„Ihr seyd sicher nicht aus dem Dorfe dahier, sagte die gnädige Frau. Denn Ihr habt das Stricken und Eure Tochter hat das Lesen nicht dahier gelernt. Ihr müßt wohl durch besondere Schicksale hieher gekommen seyn?“
„Ja wohl hatte ich besondere und sehr harte Schicksale!“ sagte die Kranke und fing an zu erzählen. „Mein Mann, sprach sie, war Leibjäger in den Diensten einer Herrschaft jenseits des Rheins. Wir waren kaum ein Paar Jahre verheirathet und hatten diese Zeit ungemein glücklich und vergnügt gelebt — da brach der Französische Krieg aus. Unsere Herrschaft flüchtete, und konnte uns nicht mitnehmen. Mein Mann trat auf ihr Anrathen bey einem Jägerchor in Dienste. Ich konnte ihm mit meiner Tochter, die damals noch so klein war, daß sie den Namen Vater noch nicht aussprechen konnte, natürlich nicht folgen. Unter tausend Thränen nahmen wir Abschied. Ach es war das letzte Mal, daß ich ihn sah! Er schrieb mir zwar von Zeit zu Zeit, daß er gesund sey. Allein plötzlich vernahm ich, er sey schwer verwundet, und bald darauf erhielt ich die Nachricht, er sey an seinen Wunden gestorben. Mein Jammer war unbeschreiblich! Ach, er war ein guter Mann, ehrlich und redlich! Ich weiß zwar sein Grab nicht; allein seine Gebeine ruhen gewiß in Frieden! — Ich gerieth nun mit meiner Tochter bald in sehr großes Elend. Ich hatte mich nach Hause zu meinen Aeltern begeben. Allein auch diese Gegenden wurden nunmehr von dem Kriege schrecklich heimgesucht. Meine Aeltern verloren all das Ihrige, und starben bald darauf an einer ansteckenden Krankheit, die der Krieg verbreitet hatte. Ich war genöthiget, auszuwandern. Meine Habseligkeiten waren klein beysammen. Ich hatte fast nichts, als diese zwey Hände. Ich irrte weit umher. Endlich kam ich in dieses Dorf. Diese Hütte stand eben leer. Die wackern Bauersleute, deren Nebenhaus sie ist, gestatteten mir, hinein zu ziehen, unter der Bedingung, daß ich ihre zwey kleinen Mädchen im Nähen und Stricken unterrichte, was ich denn auch sehr gerne that! Ich habe allerdings viel gelitten — allein Gott hat doch immer treulich für mich gesorgt und mir immer und überall durchgeholfen, bis auf diesen Augenblick, da Er Sie, edle Wohlthäterin, unter dieses Strohdach führte. Ihm sey Dank für alles — für Leiden und Freuden!“
Die Frau von Waldheim hörte sehr aufmerksam zu, und die hellen Thränen glänzten ihr in den Augen. „Ach, sagte sie, mein Schicksal gleicht sehr dem Eurigen, nur ist es noch trauriger! Ich habe nicht nur, wie Ihr, Aeltern und Ehegemahl verloren, sondern überdieß noch meinen einzigen Sohn. Mein Gemahl war Major eines Husarenregiments. Sogleich in einer der ersten Schlachten, in der er sich sehr auszeichnete, die aber unglücklich ausfiel, ward er gefährlich verwundet. Ich eilte auf die Schreckensnachricht mit meinen zwey Kindern unverzüglich zu ihm. Allein mir ward nur mehr der traurige Trost, ihn noch einmal zu sehen. Er starb in meinen Armen. Wie mir zu Muthe war, könnet Ihr Euch denken, beschreiben kann ich es unmöglich. — Auf die unglückliche Schlacht folgte eine übereilte Flucht. Alle Strassen waren mit Flüchtlingen bedeckt. Ich ward unter dem Gewühle von Menschen mit fortgerissen, fast ohne zu wissen wohin. Meine zwey Kinder — ein lieblicher Knabe von kaum vier Jahren, und diese Tochter hier, die damals noch kein Jahr alt war, vermehrten noch meinen Jammer. Als ich mit ihnen an den Rhein kam und über die Brücke wollte, war das Gedränge von Kriegswagen, Kanonen, Pulverkarren, Wagen voll verwundeter Krieger, die alle hinüber wollten, so groß, daß ich mich der Brücke gar nicht nähern konnte. Indeß war die Sonne untergegangen. In einiger Entfernung wurde noch gefochten, um den Uebergang über den Fluß zu decken. Allein der Donner der Kanonen rückte immer näher. Ach es war der schrecklichste Abend meines Lebens! Einige der Flüchtlinge bemächtigten sich weiter hinab an dem Flusse eines Schiffes, um das andere Ufer zu erreichen. Aus Mitleid nahmen sie mich und meine Kinder in das Schiff auf. Allein das Schiff war so mit Menschen überladen, und sie waren des Fahrens so unkundig, daß er umschlug.
Ein Offizier am andern Ufer hatte unsre Gefahr bemerkt und uns zwey Soldaten mit einem kleinen Schifflein, dem einzigen, das eben vorhanden war, zu Hülfe geschickt. Es kam eben an, als das unsrige gesunken war. Ich und meine Tochter, die ich fest in den Armen hielt, wurden mit genauer Noth aus den Fluthen gerettet und halb todt an das Land gebracht. Allein mein Sohn war untergegangen und von ihm ward nichts mehr gesehen.“
Frau von Waldheim konnte hier vor Weinen nicht mehr reden, und verbarg ihr Gesicht in ihr weißes Tuch. Ueber eine Weile sprach sie weiter: „Ich und meine Tochter wären vor Frost und Nässe wohl auch noch umgekommen, wenn nicht eine mitleidige Herrschaft, die eben vorbey kam und auch auf der Flucht war, uns in ihren Reisewagen aufgenommen hätte. Allein die Angst und der Schrecken beym Schiffbruche, die beständige Traurigkeit über den Tod meines Gemahls und Sohnes, und die Beschwerlichkeiten auf der Flucht, zogen mir eine Krankheit zu. Als ich wieder hergestellt war, dachte ich erst an eine andere nachtheilige Folge dieses zweyfachen Todfalles. Weil mein Gemahl ohne einen männlichen Erben gestorben war, so fielen unsre Güter dem Landesherrn anheim. Unser Schloß dahier wurde sogleich in Besitz genommen und zu einem Spitale für kranke und verwundete Krieger eingerichtet. Ich mußte, was ich jedoch nur den unruhigen Zeiten zuschreiben kann, lange ohne Pension leben; da ich keine eigene Wohnung mehr hatte, mußte ich in der Stadt einen sehr hohen Hauszins bezahlen, und zuletzt wirklich Mangel leiden. Endlich ward mir ein anständiger Wittwengehalt ausgeworfen, der Betrag für die verflossenen Jahre baar ausbezahlt, und mir ein Theil des Schlosses dahier, das ehemals unser Eigenthum war, zum Aufenthalt angewiesen. Allein der Verlust meines Gemahls und meines Sohnes bleiben doch unersetzlich! So groß indeß auch dieser Verlust ist, so ist doch dieß ein schöner Gewinn dabey, daß meine Leiden mich Gott mehr kennen lehrten und mich gefühlvoller für die Leiden meiner Mitmenschen machten. Und dann — was können wir uns auf Erden mehr wünschen, als unser ordentliches Auskommen und ein ruhiges Plätzchen, wo wir im Frieden leben, Gott dienen und unsern Mitmenschen Gutes thun können — in der seligen Hoffnung, unsre verklärten Geliebten in einer bessern Welt wieder zu sehen.“
Indeß war es spät geworden. Die Frau von Waldheim sah an ihre Uhr, und stand auf. „Bedient Ihr Euch auch der Hülfe eines Arztes?“ fragte sie noch. „Ach nein, sagte die Kranke. Einen ordentlichen Arzt vermag ich nicht, und mich eines Pfuschers zu bedienen, trage ich Bedenken.“„Ihr habt Recht! sagte die gnädige Frau. Besser gar keine Hülfe, als eine solche.“ Sie versprach der Kranken ihren eigenen Arzt zu schicken, und tröstete sie mit der Hoffnung, unter Gottes Beystande werde es dann bald besser werden. Hierauf befahl sie, Christine solle alle Tage in dem Schlosse für ihre Mutter das Essen holen, wünschte Beyden freundlich gute Nacht, und kehrte mit Emilien wieder zurück in das Schloß.
Viertes Kapitel.
Unterhaltungen der beyden Töchter.
Nach vierzehn Tagen besuchten Frau von Waldheim und Emilie die kranke Rosalie wieder. Es hatte sich mit ihr indessen sehr gebessert. Die trefflichen Arzneyen und die angemessenen Speisen hatten ihr überaus gut angeschlagen. Sie war bereits auf, saß an der Tischecke auf der Bank und strickte. Sobald sie die gnädige Frau erblickte, stand sie auf, eilte ihr entgegen, und die Zähren liefen ihr über die blassen Wangen. Sie konnte keine Worte finden, ihren Dank auszudrücken. Die Frau von Waldheim setzte sich an die andere Ecke des Tisches. Sie hatte ihr Arbeitskörbchen mitgebracht und nahm ihr Gestrick hervor. Emilien erlaubte sie, mit Christinen indessen in den Baumgarten zu gehen, der sich von der Hütte bis an den Bach erstreckte, und den guten Bauersleuten gehörte, von denen Rosalie so liebreich aufgenommen worden.
Während nun die zwey Mütter sich über ihre Schicksale miteinander unterredeten, unterhielten sich die zwey Töchter in dem Garten. Christine führte Emilien ihr zahmes Lämmchen vor. Emilie hatte über das artige Thierchen eine ungemeine Freude. Da sie in einer großen Stadt erzogen worden, kannte sie die Schafe beynahe nur aus ihrem Bilderbuche. Noch nie hatte sie ein Lamm in der Nähe gesehen. Das Lamm ließ sich von Emilien streicheln, fraß die zarten, grünen Blättchen, die Emilie ihm vorhielt, ihr aus der Hand, und lief ihr sogleich nach, als wollte es noch mehr. Emilie war ganz entzückt. Auch ein solches Lämmchen zu haben, war ihr herzlichster Wunsch. Allein sie war zu bescheiden, es sich merken zu lassen. „Nein, dachte sie, um alles in der Welt möchte ich die arme Christine nicht um ihre einzige Freude bringen!“
Nachdem Frau von Waldheim und Emilie fort waren, erzählte Christine ihrer Mutter, welche große Freude das Fräulein an dem Lämmchen gehabt habe. Da sprach die Mutter: „Höre einmal, Christine! Emilie und ihre Mutter haben viele Güte für uns gehabt. Ohne sie läge ich vielleicht in dem Grabe, und du hättest keine Mutter mehr. Es ist billig, daß wir uns so dankbar bezeigen, als möglich. Du könntest Emilien nun wohl auch eine große Freude machen — aber ich fürchte, es kommt dich zu schwer an. Allein an deiner Stelle wüßte ich wohl, was ich thun würde!“