„Ihr mein Lämmchen schenken!“ fiel Christine ihrer Mutter schnell ins Wort. „Ja, das will ich! rief sie. Morgen in aller Frühe soll sie es haben. Emiliens Mutter hat mir das Liebste erhalten, was ich in der Welt habe — dich liebste Mutter! Warum sollte ich Emilien nicht mit Freuden das schenken, was mir nach dir das Liebste ist — mein Lämmchen!“

„Nun, das freut mich, sprach die Mutter, daß du ein dankbares Herz hast. Das ist mehr werth, als wenn man dir das Lamm mit Gold aufwägen würde.“

Die Mutter erinnerte sich, daß sie unter ihren Sachen noch ein kleines Streifchen rothen Atlaß und einige vergoldete Flittern habe. Sie suchte sie unverzüglich hervor, und saß sogleich hin, aus dem Atlasse für das Lämmchen ein Halsband zu machen, und mit den Flittern Emiliens Namen hineinzusticken. Emilie hatte Christinen ein feines, weißes Halstuch geschenkt. In der Ecke desselben waren die Anfangsbuchstaben von Emiliens Namen zierlich mit blauer Seide eingenäht. Diese Buchstaben dienten der Mutter zum Muster. Sie war gesonnen, so lange aufzubleiben, bis sie mit dieser Arbeit fertig wäre. Christine leistete ihr treulich Gesellschaft, fädelte ihr jedesmal die Nadel ein, und suchte die schönsten und tauglichsten Flittern heraus und both sie ihr hin. Endlich gegen Mitternacht war die Stickerey vollendet, und Christine war über das schön gelungene Werk so erfreut, daß sie vor Freude fast nicht schlafen konnte.

Sobald am andern Tage die Morgenröthe anbrach, eilte das gute Mädchen mit dem Lamme dem Bache zu, und wendete ihr letztes Stückchen Seife daran, das nette Thierchen so rein zu waschen, als möglich. Und sieh da — es ward fast so weiß, wie neugefallener Schnee. Die Mutter legte nun dem Lämmchen das Halsbändchen an. Der hochrothe Atlas mit den goldenen Buchstaben und der goldenen Einfassung nahm sich zwischen dem reinen, weißen Gekräusel der Wolle ganz unvergleichlich schön aus. Christine und ihre Mutter betrachteten das Lämmchen mit Entzücken, und konnten kaum aufhören es zu loben.

Christine trug nun das Lämmchen in das Schloß. Sie ging zuerst in die Küche zur alten Köchin, die sich immer besonders liebreich gegen Christine bezeugt hatte, und redete mit ihr, wie sie ihr Geschenk am schicklichsten anbringen könne. Die Köchin hatte an dem schön geschmückten Lamme ein großes Wohlgefallen und lobte Christinens Einfall sehr. Sie nahm das Lämmchen, ging, und öffnete leise die Zimmerthüre der Herrschaft. Die gnädige Frau saß am offenen Fenster und strickte. Emilie las ihr aus einem Buche vor. Beyde waren so emsig, daß sie nicht aufblickten. Da schob die Köchin das Lämmchen geschwind zur Thüre hinein, machte die Thüre eben so leise wieder zu, und eilte zurück in die Küche.

Frau von Waldheim und Emilie hatten von allem nichts gemerkt. Das Lämmchen blieb an der Thüre stehen, schaute eine Weile umher, und fing dann laut an zu blöcken. Emilie blickte auf, und rief: „Je das Lämmchen!“ Sie nahm von dem Seitentischchen ein wenig Brod, das von dem Frühstücke über geblieben war, und hielt es dem Lämmchen hin, und das arme Thierchen, das den Morgen noch kein Futter bekommen hatte, lief sogleich auf sie zu, und fraß es ihr aus der Hand. Emilie hatte eine unbeschreibliche Freude. Das Lämmchen kam ihr ohne Vergleich schöner vor als gestern, und als sie erst die goldenen Anfangsbuchstaben ihres Namens bemerkte, und daraus ersah, das Lämmchen sey zum Geschenk für sie bestimmt, da war ihre Freude noch größer.

„O wie gut ist doch Christine, sagte sie, daß sie mir ihr Liebstes giebt! Ich getraue mir kaum es anzunehmen. Was meynen Sie, liebste Mutter, daß ich thun soll?“

„Du mußt es annehmen, sagte die Mutter, sonst würdest du das gute Kind betrüben. Ich werde Christinen auf eine andere Art entschädigen.“

Emilie eilte nun in die Küche, ihr gutes Erdbeermädchen zu rufen. Christine hatte sogleich fort gewollt; allein die Köchin hatte sie aufgehalten. Es kostete Emilien viele Mühe, das bescheidene Mädchen herein zu nöthigen in das Zimmer.

Die Frau von Waldheim hatte indessen aus ihrem Schreibkasten ein Goldstück hervor gesucht, auf dem ein Lamm abgebildet war. „Du hast ein sehr dankbares Herz, mein liebes Kind! sagte sie, als das erröthende Mädchen an Emiliens Hand in das Zimmer trat. Du hast meiner Tochter ein Geschenk gemacht, das ihr wohl nicht für Gold feil wäre. Nimm hier als eine kleine Gegenerkenntlichkeit dieses goldene Lämmchen.“