiliens Mutter zu bringen. Das Lämmchen, das sie mitgenommen hatten, lief indeß auf dem offenen Platze herum, graste hier ein wenig, nagte dort an den Blättern der Gesträuche, und hatte sich nach und nach ziemlich weit von ihnen entfernt.
Da bemerkte Emilie auf einmal einen fremden Jüngling, der das Lämmchen streichelte und das Halsband desselben sehr aufmerksam betrachtete. Emilie und Christine eilten sogleich hin, denn sie fürchteten, er wolle das Halsband oder gar das Lämmchen mit sich fort nehmen. Der Jüngling blickte, als er sie kommen hörte, auf. Er war sehr schön und blühend von Angesicht und hatte ein dunkelgrünes Sommerkleid an und einen runden Kastorhut auf. Er schien bis zu Thränen gerührt, und blickte Emilien mit einer Art von Erstaunen und Verwunderung an. Endlich nahm er mit seiner Rechten ehrerbietig den Hut ab; in seiner Linken aber hielt er — was Emilien äußerst seltsam vorkam — einen goldenen Ring.