Nachdem sie sich von der ersten, ungestümen Freude erholt hatten, trat Karl herbey und umarmte den Retter seines Lebens mit unaussprechlicher Rührung. Die Frau von Waldheim und Emilie aber bothen ihm freundlich die Hand, und überhäuften ihn mit Danksagungen und Lobeserhebungen. „Lieber West, sagte Frau von Waldheim, Ihr, Eure Frau und Eure Tochter sollen von diesem Augenblicke an in dieses Schloß aufgenommen seyn, und nie mehr von mir getrennt werden; und wenn ich, wie ich hoffe, meine Güter wieder zurück bekomme, so sollet Ihr eine solche Anstellung erhalten, mit der Ihr gewiß zufrieden seyn werdet.“

Neuntes Kapitel.
Allgemeine Freude im Dorfe.

Die Frau von Waldheim hatte es nicht sogleich bekannt werden lassen, daß der fremde Jüngling, der sich auf ihrem Schlosse befand, ihr Sohn sey; sie wollte sich ihres Glückes einige Tage im Stillen ungestört freuen. Allein der Kutscher, der den Pfarrer und dessen Reisegefährten hergeführt, und seine Pferde unten im Wirthshause des Dorfes eingestellt hatte, plauderte alles aus. Als er Abends die Kutsche wusch und die Pferde tränkte, kamen mehrere Leute aus dem Dorfe, die eben Feyerabend gemacht hatten, herbey und fragten, wem die Kutsche gehöre? Denn eine fremde Kutsche war etwas Seltenes im Dorfe. Der Kutscher sagte: „Ich habe den Herrn Pfarrer hieher gefahren, der euren jungen gnädigen Herrn erzogen hat.“ „Ey was, riefen die Leute, der junge Herr ist ja als ein Kind ertrunken!“ „Nein, sprach der Kutscher, er lebt, er ist droben auf dem Schlosse. Er wurde von dem Manne, der bey dem Herrn Pfarrer in der Kutsche saß, aus dem Wasser gezogen; sonst wäre er freylich ertrunken. Ich bin des Herrn Pfarrers sein Knecht, und habe euren jungen Herrn, als er noch klein war, viel hundert Mal auf dem alten Braunen, den ihr da stehen sehet, mit auf den Acker oder auf die Wiese reiten lassen. Der Karl ist aber auch ein recht braver, lieber junger Herr, und er hat auf mich, seinen alten Hanns, immer recht viel gehalten! Ihr werdet Freude an ihm haben und er wird euch zum Segen seyn.“

Die Nachricht, der Baron Karl, der droben auf dem Schlosse geboren und in der Pfarrkirche zu Waldheim getauft war, den aber seine Aeltern einige Monate nach seiner Geburt mit sich fort genommen, und den man schon so lange für todt gehalten, sey wieder gefunden, verbreitete sich sogleich durch das ganze Dorf. Alles im Dorfe, Jung und Alt, lief voll Freuden dem Schlosse zu. Da die Leute aber die Herrschaft auf der Bank unter den Kastanienbäumen erblickten, blieben sie in einiger Entfernung stehen. Es sammelte sich ein dichtgedrängter Kreis von Vätern, Mütter und Kinder — ohne daß die Herrschaft und die übrige Gesellschaft in ihrer großen Freude es sogleich in Acht nahmen.

Die Frau von Waldheim bemerkte es zuerst, und fragte: „Was wollen denn die vielen Leute?“ Die Köchin, die eben zum zweyten Male heißes Wasser zum Thee brachte, weil das erstere kalt geworden war, sagte: „Die Leute möchten gern den jungen gnädigen Herrn sehen; sie haben es den Augenblick erst erfahren, daß er da sey.“

Der würdige Pfarrer sprach: „Das ist schön! Das gefällt mir von den Leuten! Erlauben Sie, gnädige Frau, daß ich den wackern Leuten meinen Pflegesohn als ihren künftigen Gutsherrn vorstelle, und ihnen einige Worte an das Herz lege.“ Der edle Greis nahm gerührt sein schwarzes Sammetkäppchen von seinem ehrwürdigen schneeweißen Haupte, stand auf, trat etwas vorwärts, blickte mit Thränen im Auge zum Himmel und fing dann ganz begeistert an zu reden:

„Ihr Aeltern und Kinder, Ihr Väter und Mütter, Söhne und Töchter, tretet näher, und sehet und höret, was Gott Eurer gnädigen Herrschaft und auch Euch für eine große Freude bereitet hat!“

„Gott, ohne dessen Wissen kein Sperling vom Dache fällt und der die Haare unsers Hauptes gezählt hat, ist wunderbar in seinen Wegen und weiß alles weislich zu fügen. Er, der Gott der Wittwen und Waisen, der Vater aller Leidenden und Bedrängten, lebt noch, und nimmt sich ihrer stets, und oft so wunderbar an, daß wir es deutlich mit Augen sehen und gleichsam mit Händen greifen können. Nicht das geringste Gute läßt Er, der reiche Vergelter, unbelohnt, und belohnt es oft schon hier auf Erden auf eine herrliche, göttlichschöne Weise.“

Der würdige Pfarrer erzählte nun die vorzüglichsten Begebenheiten der Geschichte, die seinen Zuhörern noch unbekannt waren, und fuhr dann weiter fort.

„Seht, so herrlich belohnte Gott Eure edle gnädige Frau für ihre menschenfreundliche Güte, mit der sie sich der armen, kranken Rosalie, die sich für eine Wittwe hielt und ihren Mann als todt beweinte, angenommen — so schön vergalt Er ihr, dieser wahrhaft gnädigen Frau, die Barmherzigkeit, die sie Rosaliens Tochter, der armen Christine, erwiesen hat! Gott gewährte ihr die größte Freude, die ihr in ihrem eigenen Wittwenstande werden konnte, und ließ sie ihren eigenen geliebten Sohn wieder finden!“