Seinem guten Pflegvater erzeigte er aber noch ganz besonders gute Dienste. Der Förster verfertigte von allen ihm anvertrauten Waldungen Risse, und gab ihnen mit Farben ein schönes, gefälliges Ansehen. In der Ecke jedes Blattes war der Namen des Waldes mit großen Buchstaben geschrieben, und, nachdem es ein Wald war, mit einem Kranze von Tannenzweigen oder Eichenlaube eingefaßt. Anton brachte es bald so weit, daß er die größten Risse nett und genau nachzeichnen konnte. Die Verzierungen aber, die er dabey anzubringen wußte, waren von ihm selbst erfunden und so gut ausgeführt, daß der Förster darüber erstaunte. Anton zeichnete zum Beyspiele einen Eichbaum, an dem ein Schild mit dem Namen des Waldes lehnte, und seitwärts sah man ein Wildschwein, das nach Eicheln suchte. Oder der Name des Waldes stand in einen Felsen eingegraben, der mit Tannen gekrönt war, und unten am Felsen ruhte ein Hirsch mit zakigem Geweih. Ueberhaupt zeichnete und mahlte Anton in allen seinen freyen Stunden bald Landschaften, bald Thiere, und wo er nur ein Streifchen weißes Papier oder einen leeren Briefumschlag fand, zeichnete er einen Vogel, eine Blume, oder einen Baumzweig darauf. Er konnte keinen Augenblick müßig seyn. Der Förster und die Försterin liebten den guten Knaben wie ihr eigenes Kind, ja ihre eigenen Kinder wurden, von Antons Beyspiel aufgemuntert, noch viel dienstfertiger und thätiger, als sie es zuvor waren.
Viertes Kapitel.
Antons fernere Geschichte.
Eines Tages schickte der Förster den Anton mit einem Paar Schnepfen in das benachbarte fürstliche Jagdschloß Felseck. Der Verwalter hatte eben einen Gast und wollte ihn damit bewirthen. Anton kam unterwegs an einem Wasserfall vorbey, der zwischen schwarzgrünen Tannen, weiß wie Schnee, von einem hohen Felsen herabstürzte. Nicht weit davon saß ein fremder Herr in einem dunkelblauen Kleide, der den Wasserfall abzeichnete. Anton ging hin, schaute über die Schulter des Fremden auf das Blatt, und konnte sich nicht enthalten, laut zu rufen: „O wie schön! Ja das heißt gemahlt!“ Er bath um Erlaubniß, das schöne Gemälde näher besehen zu dürfen, und erhielt sie. „Mir ists, sagte er, indem er es betrachtete, als wäre das Blatt da ein Spiegel, in dem sich der Wasserfall, nebst Felsen und Bäumen, im Kleinen abspiegelte. Wie silberhell das Wasser aus dem gespaltenen Felsen hervorschießt und wie schön sich der weiße Schaum unten zwischen den bemoosten Steinen kräuselt! Wie frisch und grün das zarte Moos an diesem Steine da ist! Man meynt, man könne es wegrupfen. Wie keck diese rauhen Tannen emporstarren! Und da haben Sie überdieß noch einen Hirsch hergemahlt, der aus dem Bache trinkt. Wie leicht der auf den Füßen steht! Man sieht es ihm an, wie flüchtig er über Stock und Stein wegsetzen kann. Die Hirsche, die ich mahle, stehen so lahm da, als wollten sie alle Augenblicke umfallen. Ich weiß kein rechtes Leben in sie hinein zu bringen.“
Der Mahler hatte an den ungeheuchelten Lobsprüchen des Knaben und noch mehr an dessen Gefühl für Kunst ein großes Wohlgefallen. Er sagte lächelnd: „Du bist also, wie ich merke, auch ein kleiner Mahler?“ „Ach, sagte Anton, bisher meynte ich wohl gar, ich sey kein kleiner, sondern ein großer Mahler. Jetzt sehe ich aber wohl, daß ich gar keiner bin.“ Der Mahler sagte: „Ich wünsche deine Mahlereyen doch zu sehen. Ich werde dich nächstens besuchen, und da mußt du mir sie zeigen. Wer sind deine Aeltern und wo bist du zu Hause?“ „Ach, sprach Anton, ich bin ein armer Waisenknabe. Der Herr Förster Grünewald hat mich aber an Kindesstatt angenommen.“ „Nun, sagte der Mahler, da bist du wohl mit ihm verwandt, ein Bruderssohn oder ein Schwestersohn?“ „Nein, sagte Anton, ich kam ganz landfremd in sein Haus; er und seine Frau nahmen mich aber sogleich auf und hielten mich wie ihr eigenes Kind.“ „Das ist viel, sehr viel, sagte der Mahler. Doch wie kam denn dieß?“ Anton erzählte seine Geschichte ausführlich. Der Mahler hörte ihm aufmerksam zu und sagte am Ende: „Der Förster und seine Frau müssen sehr edle Menschen seyn. Grüße sie mir, und sage ihnen, morgen des Tages werde ich sie besuchen, um ihnen im Namen der Menschheit für die Liebe, die sie dir erweisen, zu danken.“
Der Mahler hieß Riedinger und war vor einem Paar Tagen auf dem fürstlichen Jagdschlosse angekommen, um da einige alte Gemälde aufzufrischen. Er benützte diese Gelegenheit, eine und die andere Waldgegend, die ihm besonders gefiel, abzuzeichnen. Sogleich am Abende des folgenden Tages besuchte er den Förster. Beyde biedere Männer fanden bald, daß sie Eines Sinnes waren, und wurden Freunde. Der Mahler wollte nun Antons Zeichnungen sehen. Die Försterin lobte sie ausnehmend. „Glauben Sie mir, sagte sie, sie sind unvergleichlich.“ Allein Anton stand erröthend an der Thüre und sagte: „Herr Riedinger, Sie werden sehen, daß sie ganz und gar nichts heißen.“ Der Mahler ermunterte ihn aber, sie zu zeigen, und Anton brachte sie. Herr Riedinger betrachtete eine nach der andern sehr bedachtsam und lächelte einige Male. Wiewohl er vieles daran auszustellen hatte, so gefielen sie ihm dennoch sehr. „Wahrhaftig, sagte er, es steckt ein Mahler in dem Knaben. Herr Grünewald, überlassen Sie ihn mir. Sie sollen Freude an ihm erleben.“ „Topp! sagte der Förster und schlug ein. Ich habe schon lange nachgesonnen, was der Knabe werden solle. Er ist nun bereits in dem vierzehnten Jahre und in der Schule zu Aeschenthal ist für ihn weiter nichts mehr zu lernen. Zu einem Jäger ist er zu zart und zu mitleidig. Er artet mehr seiner sanften Mutter nach, als seinem tapfern Vater. Wenn Sie also meynen, er gebe einen guten Mahler ab, so nehmen Sie ihn immerhin in die Lehre. Wie viel verlangen Sie Lehrgeld?“ „Lehrgeld! sagte der Mahler. Davon kann keine Rede seyn. Sie gaben mir zuerst ein Beyspiel, wie man sich armer Waisen annehmen müsse. Eine edle That zieht immer andere nach sich, wie eine Kerze andere anzündet. Das ergiebt sich alles ganz natürlich. Lassen Sie es also gut seyn. Sobald ich mit meiner Arbeit auf dem Schlosse fertig bin, fährt Anton, wenn er anders Lust hat, mit mir in die Stadt, und ich werde keine Mühe sparen, ihn zu einem Künstler zu bilden.“ Anton hüpfte fast vor Freude. Als indessen nach einigen Tagen der Mahler in einer Kutsche vor das Haus gefahren kam, ihn mitzunehmen, weinte der gute Knabe doch recht herzlich. Allein der Förster sprach: „Weine nicht, Anton. Es ist ja nur ein Sprung in die Stadt. Wir besuchen dich öfter, und auch du kannst uns an Sonn- und Feyertagen leicht besuchen. — Ja, das bedinge ich mir noch aus, sprach er zu Herrn Riedinger, daß Anton uns manchmal besuchen, die Weihnachtsfeyertage aber allemal ganz bey uns zubringen dürfe. Sie müssen ihm das erlauben.“ „O recht gern, sagte der Mahler, recht gern; und wenn Sie und die Frau Försterin nichts dagegen haben, so komme ich allemal mit.“ Sie gaben sich darauf die Hand. Anton dankte seinen Pflegältern. Sie ermahnten ihn, seinen Lehrmeister, der so vieles aus lauter Güte für ihn thun wolle, als seinen Vater zu ehren. Unter den besten Segenswünschen seiner Pflegältern und Geschwister stieg Anton in die Kutsche und fuhr mit dem Mahler fort.
Der treffliche Mahler hielt in allen Stücken Wort. Es war ihm eine Herzenslust, einen so fähigen Schüler zu unterrichten. Auch kam er mit ihm zu dem Förster öfter auf Besuch; ja manchmal blieben sie mehrere Tage, um in dem gebirgigen Walde schöne Gegenden abzuzeichnen. Der Meister konnte seinen Schüler jedesmal nicht genug loben. „Unter uns gesagt, sprach er zum Förster, er wird ein Künstler, dem ich das Wasser nicht biethen darf.“
Nach einigen Jahren kam Herr Riedinger mit Anton, der nunmehr ein blühender Jüngling war, wieder einmal zu dem Förster in die Weihnachtsfeyertage. Herr Riedinger blieb nach dem Abendessen mit dem Förster und der Försterin etwas länger auf. Anton und die Kinder des Försters hatten sich längst zur Ruhe begeben. Der Förster und die Försterin merkten wohl, daß der Mahler etwas auf dem Herzen habe, und es ihnen sagen möchte. Endlich fing er an: „Was Anton bey mir lernen konnte, hat er gelernt. Er muß nun reisen; er muß Italien sehen. Allerdings wird das nicht wenig kosten; allein es lohnt sich der Mühe. Kein Kapital könnte besser angelegt werden. Ich stehe Ihnen dafür, es wird auch reichliche Zinsen tragen und seiner Zeit wieder ersetzt werden. Was eine solche Reise kostet, übersteigt freylich das Vermögen eines Privatmannes. Allein ich habe mir die Sache so ausgedacht: Es versteht sich, daß Anton nicht ganz auf fremde Kosten reise. Er muß selbst etwas verdienen. Indeß braucht er doch immer ansehnlichen Zuschuß; denn er muß auch für sich noch freye Zeit behalten, um in der Kunst weiter zu kommen. Was nun mich betrifft, so werde ich das Meinige redlich dazu beytragen. Ich habe mir es, von Ihrem Beyspiele ermuntert, nun einmal in den Kopf gesetzt, den Anton umsonst zu einem Mahler zu bilden. Seine Arbeiten, die er bisher lieferte, sind mir sehr gut bezahlt worden. Dieses Geld habe ich zurück gelegt, und werde es zu seiner Reise verwenden. Allein es reicht bey Weitem nicht zu. Wären Sie nun nicht geneigt, das noch Fehlende, das freylich eine nicht geringe Summe betragen kann, darauf zu legen? Ein gutes Werk, das man angefangen hat, muß man auch vollenden.“ Er both dem Förster die Hand hin, erwartend, er werde einschlagen. Der Förster hatte an Antons Wohlverhalten und seinen Fortschritten in der Kunst hohe Freude. Er besaß ein ziemliches Vermögen. Er blickte seine Hausfrau an. Sie nickte. Der Förster schlug ein und sagte: „Nun wohl, wenn die Summe mein Vermögen nicht übersteigt, so will ich sie ausbezahlen.“ Es wurde ein Ueberschlag gemacht, was die Reise kosten könnte, und einmüthig beschlossen, Anton sollte künftigen Frühling die Reise antreten.
Der Mahler fuhr am nächsten Morgen mit Anton im Schlitten zurück in die Stadt. Der Förster und die Försterin machten aber den Winter über Anstalten zu Antons bevorstehender Reise. Der Förster kaufte Tuch ein, um seinen Pflegsohn hinreichend mit wohlanständiger Kleidung auszustatten. Auch suchte er seinen eigenen Reisekoffer hervor, und ließ ihn mit Rehfell neu überziehen. Die Försterin und ihre zwey Töchter nähten und strickten sehr emsig, den Anton reichlich mit Leinenzeug zu versehen. Zu Anfang des Frühlings mußte Anton noch einige Tage bey seinen Pflegältern zubringen. Sein Pflegvater gab ihm in dieser Zeit noch viele gute Ermahnungen und Klugheitslehren, und war gegen ihn ganz ungemein liebreich. Der gute Mann nahm sich selbst die Mühe, den Koffer zu packen. So oft ihm die Försterin ein neues Kleidungsstück hinreichte, wurde Anton aufs neue gerührt. „Ach wie vieles — wie gar so vieles thun Sie an mir! sagte er. Meine eigenen Aeltern, wenn sie noch lebten, könnten nicht mehr für mich thun!“ Der Koffer wurde an einen berühmten Mahler, dem der Herr Riedinger den Anton empfohlen hatte, voraus geschickt. Denn Anton wollte die ganze Reise zu Fuß machen. Christian, Antons Herzensfreund, hatte aber noch für ein kleines Felleisen gesorgt, in dem Anton das Nothwendigste zum täglichen Gebrauche mitnehmen konnte.
Endlich kam der Abschiedstag; Anton wollte nach Tische zu Herrn Mahler Riedinger in die Stadt gehen, und von da aus dann weiter reisen. Die Försterin bereitete ein Abschiedsmahl, und alle speisten noch einmal mit einander zu Mittag. Es war ein freundliches, rührendes Familienfest. Der Förster blickte in dem kleinen Kreise umher. Es herrschte eine wehmüthige Stille. „Nicht doch, meine Söhne und Töchter, sprach er, seyd nicht so traurig; und auch du, gute Mutter, trockne diese Thräne da ab. Es ist nun einmal so! Die Söhne, zumal wenn sie bereits erwachsen sind, müssen hinaus in die Welt; und auch ihr, meine Töchter, seyd bald in dem Alter, wo ihr vielleicht das väterliche Haus verlassen werdet. Doch, wenn uns auch Berg und Thal dem Leibe nach trennen, im Geiste bleiben wir immer vereinigt. Und so traurig der Abschied immer seyn mag, das Wiedersehen, das uns hier oder dort nie ausbleibt, ist dann desto freudiger!“ Der edle Mann wußte durch fröhliche Gespräche alle wieder zu erheitern. Er ließ eine Flasche guten Wein bringen, von dem er sonst nur an Festtagen trank. Er schenkte der Mutter und den beyden Töchtern, obwohl alle drey sich weigerten, davon ein. „Den Traurigen gieb Wein!“ sagte er lächelnd. Anton und Christian bothen ihre Gläser her, ohne sich lange nöthigen zu lassen. Am Ende der Mahlzeit nahm der Förster sein Glas und sagte: „Nun, Anton, stoß an — auf eine glückliche Wanderschaft und ein fröhliches Wiedersehen!“ Das gebe Gott, sagte die Försterin, stieß an und trank ein klein wenig. Christian, Katharine und Luise stießen auch mit an. Allen standen die Thränen in den Augen. Anton war am gerührtesten. Er konnte die Thränen nicht mehr zurück halten und sagte: „O meine liebsten Aeltern, wie vielen Dank bin ich Ihnen schuldig! Was wäre ich ohne Sie! Ach, ewig kann ich es Ihnen nicht vergelten, was Sie an mir gethan haben. Gott wolle Ihr Vergelter seyn! Er wolle mich einst in den Stand setzen, für das unaussprechlich viele Gute, das Sie an mir thaten, Ihnen und meinen lieben Geschwistern meinen Dank durch die That zu bezeugen.“
„Ja, lieber Anton, sagte der Förster, ich kann es dir nicht verhehlen, wir thun viel an dir; und wenn ich deine Geschwister hier so ansehe — so möchte ich fast sagen, zu viel. Denn was mich und meine geliebte Hausfrau betrifft, so brauchen wir wohl wenig mehr. Unsere Haare sind bereits grau. So lange wir noch leben, haben wir wohl noch Brod. Allein, mein lieber Anton, wenn eines oder das andere deiner Geschwister einmal in Noth kommen sollte, so vergiß nicht, wie wir dir aus der Noth geholfen haben, und laß sie nicht in der Noth stecken. Gieb mir die Hand darauf, Anton! Nicht wahr, du verläßt deine Geschwister nicht?“ „O lieber Vater, rief Anton, indem er dem Förster die Hand reichte, ich müßte ja der undankbarste Mensch von der Welt seyn, wenn ich Ihrer Wohlthaten je vergessen könnte. O gewiß — Ihre Liebe ist mir ewig unvergeßlich. Meine größte Glückseligkeit auf der Welt soll es seyn, Ihnen, lieber Vater, meiner besten Pflegmutter oder meinen lieben Geschwistern Gutes erweisen zu können.“