„Nun wohl, sagte Anton, das ist alles sehr schön. Allein das Schönste ist doch die Abbildung des himmlischen Kindes! Das freut mich am meisten. Denn um jenes Kindes willen, das hier abgebildet ist, hat mich der himmlische Vater aus meiner großen Noth errettet.“

Zweytes Kapitel.
Geschichte des armen Antons.

Der Hausvater, in dessen Hause Anton so gut aufgenommen wurde, war ein Förster. Er saß, indessen die Kinder so mit einander plauderten, in seinem Lehnsessel am Ofen, und schien in Gedanken vertieft. Die Försterin setzte sich, mit dem kleinsten Kinde auf dem Arm, neben ihn auf einen Stuhl, und sagte über eine Weile: „Warum bist du so stille, und über was sinnest du nach?“ „Ich sinne den letzten Reimen nach, die wir gesungen haben, sagte der Förster. Du hast nun freylich gethan, wie sie lauten, und den armen Knaben gespeiset und erwärmt. Ich denke aber, wir könnten doch noch mehr an ihm thun. Sieh, es ist heute die heilige Nacht. Wir feyern das Andenken jener Nacht, in der das göttliche Kind geboren wurde, das zu unserm und aller Menschen Heil in die Welt gekommen. Und nun schickt Gott uns eben heute Nacht ein Kind her, dem wir zum Heile werden können. — Der Erlöser kam als ein Fremdling in die Welt, und hatte nicht, wo er sein Haupt hinlege, als wollte er die Gastfreundlichkeit der Menschen auf die Probe stellen. Die Einwohner von Bethlehem bestanden in dieser Probe schlecht, und verstießen ihn gleich anfangs zu den Thieren des Stalles; sollten wir den Knaben da auch so verstoßen? Sag mir aber deine Meynung aufrichtig, Elisabeth, was wir thun sollen!“

„Den Knaben annehmen, sagte die Försterin freudig und freundlich. Was ihr einem von diesen Mindesten thut, das habt ihr mir gethan, sagte ja Er, der in dieser Nacht geboren ward. Und der Anton scheint mir ein recht guter, sanfter Knabe, der ein edles Gemüth hat. Er sieht so fromm und unschuldig aus, und, obwohl er bettelt, so ist er doch gar nicht keck und verwegen. Gewiß ist er ehrlicher Leute Kind. Er hat so eine feine Aussprache, und obwohl seine rothe Jacke etwas abgetragen ist, so ist sie doch von recht gutem Tuche. Wo ihrer fünf essen, essen auch sechs. Wir wollen den Knaben behalten.“

„Du bist doch eine gute, liebe Frau, sagte der Förster, und drückte ihr die Hand. Gott wird es dir vergelten, und was du an einem fremden Kinde thust, unsern eigenen Kindern zu gut kommen lassen. Doch müssen wir den Knaben zuvor erst prüfen, ob er der Wohlthat werth ist.“

„Anton, komm einmal daher!“ rief der Förster jetzt laut. Anton kam und stellte sich vor ihn hin, gerade und aufrecht, wie ein Soldat vor seinem Offizier steht.

„Dein Vater, fing der Förster an, war also ein Soldat, und starb den Tod fürs Vaterland. Nun, das ist wohl traurig für dich, allein für ihn ist es schön und rühmlich. Aber erzähle uns doch mehreres von deinen Aeltern. Wo waret ihr vor dem Kriege? Wie kam dein Vater um? Wie starb deine Mutter? Wie kamst du hieher in unsern Wald? Laß einmal hören!“

Anton erzählte: „Meinen Vater, Gott habe ihn selig, nannten die Husaren ihren Herrn Wachtmeister. Unser Regiment lag, so lang ich denke, zu Glatz in Schleßien in Garnison. Meine Mutter nähte immer sehr fleißig und verdiente vieles. Sie war sehr geschickt. Da kam der Vater eines Tages eilig nach Hause und sagte: „Es ist Krieg; wir müssen morgen fort!“ Er war ein tapferer Mann und wußte sich gut darein zu schicken. Meine Mutter aber hatte einen großen Schrecken und weinte bitterlich. Sie wollte ihn nicht allein ziehen lassen; der Abschied fiel ihr gar zu schwer. Auf ihr vieles Bitten nahm er uns endlich mit. Wir zogen weit — weit fort. Mit einmal hieß es: „Der Feind rückt an.“ Mein Vater und die Husaren mußten ihm entgegen. Meine Mutter und ich blieben zurück. Da wurde uns nun wohl recht bange, als wir in der Ferne so fürchterlich schießen hörten. „Ach, sagte die Mutter zu mir, bey jedem Schuß geht mir ein Stich durchs Herz. Denn ich weiß ja nicht, ob die Kugel nicht das Herz deines Vaters durchbohrt.“ Wir weinten und betheten, so lange das Schießen währte. Doch der Vater kam glücklich und unversehrt wieder zurück. So ging es nun öfter. Allein eines Tages kam nach einem Gefechte ein Husar mit des Vaters leerem Pferde in das Dorf gesprengt und sagte, der Vater sey schwer verwundet; er liege eine halbe Stunde vom Dorfe auf der Wahlstatt und werde wohl sterben. Die Mutter und ich eilten sogleich zu ihm. Er lag unter einem Baume. Ein alter Soldat kniete bey ihm und hielt ihn sanft in den Armen, so, daß der Vater den Kopf an die Brust des wackern Kriegers anlehnen konnte. Noch zwey andere Soldaten standen dabey. Mein armer Vater war durch die Brust geschossen und sah bereits so blaß aus wie ein Sterbender. Wir sahen es ihm wohl an, daß er uns noch etwas sagen wollte; allein er konnte nicht mehr reden. Da blickte er mich mit seinen sterbenden Augen noch einmal schmerzlich an, dann blickte er auf die Mutter, und dann zum Himmel. Wenige Augenblicke nachher verschied er. Die Mutter und ich weinten uns fast die Augen aus. Die Leiche wurde auf dem nächsten Kirchhofe begraben. Einige Herren Offiziere und viele Soldaten kamen und begleiteten die Leiche. Die Trompete klang mir so seltsam und so traurig, daß mirs ist, ich höre sie noch immer. Sie erwiesen ihm noch die letzte Ehre, und schossen ihm noch in das Grab. Meine Mutter und ich wurden von dieser traurigen Ehrenbezeugung so erschüttert, als würde auf uns selbst geschossen. Viele Soldaten wischten sich die Augen, als sie vom Grabe zurückkehrten. Ich und meine Mutter aber zerfloßen fast in Thränen.

Die Mutter wollte nun wieder in ihre Heimath zurück kehren. „Ich habe dort freylich keine Verwandten mehr, sagte sie, aber doch noch eine gute Bekannte. Sie wird uns wohl in ihr Haus aufnehmen, und ich denke, dort von meiner Arbeit dich und mich zu ernähren.“ Allein wir hatten kaum einige Tagreisen zurück gelegt, da wurde die gute Mutter unterwegs krank. Mit Mühe erreichten wir noch ein kleines Weiler. Man wollte uns nirgend aufnehmen; endlich fanden wir in einer Scheure ein Unterkommen. „Das ist wohl hart, sagte meine Mutter, allein Maria hatte es ja auch nicht besser. Auch sie wurde nirgends hinein gelassen und mußte in einem Stalle übernachten.“ Meine Mutter wurde indeß stündlich kränker. Sie ließ einen Geistlichen rufen und bereitete sich zum Tode. Als es Nacht wurde, sagte die Bäurin, der die Scheure gehörte, zu meiner Mutter: „Ihr seyd wohl recht krank; ich muß daher schon etwas Uebriges thun.“ Sie ging, brachte eine alte Stalllaterne, in der ein kleines Oellicht brannte, und hängte die Laterne an einem Balken auf. Das war alles, was sie that. Sie sagte uns nun gute Nacht und kümmerte sich weiter nicht mehr um uns. Ich blieb ganz allein bey der Mutter; ich saß so neben ihr auf einem Bund Stroh und weinte bitterlich. Gegen Mitternacht wurde sie, so viel ich bey dem trüben Scheine der Laterne sehen konnte, immer blässer. Sie seufzte mehrmal sehr tief. Ich weinte immer heftiger. Sie both mir die Hand und sagte: „Weine nicht, lieber Anton! Bleibe fromm und gut, bethe gern, hab’ Gott vor Augen und thu’ nichts Böses; so wird dir Gott einen andern Vater und eine andere Mutter geben.“ So sprach sie. „Aber lieber Gott, sagte Anton, und die hellen Zähren floßen ihm über die blühenden Wangen — eine solche gute Mutter bekomme ich doch nicht mehr.“ „Nun, fuhr er fort, sie blickte nun lange zum Himmel, bethete in der Stille, segnete mich mit ihren sterbenden Händen und verschied. Ich konnte nichts als weinen. Der Bauer und die Bäuerin hatten wohl meiner Mutter versprochen, sie wollen mich annehmen und mich wie ihr eigenes Kind halten. Sie nahmen das Wenige, was meine Mutter hinterlassen hatte, ihre Kleider und einiges Geld, auch wirklich zu sich; allein ehe drey Wochen vergingen, schickten sie mich fort, und sagten, ich hätte schon dreymal so viel verzehrt, als die Hinterlassenschaft meiner Mutter werth sey. Ich ging und nahm mir vor, nach Glatz zu meinen Schulkammeraden zurück zu kehren. Allein die Bauern konnten mir nicht sagen, wo der Weg nach Schleßien gehe. Da irre ich nun so im Lande hin und her und bettle; denn was soll ich sonst anfangen?“

Die Försterin war sehr gerührt, und sagte mit Thränen in den Augen zu ihren Kindern: „Seht, meine Kinder, so könnte es euch auch gehen. Auch ihr könnet Vater und Mutter verlieren, und was wollet ihr dann anfangen? Darum bittet Gott doch alle Tage, daß Er euch eure Aeltern erhalte.“