„Reichlich segnete Gott Fräulein Emilien hier für ihr Mitleid gegen ein armes Mädchen und für ihre freundliche Güte, die nichts von Stolz weiß. Sie begegnete der armen Christine so freundlich und liebreich, als wäre Christine ihre eigene Schwester — und Gott machte dem guten Fräulein dafür die unerwartete Freude, ihren eigenen lieben Bruder wieder zu finden.“

„Herrlich belohnte Gott die arme Rosalie, daß sie die Leiden ihrer Krankheit und ihrer Armuth so geduldig ertrug, ihre Tochter so gut erzog, sie zur Redlichkeit, zur Dankbarkeit, zum Fleiße, zur Reinlichkeit und jeder anderen Tugend anhielt. Diese gute Erziehung brachte der guten Mutter jetzt schon die erfreulichsten Früchte und verwandelte ihre Leiden in Freuden!“

„Schön vergalt Gott der guten Christine ihr Mitleid gegen ein verlornes Lamm, ihren Gehorsam gegen ihre Mutter, die Redlichkeit, mit der sie das Lamm dem Eigenthümer zurück gab, die Dankbarkeit, mit der sie es dem Fräulein hier zum Geschenke machte. Diese liebenswürdigen Eigenschaften gewannen ihr die Zuneigung Eurer gnädigen Frau und Fräulein Emiliens, waren die Veranlassung, daß sie ihren Vater wieder fand und werden sie auch fernerhin glücklicher machen, als der reichste Brautschatz sie machen könnte.“

„Wie wunderbar führte Gott Euren jungen gnädigen Herrn in die Arme der geliebten Mutter, die ihn längst für todt hielt, zurück, um ihn für seinen Fleiß, seinen Gehorsam, sein gutes Betragen von der zartesten Kindheit an, zu segnen, sein kindliches Gefühl gegen seine Mutter, die er nicht kannte, zu belohnen, und sein herzliches, inniges Gebeth dort in dem Walde gnädig zu erhören!“

„Wie augenscheinlich belohnte Er die edle Handlung des wackern Kriegers hier! Ach, der gute Mann sprang voll herzlichen Erbarmens in das Wasser, um mit Gefahr seines eigenen Lebens dem Kinde einer trauernden Wittwe das Leben zu retten. Dafür erbarmte sich Gott auch über desselben Weib und Kind, rettete sie aus Noth und Mangel, erweckte edle Herzen, die sich ihrer gütig annahmen, und ließ ihn Mutter und Kind, von denen er ungeachtet aller seiner Nachforschungen nichts mehr erfragen konnte, wieder finden! Vater, Mutter und Kind sehen nun nach vielen überstandenen Leiden ruhigern und glücklichern Tagen entgegen.“

„Und dieses alles führte Gott durch dieses Lamm hier aus, das als ein liebliches Bild der Unschuld, weiß wie Lilien und mit jungen Rosen geschmückt, in Eurer Mitte steht. Er, der liebe Gott, ließ es verloren gehen; Er leitete Christinens Tritte, daß sie es fand; Er bewegte das Herz des ehrlichen Landmanns, es ihr zu überlassen; Er gab Christinen und ihrer Mutter in den Sinn, es Emilien zu schenken; Er führte das Lamm gleichsam an der Hand dem reisenden Jünglinge zu, um ihn in die Arme der geliebten Mutter zu führen. Er setzt ihn durch ein Lamm wieder in seine Güter ein, und bereitet dadurch auch Euch ein großes Glück. Denn ich kann Euch versichern, Karl ist ein edler, hoffnungsvoller Jüngling. Er fürchtet Gott und liebt die Menschen. Er wird Euch und Euren Kindern ein guter milder Herr seyn.“

„Und sollte nun Gott, der den Lebenslauf eines Lammes so sicher leitet, den Eurigen ausser Acht lassen können? O mit mehr Liebe und Mitleid, als Christine das Lamm hier aufnahm, trägt Er euch alle am Herzen.“

„Meine geliebten Freunde! Wie könnte ein Diener des Evangeliums ein Lamm sehen, ohne daß ihm Derjenige zu Sinne käme, der gleich einem schuldlosen Lamme zum Besten seiner lieben Menschen verblutete und der sich selbst öfter einem guten Hirten verglich! Ja, Er, dessen Diener ich bin, dessen Evangelium ich predige, ist der ewig treue, liebevolle Hirt unser Aller. Er kennet alle seine Schafe, Er nennet sie mit Namen, Er ruft sie mit sanfter Stimme, Er lenkt sie mit seinem milden Hirtenstabe, Er beschützt sie vor Gefahren, Er weidet sie. Er sucht die verlornen auf; Er möchte jedes gleichsam auf seinen Schultern in den Himmel tragen! Vertrauet Ihm daher vom ganzen Herzen!“

„Laßt uns aber auch seine Stimme hören und Ihm folgen, und Gutes thun, so viel wir können. Denn seht, Gott bedient sich unsrer guten Handlungen, uns und Anderen große Freude, Segen und Heil zu bereiten. Hätte zum Beyspiele Eure gnädige Frau gegen die arme, kranke Rosalie sich nicht so wohlthätig erzeigt; wäre Emilie gegen die arme Christine nicht so freundlich gewesen, ja hätte sie ihr auch nur das kleine Halstuch nicht geschenkt; hätte Christine etwa aus Eigennutz Emilien das Lamm nicht schenken mögen; oder hätte Christinens Mutter nicht aus herzlicher Dankbarkeit das schöne Halsbändchen gestickt; hätte Karl nicht eine so kindliche Liebe zu seiner Mutter gehabt, sich nicht so nach ihr gesehnt, dort im Walde nicht so innig gebethet: so wäre alles nicht so gegangen, und der heutige Tag wäre nicht für uns alle ein so großer Freudentag geworden. So bringt alles, auch das kleinste Gute, das wir thun, reichen Segen über uns und Andere. Edle Handlungen sind Perlen, die Gottes heilige Vorsicht nicht verloren gehen läßt, sondern sie gleichsam an eine Schnur reihet; gute Thaten sind goldene Ringe, aus denen Gott eine goldene Kette herrlicher und erfreulicher Begebenheiten zusammen fügt.“

„Ihr aber, meine lieben Kinder, beschloß der Pfarrer seine Anrede, in dem er sich zu den Kindern wandte, ihr Größern, die ihr mir so aufmerksam zugehört habt, und ihr Kleinern, die ihr nur nach dem niedlichen weißen Lämmchen hinblickt, das so schön mit Rosen geschmückt in eurer Mitte steht — euch alle wolle Gott segnen — und geben, daß ihr alle so unschuldig bleibet, wie ein Lamm, und so sanft und geduldig, wie ein Lamm, wenn ihr, wie manches arme Lämmchen, unter rauhe Hände fallen solltet. Er, der das Leben für seine Schäflein gab, wolle euch in seinen Armen und an seinem Herzen tragen; Er wolle euch in seinen mächtigen Schutz nehmen, wenn das Verderben eurer Unschuld droht, wie ein grimmiger Wolf einem sanften, schuldlosen Lamme. Ihr holden Kleinen seyd ja auch die Schäflein seiner Heerde! Er wolle euch ewig nicht seinen Händen entreissen lassen.“