„Ich glaube dir, Anton, sagte der Förster; doch — nun ist es Zeit, daß wir scheiden.“ Er stand auf und sprach: „Knie nieder, lieber Sohn, damit ich dir noch den väterlichen Segen gebe.“ Anton kniete nieder. Der Förster erhob seine Augen zum Himmel; es war etwas Ehrwürdiges und Feyerliches in seinem Angesichte und seiner Gestalt. Er segnete den Jüngling und sprach: „Gott begleite dich auf allen deinen Wegen, bewahre dich vor Sünde, und führe dich gut und unverdorben wieder in unsere Arme zurück.“ Die Mutter und die Kinder standen alle mit gefalteten Händen und weinenden Augen andächtig umher, und sagten mit gerührtem Herzen: „Amen!“ Der Förster hob den Anton auf, schloß ihn in die Arme und sagte: „Nun — zieh hin und Gott sey mit dir! Habe Ihn stets vor Augen — und vergiß nicht, daß sein allsehendes Auge dich überall sehe. Halte dich für zu gut, etwas Böses zu thun. Die Güter und Lüste dieser Erde sind es nicht werth, daß wir ihrethalben unser Gewissen beschweren. Gedenke, daß wir nicht für diese kurze Zeit, die wir auf Erden zu leben haben, geschaffen sind und daß eine Ewigkeit sey. Meide nicht nur das Böse, sondern auch jede Gelegenheit, Böses zu thun. Besonders fliehe solche Menschen, die über den frommen Glauben unserer Vorältern spotten und sich über reine Sitten lustig machen. Noch einmal — lebe wohl und Gott sey mit dir.“
Die Försterin sagte mit Augen voll Thränen: „Anton! Sieh diese meine rothgeweinten Augen, diese meine nassen Wangen! Um dieser Thränen willen bleibe Gott ergeben, gut und rechtschaffen. Gedenke dieser Thränen, wenn du in Versuchung kommest, Böses zu thun. Bisher hast du uns nur Freude gemacht; betrübe uns nie. So herzlich ich jetzt weine, so fühle ich dabey doch vielen Trost! Aber wenn wir je etwas Unrechtes von dir hören sollten, dann würden ich, und wir alle, die bittersten Thränen weinen. Vergiß unserer treuherzigen, väterlichen und mütterlichen Ermahnungen — und der letzten Ermahnung deiner seligen Mutter — in deinem Leben nicht, und lebe wohl.“
Die ganze Familie begleitete den tief gerührten, traurigen Jüngling noch eine weite Strecke Weges, fast bis zu Ende des Waldes. Endlich sagten sie ihm alle noch einmal Lebewohl! Anton ging — sie aber blieben stehen. Er sah noch sehr oft um, und winkte ihnen mit dem Hute. Der Förster und Christian winkten ihm auch mit ihren Hüten, und die Försterin und die zwey Töchter mit ihren weißen Tüchern, bis er endlich mit seinem Wanderstab in der Hand und seinem Felleisen auf dem Rücken hinter einem waldichten Hügel verschwand.
Fünftes Kapitel.
Ein Weihnachtsgeschenk.
Der heilige Weihnachtsabend war, seit Antons Abreise bereits das dritte Mal, wieder angebrochen. Der Förster kam heute mit seinem Sohne Christian früher aus dem Walde nach Hause. Es war sehr kalt. Der Abendhimmel strahlte glühendroth durch die Fenster in die Stube. Die runden Scheiben fingen schon an zu gefrieren und schimmerten in dem röthlichen Abendschein wie Edelsteine. Der Förster setzte sich in seinen Lehnsessel neben dem großen Ofen. Er legte mehr Holz zu; denn der Ofen war so eingerichtet, daß man ihn auch in der Stube öffnen konnte. Die Flamme loderte bald hoch auf, verbreitete einen wallenden Schimmer durch die Stube, spiegelte sich in den Fenstern und vermehrte das Funkeln der gefrornen Fensterscheiben.
Jetzt kam die Försterin in die Stube. „Ist kein Brief von Anton da?“ fragte der Förster. „Nein!“ sagte sie mit betrübtem Angesichte. „Wunderlich! sprach der Förster und schüttelte den Kopf. Auf den Weihnachtsabend war sonst allemal richtig ein Brief von ihm da. Er schrieb immer sehr ausführlich und seine Briefe waren mir immer die angenehmste Weihnachtsfreude. Was treibt der Junge, daß er nicht schreibt?“
Kaum hatte der Förster dieses gesagt, so trat ein Bothe mit weißangeduftetem Haare in die Stube. Er hatte einen Brief in der Hand und eine neue Kiste von Tannenholz auf dem Rücken, die zwar nur ganz flach, aber ziemlich breit und so hoch war, daß der Mann sich bücken mußte, um in die Stube zu kommen. „In dem Kistchen wird wohl ein Spiegel seyn!“ sagte Katharine. Der Bothe überreichte dem Förster den Brief und lud die Kiste ab. „Der Brief ist von dem Herrn Mahler Riedinger, sagte der Förster. Wie kommt das? Nun glaube ich bald, daß dem armen Anton ein Unglück begegnete.“ Er riß den Brief eilig auf, und durchlief ihn am Glanze des Feuers, das aus dem Ofen strahlte, mit begierigen Blicken. „Denkt nur, rief er freudig, Anton schickt uns bis aus Rom ein Gemälde zum Weihnachtsgeschenk. Er hat es, zusammengerollt, an Herrn Riedinger übermacht, und ihn ersucht, es in eine reiche goldene Rahme fassen zu lassen, und dafür zu sorgen, daß wir es auf den heiligen Abend sicher bekämen. Das Gemälde sey ein wahres Meisterstück, schreibt Herr Riedinger. Der Anton ist doch ein trefflicher Junge; ich möchte ihn sogleich umarmen.“
„Katharine! rief er jetzt, bring doch dem ehrlichen Bothen, bis das Essen kommt, einstweilen ein Glas Wein. Das wird ihm gut thun; denn es ist draußen wirklich grimmig kalt.“ Der Bothe nahm den Wein mit Dank an; verbath sich aber das Abendessen. Er habe, sagte er, zu Aeschenthal Anverwandte, und wolle bey diesen den Weihnachtsabend und den heiligen Tag zubringen. „Auch gut!“ sprach der Förster, hieß den Bothen austrinken, beschenkte ihn reichlich und entließ ihn.
„Nun, sprach der Förster, sitzt alle um mich her! Da ist in des Herrn Riedingers Brief auch noch ein Brief von Anton eingeschlossen; den will ich euch vorlesen.“ Luise sagte: „Ich will nur noch zuvor ein Kerzenlicht holen.“ „Wohl, sprach der Förster; ich kann dann den Brief mit mehr Bequemlichkeit lesen. Aber eile!“ Luise brachte die brennende Kerze sogleich auf einem glänzenden Leuchter von Messing. Alle saßen bereits begierig im Kreise umher. Der Förster las:
„Liebste, beste Aeltern und Geschwister! Sie erhalten hier ein Weihnachtsgeschenk, ein Gemälde, das ich mit vielem Fleiße gemahlt habe. Es stellt den neugebornen Heiland in der Krippe vor. Mehrere Künstler versicherten mich, das Bild sey mir sehr gut gelungen. Ich wünsche, daß es Ihnen nur halb so viel Freude machen möchte, als mir die Vorstellung des Kindes Jesu in der Krippe machte, da ich das erste Mal in Ihr Haus trat. Gewiß würden Sie dann keine geringe Freude daran haben.“