Alle im Hause waren nun um die lieben Reisenden, besonders um den alten Vater sehr besorgt. Die ersten acht Tage wußten sie sich zwar immer zu trösten. Als aber weiterhin ein Tag nach dem andern verging und die Witterung höchst unfreundlich und stürmisch wurde, und es fast unaufhörlich regnete, wurden sie sehr unruhig. „Ach, sprachen sie, der Christian, so rüstig er ist, wird genug auszustehen haben; wie aber wird der alte Vater durchkommen?“ Die zwey Kinder des jungen Försters liefen alle Augenblicke vor die Hausthüre, um zu sehen, ob der Vater und der Großvater denn noch nicht kämen.
So verfloßen zu den ersten acht Tagen noch acht Tage in Kummer und Sorgen. Ueberdieß hatte bald nach der Abreise der beyden Förster ein Jägerbursch des Oberförsters ein amtliches Schreiben gebracht. Die Försterin getraute sich zwar nicht, es zu öffnen; allein sie fürchtete, daß es nichts Gutes enthalte. Denn der Jägerbursch hatte noch mündlich mit höhnischer Miene gesagt: „Es ist toll, daß der alte Mann mit seinem jungen Brausekopf in die Residenz lauft. Der Herr Oberförster ist seiner Sache gewiß. Sie richten sicherlich nichts aus und kehren mit Schand und Spott zurück.“ Alle im Hause betheten indeß täglich, Gott wolle die beyden Reisenden bey dem Fürsten ein gnädiges Gehör finden lassen und sie glücklich wieder nach Hause führen! Auch die Kinder betheten ungeheißen mit.
Siebentes Kapitel.
Wie es mit dem Förster weiter gegangen.
Unter diesen traurigen Umständen brach der heilige Weihnachtsabend an. Es wurde heute früher Nacht als sonst. Denn der ganze Himmel war mit schweren Wolken bedeckt. Der Sturmwind brauste durch die alten Eichen und die schwankenden Tannen des Waldes. Es schneyete und regnete sehr heftig und die Dachrinne rauschte gleich einem Regenbach, der von einem Felsen stürzt. „Ach Du mein Gott, sagte die alte Försterin, nachdem sie lange zum Fenster hinaus gesehen hatte, sie kommen noch nicht. Wenn sie heute, am heiligen Christabende, ausbleiben, so ist ihnen sicherlich ein Unglück begegnet. Mir ist ganz unaussprechlich bange. Es ist ja ein Wetter, man sollte keinen Hund vor die Thüre jagen, und die Wege sind zum Versinken schlecht. Ach, wenn sie nur wieder da wären, gehe dann alles Uebrige, wie es wolle!“
Sie öffnete wieder das Fenster, sah hinaus und rief: „O Gottlob, nun kommen sie!“ Alle eilten ihnen vor die Hausthüre entgegen; alle fragten: „Nun, wie ist es in der Stadt gegangen?“ „Ich hoffe, es soll noch alles gut gehen! sagte der alte Förster. Ihr werdet aber unsertwegen Kummer gehabt haben. Wir blieben lange aus. Allein ich war auf der Reise nicht ganz wohl, und konnte nicht mehr weiter; und da es wieder besser ging, waren von dem vielen Regen die Flüße und Bäche so angeschwollen, daß wir noch einige Tage aufgehalten wurden. Nun Gottlob, daß wir wieder da sind!“ Er trat in das Haus, kleidete sich um, und setzte sich in seinen Lehnsessel an den wärmenden Ofen. Die alte Försterin brachte eine Flasche Wein, zwey Gläser und die brennende Oellampe. „Erquickt euch doch beyde ein wenig, sagte sie, indem sie einschenkte; ihr werdet es beyde sehr nöthig haben. Das Essen wird bald fertig seyn.“ „Wohl! sprach der Förster, beym Scheine des hellen Oellichtes umher schauend; es ist doch gut, wieder zu Hause zu seyn, unter den lieben Seinigen, wo man lauter freundliche und fröhliche Gesichter um sich erblickt.“
Der junge Förster hatte aber indeß seiner Frau im Vertrauen gesagt: „O, es steht gar nicht gut; wir kommen wahrscheinlich um den Dienst.“ Diese erschrak sehr, und sagte es heimlich den übrigen. Der alte Förster sah, wie sich auf einmal alle Gesichter verfinsterten, und von Schrecken und Angst zeigten. „Hat Christian schon geplaudert? sagte er; je nun, es ist da nichts zu verhehlen. Ihr sollet alles hören; doch werdet mir nicht zu traurig. Es ist uns ja heute Nacht ein Erlöser geboren; über dieser großen Freude müssen wir unsere kleinen Erdensorgen vergessen; wenigstens sie uns nicht zu sehr zu Herzen nehmen.“ —
„Als wir, sprach er hierauf, Abends spät in der Residenz ankamen, ging ich noch zu dem alten Forstrath Müller. Er ist ein sehr biederer Mann, dachte ich; er war vor alten Zeiten mein Oberförster und immer mein Freund. Die übrigen Räthe, die mich kannten, sind alle todt oder in Ruhe versetzt. Wiewohl auch er sich Alters halber von Geschäften zurück gezogen hat, so kann er mir doch den besten Rath geben.“ So dacht’ ich. Der edle Mann nahm mich auch in der That mit großer Herzlichkeit auf. Ich sagte ihm mein Anliegen. Er sprach: „Sie haben an dem Oberförster einen sehr schlimmen Feind, der dahier mächtige Freunde hat. Er will Ihren Dienst einem jungen Menschen, der sein Bedienter war, zuschanzen und sendet immer die nachtheiligsten Berichte über Sie und Ihren Sohn ein. Ich fürchte sehr, er dringe durch, und bringe den guten Christian um das väterliche Brod.“ „Ach, sagte ich, es wird ja nicht so weit kommen! Indeß bin ich Willens, selbst zum Fürsten zu gehen.“ „Thun Sie das, sagte der Forstrath. Ich gehe mit. Indeß kommen Sie eben jetzt zu der ungelegensten Zeit. Der Herr hat zu viele Geschäfte. Sie werden kaum vorkommen. Auch zu dem obersten Forstmeister und den Forsträthen müssen Sie gehen. Allein ich fürchte, da finden Sie keine gute Aufnahme. Herr von Schilf hat sie alle ganz verblendet.“ Ich fand auch, daß der Forstrath vollkommen Recht hatte. Ich machte manchen sauren Gang. Der oberste Forstmeister nahm mich sehr kalt auf und fertigte mich kurz ab. Die andern Räthe behandelten mich nicht viel besser; ich sah nur finstere Gesichter und mußte manche harte Rede anhören. Bey dem Fürsten aber wurde ich, da der oberste Forstmeister eben um ihn war, gar nicht vorgelassen. Der Oberförster wußte mich und den Christian sehr schlau zu verleumden. Ich mag euch dieß jetzt nicht ausführlich erzählen; es betrifft ohnehin Geschäfte, die ihr nicht versteht. Alles, was wir hoffen können, ist eine Untersuchung; allein es ist zu fürchten, daß sie in solche Hände kommen werde, von denen wir wenig Gutes zu erwarten haben. — Doch diese Gespräche machen uns zu traurig, und heute Abend sollten alle Menschen in der ganzen Christenheit fröhlich seyn. Es ist ja der heilige Weihnachtsabend; wir wollen der Geburt unsers Erlösers gedenken. Das wird unsern trüben Sinn erheitern.“
Er richtete seine Blicke auf das Gemälde von der Geburt Jesu, das Anton einst geschickt hatte. Es hing in der Stube an jener Stelle, wo vorhin der Spiegel gehangen, und war, damit es nicht Schaden nehme, mit einem Flor verhüllt. Die kleinen Enkel des alten Försters, zwey liebliche Kinder, Franz und Klara, hatten sich schon seit mehreren Wochen auf die Feyer des heiligen Weihnachtsabend gefreut. Sie sprangen auf und trockneten sich schnell die Thränen von ihren erheiterten Gesichtchen. „Großmutter, sagte der kleine Franz, nimm den Flor weg von dem Bilde und zünde, wie im vorigen Jahr, die Kerzen an, damit man es auch recht sehe.“ „Und du, Großvater, sagte die kleine Klara, hole deine Harfe; wir wollen unser Weihnachtsliedchen singen, das uns die Mutter gelehrt hat.“
„Nun wohl, sprach der Förster; wir wollen ein Weihnachtslied singen. Doch, sagt zuvor noch, hat sich, während wir fort waren, nichts besonders ereignet?“ „Nichts, sagte die alte Försterin; nur ist leider, bald nach eurer Abreise, wieder ein Schreiben von dem Oberforstamte angekommen. Was es wohl seyn mag!“ Sie reichte ihm das Schreiben verschlossen hin. Er öffnete es — erblaßte — und sagte mit einem Blick zum Himmel: „Nun, Herr, dein Wille geschehe!“ Alle schauten erschrocken und erwartungsvoll auf ihn. „Was ist es denn?“ fragte die Großmutter. „Wir sollen aus diesem Hause fort, sagte er; ja wir sollten schon fort seyn. Der Oberförster befiehlt in diesem Schreiben, das Försterhaus müsse längstens bis zum Weihnachtsabende geräumt und gereiniget seyn, damit der neue Förster auf die Weihnachtsfeyertage einziehen könne. Er droht, wenn wir ihm nicht gehorchen würden, uns durch die Amtsdiener abführen zu lassen. Mich wundert, daß sie noch nicht da sind; wir sind keinen Augenblick sicher, daß sie uns aus dem Hause werfen.“
„Ach Gott! rief die junge Försterin, jetzt, in dieser fürchterlich stürmischen Nacht! Hört ihr, wie draußen der Sturmwind braust? Wie es regnet? Wo werden wir gegen Sturm und Regen ein Obdach finden!“ Sie sank auf einen Sessel und umfaßte ihre zwey Kinder. „Guter Gott, seufzte sie, ach erbarme Du Dich dieser Unschuldigen!“ Der junge Förster stand mit gefalteten Händen sprachlos vor ihr, und blickte sie und seine zwey Kinder mit Augen voll Thränen an.