Fridolin erzählte, und der Mann hörte aufmerksam zu, und that dazwischen allerley Fragen. „Wunderlich,“ sagte er, indem er auf die Eyerschaalen zeigte, die auf dem Moose umherlagen, „daß sie so schön roth und blau sind. Ich habe noch nie solche Eyer gesehen. Wie, laß mich das Ey, das noch ganz ist und das du wieder in den Queersack stecktest, doch einmal näher betrachten!“

Fridolin gabs ihm, und erzählte, wie er dazu gekommen. Der Mann betrachtete das Ey sehr aufmerksam, und die Thränen drangen ihm in die Augen. „Mein Gott,“ sagte er, „was da auf dem Ey steht, ist wohl recht wahr: Vertrau auf Gott, — Er hilft in Noth. Das habe ich jetzt erfahren. Mit heißer Inbrunst flehte ich in diesem Abgrunde zu Gott um Hülfe, und Er hat mein Flehen erhört. Seine Güte sey dafür dankbar gepriesen. Gesegnet seyen die guten Kinder, die dir das Paar Eyer schenkten. O sie dachten wohl nicht, daß sie damit einem fremden Manne das Leben retten würden. Gesegnet sey die gute Frau, die auf dieses Ey hier den tröstlichen Reim schrieb.“

„Du,“ fuhr er fort, „gib das Ey mir. Ich will es aufheben, damit ich den schönen Spruch, der sich an mir so schön bewährte, immer vor Augen haben kann. Ja, meine Kinder und Kindeskinder sollen noch im Vertrauen auf Gott gestärkt werden, so oft sie das Ey erblicken und den Spruch lesen. Vielleicht erzählen nach hundert Jahren meine Urenkel noch davon, wie wunderbar Gott ihren Urgroßvater durch ein Paar Eyer vom Hungertode gerettet habe. — Ich will dir für die Eyer etwas anders geben.“ Er zog seinen Geldbeutel heraus, und gab ihm für jedes Ey, das er gegessen, hatte, ein Goldstück — für das mit dem schönen Reim aber zwey. Fridolin wollte ihm das Ey zwar nicht lassen. Der Mann aber bat so lange, bis er es ihm gab.

„Doch sieh,“ sagte der Mann jetzt, indem er an der Felsenwand hinauf blickte, „es will Abend werden, und die Felsen und Gesträuche da oben schimmern in der Abendsonne schon wie rothes Gold. Versuch es doch einmal, mir auf das Pferd zu helfen. Der Weg, auf dem du herabkamst in diese fürchterliche Schlucht, wo die Sonne nie hinscheinet, läßt mich doch einen Ausgang hoffen.“

Fridolin half ihm auf das Pferd, und führte es am Zügel. Sie kamen durch den Hohlweg mit vieler Mühe, aber dennoch glücklich hinauf. O wie sich da der Mann freute, als er die Sonne wieder erblickte, und Wald und Gebirg umher, von ihren glühendrothen Strahlen herrlich beleuchtet.

„Zu meinem Vetter,“ sagte Fridolin, „kommen wir jetzt wohl noch. Ich gehe einen starken Schritt und euer Pferd bleibt gewiß nicht zurück. Der Vetter wird euch mit Freuden aufnehmen. Er ist ein braver Mann. Ihr findet nicht nur eine gute Nachtherberge, sondern sicher auch, bis ihr wieder hergestellt seyd, eine liebreiche Pflege.“

Mit anbrechender Nacht kamen sie vor der Hütte des ehrlichen Steinhauers an. Er nahm den Edelknecht mit Freuden auf, und klopfte seinem jungen Vetter Fridolin auf die Schulter, daß er so brav und gut gehandelt habe. — Fridolin trug seine Bedenklichkeit vor, daß er nicht Wort halten und seiner Mutter und seinen Geschwistern die gefärbten Eyer nicht senden könne. „Ach was, Eyer,“ sagte Fridolins Vetter, „ich weiß zwar nicht, was du alles von rothen und blauen und bunten Eyern daher schwatzest, oder was diese Eyer vor andern Vogeleyern, deren viele gewiß noch weit schöner und zarter bemahlt sind, besonders haben sollen; aber wären sie auch pures Gold, so wären sie dennoch wohl fort — da nur der brave Mann hier nicht hungers sterben durfte, und du einmal ein braver Kerl wirst. Du hast gehandelt, wie der wohlthätige Samariter — und ich will nun den Wirth machen. Aber bezahlen darfst du mir nichts, setzte er noch lächelnd hinzu. Hörst du?“

Der Edelknecht zeigte das Ey mit dem Spruche. „Es ist wunderschön,“ sagte der Vetter zu Fridolin. „Indeß laß ihm’s nur; das Gold da wird deiner Mutter lieber seyn. Komm, ich will es dir auswechseln!“ Der Jüngling erstaunte über die Menge Münze, die er dafür bekam; denn er hatte das Gold nicht gekannt. „Sieh,“ sagte der Vetter, „auch an deiner Mutter wird der Spruch wahr: Gott hilft in Noth! Der Spruch ist mehr werth, als all das Gold. Es ist indeß gut, daß man den Spruch auch ohne das Ey merken kann. Vergiß ihn daher dein Lebenlang nicht.“

Der Edelknecht blieb so lange, bis er ganz gesund war, und beschenkte, ehe er aufsaß, noch alle im Hause reichlich.

Sechstes Kapitel.
Ein Ey, das wirklich in Gold und Perlen gefaßt wird.