„O Du mein Gott, sagte die Großmutter schluchzend und die Hände ringend, in unsern alten Tagen mit Kindern und Enkeln aus dem Hause vertrieben zu werden, in dem ich gebohren bin, in dem mein Vater und mein Großvater lebten — ach, es ist schrecklich! Guter Gott, laß mich in diesem Hause, in dem ich geboren ward, vollends absterben.“
Katharine weinte stille Thränen; Luise stand zitternd und bebend da, wie ein Lamm, das man schlachten will. Der alte Förster aber mit seinem ehrwürdigen Angesichte, der hohen kahlen Stirne und den grauen Seitenlocken, blickte lange schweigend zum Himmel, und sprach dann ruhig und gefaßt: „Ja, meine liebsten Kinder, es ist an dem, daß wir dieses Haus verlassen müssen. Ich weiß keinen Menschen, der uns alle zugleich in sein Haus aufnehmen könnte. Wir werden jetzt wohl von einander getrennt werden. Ich hoffte zwar, in eurer Mitte ein ruhiges Alter zu genießen — hoffte, ihr würdet, so wie ihr jetzt um mich versammelt seyd, in diesem Hause einst alle an meinem Sterbebette stehen. Gott beschloß es anders — wir wollen uns in seinen heiligen Willen ergeben.“
Er blickte auf seine Enkel und sprach weiter: „Unser Herz regt sich, wenn wir diese weinenden Kinder betrachten. Gott hat noch ein liebvolleres Vaterherz gegen uns. Schickt Er ein so schweres Leiden über uns, so hat Er gewiß die weisesten Absichten dabey. Auch diesen Jammer wird Er zu unserm Besten lenken. Wenn es einmal auf das Aeußerste gekommen, muß es wieder besser gehen. Die Alten sagten ja aus wohlbewährter Erfahrung: Ist die Noth am höchsten, so ist Gottes Hülfe am nächsten. — Wir haben in dieser Stube viele Weihnachtsabende in Freuden zugebracht, laßt uns auch den Einen traurigen von Gottes Hand willig annehmen.“
„Du hast recht, liebster Mann! sagte die alte Försterin; wir wollen alles Gott überlassen und in unserm großen Jammer getrost seyn. Ach, ich dachte oft daran, wie es Marien seyn mußte, als sie nicht nur in dem Stalle übernachten mußte, sondern bald darauf ihre Wohnung bey dunkler Nacht — wie jetzt wir — gar verlassen, und mit ihrem göttlichen Kinde fortziehen sollte in ein anderes Land. O so groß ihr Glauben, ihr Vertrauen war, ich denke doch, daß ihr, wo nicht um ihrer selbst, doch um ihres Kindes willen, Thränen in die Augen traten! Ich weiß, was es um ein Mutterherz ist! Ihre Leiden waren gewiß herzzerschneidend. Jeder Mensch auf Erden aber muß in ähnliche Lagen kommen. Gott läßt keines seiner Kinder ungeprüft. Jene alten Geschichten werden auf eine gewisse Art an uns erneuert. Allein Derjenige, Der Marien, in dem armen Stalle und auf ihrer traurigen Flucht, tröstende Freunde und leitende Engel zuschickte, wird auch uns nicht ohne Trost lassen. Er wird zu rechter Zeit Hülfe schicken.“
Nun wurde mit einem Male an der Hausthüre geklopft. „Jetzt kommen sie, sagte der alte Förster, und werden uns aus dieser Stube vertreiben.“ Der Förstersohn fuhr auf, blickte nach seinem Gewehr, und rief: „Das sollen sie sich nicht unterstehn, meine grauen Aeltern, mein liebes Weib, meine Kinder, meine Schwestern aus dem Hause zu werfen. Den Ersten, der an sie Hand anlegt, den — —“
„O nein, nein, mein Sohn, sprach der alte Vater, sprich diese schrecklichen Worte, die du auf der Zunge hast, nicht vollends aus. Keine Widersetzlichkeit; nichts von unrechtmäßiger Gewalt! Gott ist über uns und ihnen. Er allein ist unser Schutz und unsre Zuflucht. Wenn unsre Bitten und Vorstellungen über diese Männer, die uns zu vertreiben kommen, nichts vermögen, so gehen wir willig aus dem Hause, und flüchten uns, bis die Nacht vorüber ist, in jene Höhle des Waldes, in der wir bey stürmischer Witterung auf der Jagd oft eine Zuflucht gefunden. Ach, sprach er, indem er aus seinem Lehnsessel aufstand, ich wollte, ein jedes aus euch könnte mit mir altem, vielgeprüftem Manne sagen:
Um mich hab’ ich mich ausbekümmert,
Und alle Sorg’ auf Gott gelegt,
Würd’ Erd’ und Himmel auch zertrümmert,
So weiß ich doch, daß Er mich trägt;