Vor deine Thür’, sag’ nicht: Helf Gott!

Wollst seiner dich erbarmen!

Fühlst du für Gottes Liebe Dank,

Laß liebreich es bey Speis und Trank

An deinem Heerd erwarmen.“

Anton stand noch immer unter der geöffneten Thüre, und hielt die Thürschnalle in der einen Hand, und Hut und Stecken in der andern. Seine Augen waren beständig auf die schöne Vorstellung der Krippe Jesu gerichtet, und mit offenem Munde horchte er auf den Gesang und das Harfenspiel. Niemand bemerkte ihn. Jetzt fühlte aber die Mutter die Kälte, die durch die offene Thüre in die Stube drang und blickte nach der Thüre: „Lieber Gott, rief sie, wie kommt das Kind in der finstern Nacht durch den dicken Wald hieher? Armer, armer Knabe — du hast dich gewiß verirrt!“ „Ach ja, sagte Anton, ich habe mich im Walde verirrt!“ Alle sahen jetzt nach der Thüre. Die zwey Kinder hatten ein herzliches Mitleid mit dem verirrten Knaben, blieben aber etwas scheu stehen, weil er ihnen fremd war. Die Mutter ging mit ihrem Kinde auf dem Arm zu ihm hin, und fragte ihn freundlich: „Wo bist du denn her, lieber Kleiner, wie heißt du und wer sind deine Aeltern?“ „O Du lieber Gott, sagte Anton mit Thränen in den blauen Augen: Ich habe gar keine Heimath mehr. Ich heiße Anton Kroner. Mein Vater ist in dem Kriege umgekommen und meine Mutter ist den letzten Herbst vor Jammer und Elend gestorben. Ich bin hier im Lande ganz fremd und irre in der Welt umher, wie ein verlornes Lämmlein.“ Er fing an zu erzählen, wie er eben jetzt im Walde in so großer Noth gewesen, wie er da aber ihren Gesang gehört und so den Weg zu ihrem Hause gefunden habe. Er wollte weiter reden; allein die Stimme versagte ihm; es fror ihn noch all zu sehr. In der warmen Stube fühlte er die Wirkungen der Kälte erst recht. Er zitterte vor Frost und klapperte mit den Zähnen.

„Ach du armer Anton, sagte die Mutter; du kannst ja vor Frost kaum mehr reden; und hungerig und müde mußt du auch seyn. Leg dein Bündelein ab, und sitz nieder; ich will dir eine warme Suppe geben, und was sonst noch von dem Nachtessen übrig ist.“ Die zwey Kinder, Christian und Katharine, nahmen ihm nun voll Mitleid Hut und Stock und das Bündelein ab. Katharine legte das Bündelein auf die Bank; Christian legte den Hut oben darauf und lehnte den Stecken in eine Ecke. Hierauf führten sie ihren kleinen Gast an den Tisch. Die Mutter brachte Suppe und ein großes Stück Festkuchen nebst gekochten Pflaumen. Sie setzte sich an die andere Seite des Tisches, und lächelte freundlich, daß Anton es sich so gut schmecken ließ. Die Kinder aber theilten ihm reichlich von ihren Weihnachtsgeschenken mit — schöne rothwangige Aepfel, goldgelbe Birnen, und große braune Nüsse. Sogar das kleine Lieschen auf dem Schooße der Mutter schenkte ihm, auf Zureden der Mutter, das schöne purpurrothe Aepfelein, das sie in dem kleinen Händchen hielt, und mit den zarten Fingerlein kaum umspannen konnte.

Die warme Suppe bekam dem erstarrten Anton sehr gut, und die liebliche Stubenwärme that ihm nunmehr sehr wohl. Er ward wieder munter und fröhlich. „Aber was ihr doch da in der Ecke eurer Stube Schönes habt!“ fing er jetzt an. Er hatte schon unter dem Essen beständig nach der Krippe hinübergeblickt. „Das ist ja ein Frühling mitten im Winter! sagte er. So etwas Wunderschönes hab’ ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Ich muß es doch näher betrachten.“ Er sprang hin und die zwey Kinder folgten ihm.

„Weißt du aber auch, was das alles vorstellt?“ fragte Katharine. „Freylich weiß ich das, sagte Anton. Es stellt die Geburt Jesu vor. Was das für ein schönes, liebliches Kindlein ist! Sein Angesicht ist so schön weiß und roth, wie Lilien und Rosen. Und was es für glänzende Aeuglein hat, und wie freundlich es lächelt!“ „Das ist aber nicht das rechte Jesuskindlein! sagte Katharine. Jesus ist jetzt kein Kind mehr; Er ist schon lange in den Himmel aufgefahren.“ „Das weiß ich wohl, sagte Anton. Meynst du denn, ich sey ein Heide? Es ist ja schon bald zwey tausend Jahre, daß Jesus als ein Kind in der Krippe lag. Das alles hier ist nur so gemacht, damit wir Kinder uns alles besser vorstellen können. Das da oben ist, glaube ich, die Stadt Bethlehem. Nicht so?“ Katharine nickte. „Siehst du nun, sagte Anton, daß ich alles weiß! Ich bin nicht so dumm, als du meynst.“

Die Kinder lachten und machten nun Anton noch auf allerley Kleinigkeiten aufmerksam, die ihnen aber höchst wichtig vorkamen. „Sieh nur, Anton, sagte Katharine, das schöne weiße Schaf hier mit krauser Wolle, und die zwey allerliebsten kleinen Schäflein daneben! Sieh, hier herum graset die übrige Heerde, und dort steht der Hirt und bläst auf der Schalmey. In dem niedlichen rothen Hüttchen mit Rädern schläft er zu Nacht.“ — „Siehst du auch, sprach Christian, wie da aus dem Felsen ein kleines Quellchen, so fein wie ein Silberfädchen, hervorspringt, und sich in den hellen See ergießt? Sieh, zwey weiße Schwäne mit schöngebognen Hälsen schwimmen auf dem See und spiegeln sich in dem ruhigen, silberklaren Wasser.“ „Dort, sagte Katharine, kommt ein Hirtenmädchen den steilen Weg am Berg herab, und trägt ein zugedecktes Körblein auf dem Kopf. Darin werden wohl Aepfel oder Eyer seyn, die sie zur Krippe trägt.“ „Und sieh, sagte Christian, dort schiebt einer auf seinem Schiebkarren einen Sack die hohle Bergschlucht hinauf. Was aber in dem Sacke ist, weiß ich nicht zu sagen.“ So unterhielten sich die Kinder höchst angenehm, und kein kleines streifiges Schnecklein, das an dem Felsen klebte, und kein buntes Müschelein am Ufer des Sees blieb unbemerkt.