„Gieb aber dann wohl darauf Acht! sagte die Bäuerin. Es kostet dich nicht viel es aufzuziehen. Während du Erdbeeren sammelst oder strickest, kannst du es leicht hüthen, und so viel Gras kannst du auch leicht sammeln, und zu Heu auftrocknen, als es für den Winter nöthig hat. Wenn es einst groß ist, wird die Milch dir und deiner Mutter in eurer kleinen Haushaltung wohl kommen, und die Wolle giebt euch jährlich einige Paar Strümpfe.“

„Und wenn ihr glücklich damit seyd, sprach der kleine Bauerknabe, so könnet ihr wohl noch gar eine ganze Schafheerde bekommen!“

Christine mußte nun noch mit Brod eingebrockte Milch und ein Butterbrod mit essen — und die gute Bäuerin gab ihr überdies noch ein schönes Stück goldgelbe Butter, das sie in grüne Rebenblätter einmachte, und ein Dutzend Eyer mit nach Hause. „Bring das deiner Mutter, sagte sie, indem sie die Eyer vorsichtig in die Schürze that; ich lasse sie freundlich grüßen und Gott wolle sie bald gesund werden lassen.“

Christine eilte voll Freude durch das blumige Thälchen ihrer Hütte zu. Der Himmel hatte sich indeß aufgehellt, und der Abendstern und ein zartes Streifchen des Mondes, der heute das erste Mal wieder sichtbar war, glänzten freundlich in das Thal. Alle Blumen und Kräuter tröpfelten noch von Regen, und dufteten von Wohlgeruch. Es war Christinen unbeschreiblich wohl um das Herz. „Nach einem Gewitter, dachte sie, sind Himmel und Erde zwar immer schöner; allein so schön und freundlich, wie diesen Abend, sind sie mir noch nie vorgekommen.“

Sie erzählte dieses, als sie nach Hause kam, ihrer Mutter. „Siehst du, sprach die Mutter, das ists eben, was ich dir immer sage. Es ist die Freude des guten Gewissens. Wenn wir recht thun, so erfüllt süßer Friede unser Herz. Gott giebt uns durch das Gewissen zu erkennen, daß Er mit uns zufrieden sey. O Christine, gieb daher der Stimme deines Gewissens immer Gehör, und thu nie etwas anders, als was vor Gott recht und gut ist. Du weißt wohl, wir sind arm und haben wenig in der Welt. Aber laß uns nur ein gutes Gewissen bewahren, so sind wir reich genug, und es fehlt uns nie an Freude — ja die edelste und süßeste aller Freuden ist dann unser.“

Christine zählte nun alle Tage, bis sie ihr Lämmchen bekommen würde. Sie hätte auch alle Tage in den Kalender gesehen, wenn sie einen im Hause gehabt hätte. Nun sah sie aber alle Abende nach dem Monde, und ging dann vergnügt zu Bette. „Denn, sagte sie, wenn er voll ist, bekomme ich mein Lämmchen.“

Endlich ward es Vollmond, und der Mond nahm wieder merklich ab — allein das Lämmchen wollte nicht kommen. Christine wartete — und wartete — und hatte bereits alle Hoffnung aufgegeben. „Ich werde von meinem Schäflein wohl nichts mehr sehen!“ sagte sie eines Abends, als sie eben traurig neben dem Bette ihrer Mutter saß. „Habe Geduld, sagte die Mutter; Geduld bringt Rosen.“ Und sieh — da ging auf einmal die Stubenthüre auf, und der muntere Bauernknabe trat mit dem Lamme und einem Korbe voll frischen, grünen Futters herein. Christine sprang vor Freude auf, kniete zu dem Lämmchen hin, streichelte es freundlich und sagte: „O wie groß und schön es indeß geworden ist! Ich kenne es ja fast nicht mehr! Und wie die Wolle so schön weiß und zart geringelt ist! O jetzt ist meine Freude erst vollkommen.“

„Ich wollte dir das Lämmlein schon vor einigen Tagen bringen, sagte der Knabe. Allein mein Vater sagte: Laß es noch eine Zeit da. Es gedeiht dann besser, und wird noch größer und stärker.“

„Du und deine Aeltern sind doch recht gut! sprach Christine. Wenn ich nur nicht so arm wäre, und dir auch etwas schenken könnte! Allein von der ersten Wolle, die ich von dem Schäflein bekomme, stricke ich dir ein schönes Paar Strümpfe. Du sollst gewiß sehen, daß ich die Wahrheit rede.“

Der Knabe ging, und Christine führte das Lamm in den kleinen Stall, der sich im Hause befand, und streute ihm Futter vor. Das Lamm gewöhnte sich bald an sie, und wurde so zahm, daß es das Brod aus ihrer Hand aß, aus ihrem Schälchen Milch trank, und ihr wie ein Hündchen nachlief. Christine durfte nur rufen, so kam das Lamm sogleich daher gesprungen. Wenn nun die Mutter es so mit ansah, was für eine große Freude Christine mit dem Lämmchen hatte, da sagte die Mutter öfter: „Nicht wahr, jetzt reuet es dich doch nicht, daß du mir gefolgt und das Lämmchen zurück gegeben hast?“ „O Mutter! antwortete Christine, wie mein Lämmlein mir auf den Ruf folgt, so will ich dir immer folgen. Denn ich weiß es ja, du liebst mich doch noch unendlich mehr, als ich mein Lämmchen.“