Indessen kamen Rosalie und ihre Tochter, wie gewöhnlich, auf Besuch. Frau von Waldheim stellte beyde dem ehrwürdigen Pfarrer vor. „Sehen Sie, mein lieber Herr Pfarrer, sagte sie, dieses da ist das gute Kind, das uns mit dem Lamme ein so segenreiches Geschenk gemacht hat, und hier ist ihre Mutter, die das Halsband mit den drey entscheidenden Buchstaben geziert hat.“ Der edle Pfarrer freute sich sehr, die gute Rosalie und ihre Tochter kennen zu lernen, und grüßte beyde auf das freundlichste.
Frau von Waldheim trug nun Rosalien auf, den Thee, nebst Brod und Butter, Wein und Obst unter die Kastanienbäume herab zu bringen. Emilie und Christine aber schlichen sich fort, zierten das Lämmchen, das immer rein und weiß war wie Schnee, mit Kränzen von frischem grünen Laub und jungen, halbgeöffneten Rosen, legten ihm das goldgestickte Halsband an, und führten es dem Herrn Pfarrer vor. Der freundliche Greis betrachtete es mit Wohlgefallen, streichelte es und sagte zu Frau von Waldheim und zu Emilien: „Sie haben mich mit den zwey werthen Personen, durch die Ihnen Gott ein so großes Glück bereitete, bekannt gemacht, und sogar das Lamm nicht vergessen, das, ohne es zu wissen, zu diesem Glücke so vieles beygetragen hat. Nun muß ich Sie aber auch noch den Mann kennen lehren, der nach Gott die vorzüglichste Ursache dieser erfreulichen Ereignisse war, und der das Größte that, was Menschen thun konnten, Ihrer aller Glück zu gründen. Ich meyne jenen edelmüthigen Soldaten, der sich mit Gefahr seines eigenen Lebens muthig in den Rhein stürzte, und unsern lieben Karl hier, als ein zartes unmündiges Knäblein, aus den reißenden Fluthen glücklich herausholte.“
„Der gute Mann hatte, seit dem er jene edle That vollbrachte, sehr vieles auszustehen. Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Wesentliche davon kurz erzähle. Er machte mehrere Feldzüge mit, hatte unsägliche Mühseligkeiten zu erdulden und wurde endlich schwer verwundet. Er und eine Menge anderer Verwundeter wurden auf Wagen geladen und weiter geführt. Nun traf sichs, daß der lange Zug von Wagen an dem Hause eines Wollfärbers vorbeykam, der außen vor dem Thore eines kleinen Städtchens nahe am Wasser wohnte. In diesem Hause war der brave Krieger ehemals einige Wochen im Quartier gelegen, und hatte dem Färber, dessen Wohnung dem Uebermuthe der Soldaten am meisten ausgesetzt war, ganz ungemeine Dienste geleistet, und ihm Vermögen und Leben gerettet. Der Färber schaute eben jetzt aus dem Fenster, die Wagen vorüber ziehen zu sehen — und erblickte unter den Verwundeten seinen ehemaligen Beschützer, der sich auf dem Wagen mühsam aufrichtete und sehnlich zu den Fenstern heraufsah. Augenblicklich eilte der Färber hinab, grüßte ihn, und bath den Offizier, der den Zug begleitete, den armen todtschwachen Mann ihm zu überlassen. Der Feldarzt ward gerufen und dieser erklärte, der Mann werde ohnehin, wie schon hundert Andere, das Militärspital nicht mehr erreichen und zuverläßig unterwegs sterben. Man solle ihn also ohne weiters in das Haus des barmherzigen Mannes bringen, so würde der arme Leidende wenigstens für seine letzten Augenblicke noch einige Erleichterungen finden.“
„Der Färber nahm nun seinen ehemaligen Hausfreund und Wohlthäter voll des herzlichsten Mitleids in sein Haus auf. Die sorgfältigste Pflege und der Fleiß des geschickten Wundarztes im Orte retteten ihm wider alle Erwartung das Leben; nur blieb er noch lange Zeit so schwach, daß er nicht weiter reisen, auch keine etwas schwere Arbeit verrichten konnte. Der Färber, der ein reicher Mann war und ein sehr weitläuftiges Gewerbe hatte, behielt ihn aber sehr gerne bey sich, und der dankbare Krieger, der eine sehr schöne Handschrift hat, besorgte ihm seinen Briefwechsel und führte ihm sein Handlungsbuch mit dem größten Fleiße und mit der pünktlichsten Genauigkeit. Beyde gewannen einander immer lieber, und lebten zusammen in wahrhaft brüderlicher Eintracht.“
„Allein nun änderte sich auf einmal die Sache. Der brave Soldat war kaum vollends hergestellt und wieder zu Kräften gekommen, so starb der ehrliche Färber sehr unvermuthet hinweg. Der Tod hatte ihn zu schnell übereilt, sonst würde er seinen Freund sicher in seinem Testamente bedacht haben. Sein Vermögen fiel den Verwandten zu; die Färberey wurde verkauft; die hartherzigen Erben ließen den guten Mann mit leeren Händen abziehen. Er mußte sein Unterkommen weiter suchen. Er wollte jedoch zuvor zu seinem Regimente reisen, und, weil sein linker Arm etwas gelähmt blieb, um seinen Abschied bitten. Der Weg führte ihn nahe bey meinem Pfarrdorfe vorbey. Da regte sich natürlich in seinem Herzen der Wunsch zu erfahren, was aus dem Kinde geworden sey, das er einst aus dem Wasser gezogen hatte. Er besuchte mich — eben ein Paar Tage, nachdem Karl abgereist war. Ich hatte eine große Freude, den edelmüthigen Krieger wieder zu sehen behielt ihn bey mir, und sann nach, ob ich ihm nicht irgendwo ein angemessenes Plätzchen verschaffen könnte.
Da kam Karls Brief — mit der unerwarteten Freudennachricht. Ich hielt es für sehr zweckmäßig, den braven Mann mit hieher zu nehmen. Denn fürs Erste, dachte ich, wird sein Zeugniß, daß er in jenem Jahre und an jenem Tage ein Knäblein von etwa vier Jahren aus dem Rheine zog, und es nebst einem Päcklein mit dessen Kleidern, in dem sich jener Ring fand, mir übergeben habe, sehr dienlich seyn, zu erweisen, Karl sey wirklich der Sohn der gnädigen Frau von Waldheim, von dem man glaubte, er sey ertrunken. Fürs Zweyte hoffte ich, Karl werde gegen den Retter seines Lebens gewiß nicht unerkenntlich seyn — zumal der brave Mann treu wie Gold, im Schreiben und Rechnen sehr gewandt, besonders aber ein treflicher Forstmann ist, und dem künftigen Herrn von Waldheim in Verwaltung seiner Güter sehr nützliche Dienste leisten kann.“
„O, wo ist er denn? Wo ist er?“ riefen Frau von Waldheim, Karl und Emilie fast mit einer Stimme.
Der Pfarrer wandte sich um, winkte einem ordentlich gekleideten Manne, der bescheiden in einiger Entfernung stand, nahm ihn bey der Hand, stellte ihn der gnädigen Frau vor, und sprach: „Hier ist er — mein guter, ehrlicher, vortrefflicher Johann West!“
„Johann West! rief die arme Rosalie ganz außer sich. O Gott, er ist mein Mann!“ Sie flog in seine Arme; sie begrüßte ihn zitternd und bebend vor Freudenschrecken.
Alle erstaunten über diese neue Fügung der göttlichen Vorsehung. Der Mann aber stand wie versteinert da. Es währte lange, bis er sich in dieses unverhoffte Glück finden konnte und endlich in Freudenthränen ausbrach. Die hocherfreute Rosalie rief nun ihrer Tochter zu: „O Christine, er ist dein Vater! O grüße ihn doch auch!“ Christine, die bisher mit gefalteten Händen unbeweglich da gestanden, näherte sich ihm nun schüchtern, und er schloß sie unter heißen Thränen in seine Vaterarme. Alle drey hatten eine Freude — wie vor einigen Tagen Frau von Waldheim, Karl und Emilie sie gehabt hatten.