Der Förster sprach: „Du hattest, so viel ich sehe, sehr rechtschaffene Aeltern, lieber Anton. Allein hast du denn gar nichts Schriftliches aufzuweisen?“ „O ja wohl!“ sagte Anton, und nahm eine Brieftasche aus seinem Päcklein. „Diese Papiere, sagte er, hat mir meine Mutter noch auf ihrem Sterbebette übergeben. Sie befahl mir, wohl darauf Acht zu haben, und sie nicht aus der Hand zu lassen. Euch darf ich sie aber schon sehen lassen.“ Es waren der Trauschein seiner Aeltern, Antons Taufschein und der Todtenschein seines Vaters. Der Todtenschein war von dem Feldprediger ausgestellt. Der Oberst des Regiments hatte aber noch eigenhändig ein sehr rühmliches Zeugniß von dem tapfern, edelmüthigen Betragen des seligen Wachtmeisters und der tadellosen Aufführung der hinterlassenen Wittwe beygefügt.
„Nun wohl, sprach der Förster, das ist alles gut. Jetzt sage mir aber, Anton, wie gefällts dir bey uns?“ „Sehr gut, sagte Anton freundlich, so gut, daß mir ist, als sey ich bey Euch zu Hause.“ „Möchtest du wohl bey uns bleiben?“ fragte der Förster. — „O nirgends in der Welt lieber!“ sagte Anton. „Eure Frau ist gerade so freundlich, wie es meine Mutter war, und Ihr seyd auch recht brav und habt gerade einen solchen Schnurrbart, wie ihn mein Vater trug.“
Der Förster lachte, und strich sich den Bart. „Nun Knabe, sprach er, so bleibe denn bey uns. Ich will dein Vater seyn, und meine Frau wird als Mutter an dir handeln. Sey uns aber auch ein guter Sohn, und habe deine neuen Geschwister lieb und thu ihnen nichts zu leid. Hörst du — du bist jetzt mein Sohn Anton!“ Der Knabe stand sehr betroffen da, und sah den Förster mit großen Augen an, ob das auch sein Ernst sey. Er war der harten Begegnung, die er von vielen Menschen erfahren mußte, so gewöhnt, daß ers kaum glauben konnte, der Förster wolle ihn an Kindesstatt annehmen. „Nun wie, Anton, sagte der Förster, und both ihm die Hand, schlägst du nicht ein?“ Jetzt brach Anton in Thränen aus, both dem Förster die Hand, küßte darauf die Hand der Försterin, und grüßte beyde Kinder, ja auch das kleinste, wiewohl es noch nicht wußte, was vorging, als seine neuen Geschwister. Christian und Katharine hatten eine große Freude, daß Anton da bleiben durfte. „Jetzt ists erst recht lustig, sagte Christian; jetzt sind wir, wenn wir ein Spiel machen, doch unser drey.“
Der Förster fuhr aber ernsthaft fort: „Sieh Knabe, so sorgt Gott für dich. Der Segen deiner guten Aeltern ruht auf dir. Gott erhörte das Gebeth deiner sterbenden Mutter und — auch dein Gebeth als du dort im Walde zitternd vor Frost im Schnee knietest. Er lenkte deine Tritte hieher! Er führte dich in unser Haus. Wenn du unsern Gesang nicht gehört hättest, so wärest du auf deinem Bündelein eingeschlafen und erfroren, und ich hätte dich todt im Walde gefunden. Gott rettete dich gerade noch im rechten Augenblick. Er führte dich gerade in dieser heiligen Nacht, da unsre Herzen von der Liebe des Vaters im Himmel, der den Eingebornen für uns dahin gab, besonders gerührt waren, zu unserer abgelegenen Wohnung im Walde, die du sonst am Tage kaum gefunden hättest. Gott und seinem lieben Sohne, der auch für dich armen Knaben vor bald zwey tausend Jahren in der heutigen Nacht geboren ward, und auch für dich gestorben ist, hast du es zu danken, daß du jetzt wieder ein Obdach hast. Darum erkenne es, und vergiß es in deinem Leben nicht, und habe immer ein dankbares Gemüth gegen Gott und deinen Erlöser. Hab’ Gott dein Leben lang recht vor Augen und führe dich immer christlich auf.“
Anton versprach es mit weinenden Augen. „O Du guter Gott, sagte er, indem er zum Himmel blickte, Du hast die letzten Worte meiner sterbenden Mutter treulich erfüllt und mir wieder Vater und Mutter geschenkt. Ich will aber ihre letzten Worte auch erfüllen, deine heiligen Gebothe halten, und besonders das vierte Geboth gegen meine neuen Aeltern recht beobachten.“ „Bravo, Anton, sprach der Förster, das thu, und es wird dir wohl gehen.“ Die Försterin wies hierauf dem Knaben eine kleine Kammer mit einem reinlichen Bette an, und alle begaben sich vergnügt zur Ruhe.
Am andern Morgen waren die Kinder sogleich wieder um die Vorstellung des Kindes Jesu in der Krippe versammelt. Sie war an dem heiligen Weihnachtsfeste und den darauf folgenden Feyertagen und Festen ihre einzige Freude. Allein diese unschuldige Weihnachtsfreude wäre bald gestört worden. Ein gewisser junger Herr von Schilf, der ein großer Jagdliebhaber war, und den Förster öfter besuchte, kam einmal in die Stube. Er machte über diese Art, den Kindern die Krippe Jesu vorzustellen, allerley spöttische Anmerkungen und konnte nicht finden, wozu dergleichen dienen sollte.
„Wozu? sprach der Förster. Schauen Sie da einmal zum Fenster hinaus, junger Herr! Sehen Sie, tiefer Schnee deckt die Erde und die Bäume des Waldes krachen unter seiner Last. Man sieht keine Blume; nur hier an den gefrornen Fensterscheiben schimmern Blumen von Eis. An den Obstbäumen, die mein Dach umgeben, hängen keine Aepfel und Birnen mehr, und es ist kein grünes Blatt mehr daran zu sehen; alle Aeste und Zweiglein sind weiß angeduftet und ganz mit Reifen überzogen, und an dem Hausdache hängen lange Eiszapfen. Die armen Kinder hier sind in der Stube, gleich Gefangenen, eingesperrt und können kaum einen Tritt vor die Hausthüre thun. Sollte es denn nun so übel seyn, wenn liebende Aeltern ihren Kindern zur rauhen Winterszeit in der wärmenden Stube gleichsam einen Frühling erschaffen? Wirklich ist diese Frühlingslandschaft im Kleinen mit den grünen Wäldern, blumigen Wiesen, weidenden Schafen und deren Hirten fast die einzige Winterfreude der Kinder.“
„Allein das ist noch das Wenigste! Die Hauptsache ist dies: Wir Christen freuen uns zur heiligen Weihnachtszeit, daß uns in Christus die Menschenfreundlichkeit Gottes in Menschengestalt erschienen ist. Und da möchten wir denn auch unsre Kinder, soviel sie es verstehen, an dieser Freude Theil nehmen lassen. Nun weiß ich zwar wohl, daß die größten Mahler diese heilige Geschichte in Gemälden darstellten, die seit Jahrhunderten die Bewunderung der Welt sind. Ich selbst habe, da ich noch auf Reisen war, jenes berühmte Gemälde der Krippe Jesu zu Dresden, die heilige Nacht genannt, mehrmal bewundert. Allein die Einwendungen, die Sie gegen meine, freylich sehr unvollkommene Darstellung der Krippe Jesu hier machen, ließen sich, den Kunstwerth abgerechnet, gegen jenes herrliche Gemälde auch machen, und sind deßhalb keiner Wiederlegung werth. Solche kostbare Gemälde sind übrigens nur für große Herren, und wären bey Kindern gar nicht angewendet. Denn ich wette darauf, meine Kinder würden ihre Krippe gegen jenes berühmte Gemälde zu Dresden sicher nicht vertauschen.“
„Lassen Sie also, mein lieber Herr von Schilf, uns einfältige Leute hier im Walde immer bey der alten Sitte unserer Väter bleiben. Ich erinnere mich noch aus meinen eigenen Kinderjahren, daß die Krippe meine beste Kinderfreude — und nicht ohne Segen für mich war. So möge sie denn auch meinen Kindern zur Freude und zum Segen gereichen.“