Frau von Waldheim lächelte über den unschuldigen Irrthum des armen Kindes und erkundigte sich auf das liebreichste nach den Umständen der kranken Mutter. Christine bekam wieder Muth und gab auf jede Frage eine verständige Antwort. Als sie aber von der Armuth und den vielen Leiden und Schmerzen ihrer lieben Mutter erzählte, konnte sie vor Betrübniß fast nicht mehr reden. Sie schluchzte und reichliche Thränen floßen über ihre Wangen.

„Weine nicht so, liebes Kind, sagte die gnädige Frau; ich werde für deine Mutter sorgen. Du mußt mir jetzt nur noch sagen, wo ihr wohnet?“ „In der letzten Hütte des Dorfes, antwortete Christine. Sie können aus dem Fenster hier das Strohdach dort zwischen den Bäumen sehen.“ „Nun wohl, sprach Frau von Waldheim, das kleine Haus mit den weißen Mauern und dem gelben Dache nimmt sich zwischen den dunkelgrünen Bäumen sehr artig aus. Da wohnt also deine Mutter. Und wie heißt sie denn?“ „Sie heißt Rosalie West, sagte Christine; in dem Dorfe heißt man sie aber gewöhnlich nur die arme Rosalie.“

Die gnädige Frau bezahlte hierauf die Erdbeeren dreyfach, und befahl, die Porzellanschale, in der Christine die Beeren gebracht hatte, mit der besten Fleischsuppe für die kranke Mutter zu füllen.

„Das ist ja ein überaus liebes, gutes Kind! sagte die Frau von Waldheim zu Emilien, als Christine fort war. Ich will nicht einmal etwas davon sagen, daß sie bey all ihrer Armuth schon in ihrem Aeußerlichen ein Muster der Reinlichkeit und Ordnung ist. Allein ihre Liebe zu ihrer Mutter geht über alles. Ein solches Herz voll kindlicher Liebe ist mehr werth, als ein Diamantstern auf der Brust. O Emilie! wenn ich einmal — was zu seiner Zeit auch eintreffen wird — so krank und elend daläge, wie Christinens Mutter, würdest du wohl auch so zärtlich um mich besorgt seyn, meiner so liebreich pflegen, und so vieles für mich thun?“

Emilie, der bey Christinens Erzählung die Thränen schon immer in den Augen standen, fiel ihrer Mutter weinend um den Hals. „Das wolle Gott verhüthen, sprach sie schluchzend, daß Sie, liebste Mutter, krank und elend werden. Lieber wolle Er mir eine Krankheit zuschicken. Aber wenn es denn doch so seyn müßte, und Sie krank werden sollten — o gewiß, gewiß, ich würde nicht weniger für Sie thun, als Christine für ihre Mutter thut.“

„Gott segne dich, liebes Kind, für diese deine kindliche Liebe, sprach die gerührte Mutter. O bleibe immer so gesinnt, und du wirst auf Erden noch viele frohe Tage erleben. Denn glaube mir, jedem Kinde, das seine Aeltern aufrichtig ehrt und liebt, läßt es Gott wohl gehen. Und so wird — denke du an mich! — auch die arme Christine noch bessere Tage sehen!“

Christine war indeß vergnügt und fröhlich nach Hause geeilt. Ihre Mutter ward über ihre Erzählung hoch erfreut, und die kräftige Fleischbrühe kam der armen Frau, die seit langer Zeit nichts als Wassersuppen gegessen hatte, sehr wohl. „O liebe Christine, sagte sie, indem sie mit aufgehobenen Händen andächtig zum Himmel blickte, so verläßt Gott die Seinen doch nie! Er hilft allemal noch zur rechten Zeit! — Laß uns fernerhin auf Ihn vertrauen; allein dabey auch immer das Unsrige treu und redlich thun. Denn sieh, liebe Christine, wenn du, aus kindlicher Liebe zu mir, nicht so fleißig Erdbeeren gesammelt und meinen Ermahnungen zur Reinlichkeit und Ordnung nicht gefolgt hättest — so hätten wir das Glück wohl nicht gehabt, daß die gnädige Frau und das liebe Fräulein sich unsrer Armuth so liebreich annehmen wollen. Sieh, nicht das geringste Gute bleibt ohne gute Folgen; Gott bedient sich desselben, edle Herzen zu rühren, und durch sie uns aus der Noth zu erretten.“

Drittes Kapitel.
Die Schicksale der beyden Mütter.

Der folgende Tag war ein Sonntag. Christine saß des Abends, nachdem sie ihre kleinen Hausgeschäfte besorgt und ihr Lämmchen gefüttert hatte, neben dem Bette ihrer Mutter, und las ihr aus einem Buche mit sanfter, lieblicher Stimme deutlich und langsam vor. Der Abend war sehr schön und die untergehende Sonne schien durch die Rebenblätter am Fenster glutroth in das kleine Stüblein. Da trat auf einmal die Frau von Waldheim mit Emilien herein. „Je, rief Christine und sprang auf, die gnädige Frau und das Fräulein!“ Die Kranke war von der Gnade dieses Besuches sehr gerührt.

Die Frau von Waldheim blickte vergnügt in dem engen Stübchen umher. Die Wände waren schneeweiß, die wenigen Schüsseln und Teller auf dem Rahmen an der Wand hell und glänzend! der Tisch, die Bank, das Paar Stühle und der Stubenboden rein gefegt. Auch die Bettüberzüge und die Kleidung der kranken Frau waren, so ärmlich sie aussahen, äußerst reinlich. Die Frau von Waldheim setzte sich auf den Stuhl, von dem Christine aufgestanden war. Mit Wohlgefallen vernahm sie, daß Christine alles so in Ordnung halte. Sie blätterte in dem Buche, lobte das Buch und Christinens gutes vernehmliches Lesen, das sie noch gehört hatte. Sie bemerkte auf dem Kasten an der Wand ein Paar Strickkörbchen, durchsuchte sie, und war mit den Arbeiten, der Mutter sowohl als der Tochter, sehr zufrieden.