„O sieh doch, liebe Mutter, rief sie, so bald sie in das niedre, reinliche Stübchen trat — sieh doch, was ich da gefunden habe! Sieh, ein wunderschönes Schäflein! O wie glücklich war ich! Wie will ich es pflegen! Es soll meine ganze Freude seyn!“
„Kind, sagte die kranke Mutter, indem sie sich in dem Bette aufrichtete und den Kopf auf die Hand stürzte, du vergissest in deiner Freude, daß dieses Lämmchen schon seinen Herrn haben muß. Es ist bloß verloren — und da müssen wir es wieder zurückstellen. Gewiß gehört es dem reichen Bauern auf dem Eichhofe. Fremdes Gut sollen wir nicht einmal über Nacht im Hause behalten. Trag’ es also heute noch hin.“
„Ihr seyd nicht gescheid, rief jetzt eine rauhe Stimme zum offnen Fenster herein; man muß nicht alles so genau nehmen!“ Der Mann, der dieses sagte, war ein Maurer, der draußen an der Mauer des kleinen Hauses etwas ausbesserte und ihr Gespräch behorcht hatte. Mutter und Tochter blickten ihn erschrocken an. Er aber sprach weiter: „Macht keine so seltsamen Gesichter! Ich meyne es gut. Wir wollen das Thierchen metzgen, und es mit einander theilen. Das Fleisch giebt gerade ein Paar kleine Braten, und das Fellchen ist auch noch einige Kreuzer werth. Der reiche Bauer hat über hundert schöne, große Schafe; ob er das winzig kleine Ding da noch habe oder nicht, daran ist nichts gelegen. Ich will es also geschwind schlachten. Ihr dürft euch dabey nicht fürchten. Es siehts ja niemand. Und mir dürft ihr schon trauen. Ich kann schweigen — sagte er und warf eine Kelle voll Mörtel an die Wand — wie eine Mauer.“
Christine entsetzte sich über die Reden des Mannes. Der Gedanke, das Lämmchen zu behalten, kam ihr jetzt abscheulich vor. „Ihr habt Unrecht! sagte sie zu dem Maurer. Was kein Mensch sieht, sieht doch Gott! Du aber, liebe Mutter, hast Recht — und mich wundert nur, daß mir das, was du sagtest, nicht von selbst einfiel. Ich hätte das Schäflein — fuhr sie fort und Zähren traten in ihre blauen Augen — freylich so gern, o so gern behalten! Allein dem lieben Gott müssen wir willig gehorchen.“ Sie wickelte das Lämmchen in ihre Schürze, und wanderte damit dem Eichhofe zu, obwohl es noch nicht ganz aufhörte zu regnen und die Sonne bereits unterging.
Als Christine, auf dem Eichhofe ankam, stand die Bäuerin, mit ihrem kleinsten Kinde auf dem Arm, eben vor der Hausthüre, und die größeren Kinder standen um sie her. Sie betrachteten andächtig den schönen Regenbogen, der jetzt nach dem Gewitter in der ganzen Pracht seiner sieben Farben im schwarzgrauen Gewölke zu sehen war. „Seht den Regenbogen an, sprach die Mutter, indem sie mit ausgestrecktem Arme darauf hinzeigte, und preiset Denjenigen, der ihn gemacht hat. In dem flammenden Blitze und dem furchtbaren Donner zeigt uns Gott seine große Macht und Herrlichkeit; in den schönen Farben des Regenbogens aber seine Güte und Freundlichkeit.“
Christine ergötzte sich bald an den lieblichen Farben des Regenbogens, bald an den lächelnden Gesichtchen der Kinder, und schwieg, bis der Regenbogen verschwunden war. Nun nahm sie das Lämmchen aus ihrer Schürze hervor, stellte es auf die Füße, und erzählte, wie sie es gefunden habe.
„Das ist ja recht schön und brav, sagte die Bäuerin freundlich, daß du noch so spät am Abend und noch dazu im Regen da herausgehest! Du bist ein sehr gutes, grundehrliches Mädchen.“
„Ja wahrhaftig, das ist sie! sprach der Bauer, der jetzt auch zur Hausthüre herauskam. So ehrlich und rechtschaffen, wie dieses arme Mädchen, müßt ihr auch seyn und bleiben, meine Kinder! Besser ists, nicht einmal ein einziges Schäflein im Vermögen haben, und dabey ehrlich und redlich seyn, als hundert Schafe besitzen, und dabey ehrlos und unredlich seyn. Die Ehrlichkeit, mit der das arme Kind hier das Lamm zurück gab, ist ein Schatz im Herzen, der reicher macht, als eine ganze Schafheerde — und diesen Schatz kann uns kein Wolf und kein Feind rauben.“
Franz, der Knabe des Bauers, lief jetzt zum Schafstalle hin, und führte das alte Schaf heraus. Wie da das Junge darauf zusprang und sich freute! Christine sah das so mit an und sagte: „Schon um dieser Freude willen, die das arme Thierchen jetzt hat, reuet es mich nicht, daß ich es zurückgab — so lieb es mir auch war, und so gern ich es behalten hätte!“
„Weißt du was, sprach der Bauer, da du so ehrlich bist und an dem Thierchen eine so große Freude hast, so will ich es dir schenken. Jetzt würde es dir aber nichts helfen. Es kann noch nicht ohne Milch leben und würde elend umkommen. Allein in vierzehn Tagen wird es stark genug seyn, sich von Gras und Kräutern zu ernähren — und dann soll mein Franz es dir bringen.“