Den Frühling und Sommer über fiel in dem Thale nichts besonders vor. Die Kohlenbrenner bauten ihr kleines Feld und gingen fleißig in den Wald, Kohlen zu brennen; ihre Weiber besorgten die Haushaltung und zogen viele Hühner; und die Kinder fragten sehr oft, ob es wohl nicht bald wieder Ostern sey. Die edle Frau aber war jetzt manchmal sehr traurig. Ihr alter, treuer Diener, der sie hieher begleitet hatte, und anfangs von Zeit zu Zeit bald größere, bald kleinere Reisen machte, und ihre Geschäfte besorgte, konnte das Thal schon lange nicht mehr verlassen. Denn er fing an zu kränkeln. Ja, als es Herbst ward und die Gesträuche an den Felsen umher bereits bunte Blätter hatten, konnte er kaum mehr vor die Thüre, um sich, was er sonst so gerne that, ein wenig zu sonnen. Die Frau vergoß aus Mitleid mit dem guten, alten Manne, und aus Besorgniß, ihre letzte Stütze zu verlieren, manche stille Thräne. Auch das fiel ihr sehr schwer, daß sie nun durch ihn von ihrem Vaterlande keine Nachricht mehr erhalten konnte, und in diesem abgelegenen Thale von der ganzen übrigen Welt wie abgeschieden war.

Um diese Zeit setzte aber noch ein anders Ereigniß die gute Frau in nicht geringe Aengste und Schrecken. Die Kohlenbrenner kamen eines Morgens aus dem Walde heim, und erzählten, als sie die vergangene Nacht wohlgemuth bey ihren brennenden Kohlhaufen gesessen wären, da seyen auf einmal vier fremde Männer zu ihnen gekommen, die eiserne Kappen auf dem Kopfe und eiserne Wammse angehabt, und große Schwerter an der Seite und lange Spieße in der Hand geführt hätten. Sie hätten sich Dienstleute des Grafen von Schroffeneck genannt, der mit vielen Reisigen in dem Gebirge angekommen sey. Sie hätten sich auch nach allem in der Gegend wohl erkundigt. Der Müller eilte mit dieser Neuigkeit sogleich zu der Frau, die eben an dem Bette des kranken Kuno saß. Sie wurde, als der Müller den Namen Schroffeneck nannte, todtenbleich, und rief: „O Gott, der ist mein schrecklichster Feind! Ich glaube nicht anders, als er stellt mir nach dem Leben. Die Kohlenbrenner werden den fremden Männern meinen Aufenthalt doch ja nicht entdeckt haben!“ Der Müller versicherte, so viel er wisse, sey von ihr gar nicht die Rede gewesen. Die Männer hätten sich an dem Feuer nur gewärmt und seyen gegen Tag wieder weiter gegangen. Daß sie aber noch in dem Gebirge umherstreifen, sey dennoch gewiß.

„Lieber Oswald!“ sagte die Frau zum Müller, „Ich habe, seit ihr mich in euer Haus aufnahmet, euch immer als einen gottesfürchtigen, rechtschaffenen, redlichen Mann kennen gelernt. Euch will ich daher meine ganze Geschichte anvertrauen, und auch die große Angst entdecken, die jetzt mein Herz erfüllt; denn auf euern guten Rath und auf euern treuen Beystand mache ich sichere Rechnung.“

„Ich bin Rosalinde, eine Tochter des Herzoges von Burgund. Zwey angesehene Grafen warben um meine Hand — Hanno von Schroffeneck und Arno von Lindenburg. Hanno war der reichste und mächtigste Herr weit umher, und hatte viele Schlösser und Kriegsleute; allein er war nicht gut und edel. Arno war wohl der tapferste und edelste Ritter im Lande; allein im Vergleich mit Hanno arm; denn er hatte von seinem edlen, uneigennützigen Vater nur ein einziges alterndes Schloß geerbt, und war auch gar nicht darauf bedacht, durch Gewalt mehrere an sich zu reißen. Ihm gab ich, mit Gutheißen meines Vaters, meine Hand, und brachte ihm eine schöne Strecke Landes mit mehreren festen Schlössern zum Brautschatze. Wir lebten so vergnügt, wie im Himmel.“

„Hanno von Schroffeneck faßte aber einen grimmigen Haß gegen mich und meinen Gemahl, und wurde uns todtfeind. Indeß verbarg er seinen Groll, und ließ ihn nicht in öffentliche Feindseligkeiten ausbrechen. Nun mußte mein Gemahl mit dem Kaiser in den Krieg gegen die wilden heidnischen Völker ziehen. Hanno hätte den Zug auch mitmachen sollen. Allein unter allerley Vorwänden wußte er seine Rüstungen zu verzögern, blieb zurück, und versprach blos, dem Heere sobald möglich zu folgen. Während nun mein Gemahl mit seinen Leuten an den fernen Grenzen für sein Vaterland kämpfte, und alle genug zu thun hatten, den übermächtigen Feind abzuhalten, brach der treulose Hanno in unser Land ein — und niemand war, der sich ihm widersetzen konnte. Er verwüstete alles weit umher, und erstürmte ein festes Schloß nach dem andern. Mir blieb nichts übrig, als mit meinen zwey lieben Kindern heimlich zu entfliehen. Mein guter alter Kuno war mein einziger Schutzengel auf dieser gefährlichen Flucht, auf der ich keinen Augenblick vor Hanno’s Nachstellungen sicher war. Er führte mich in dieses Gebirg, wo ich in diesem vor aller Welt verborgenen Thale einen so ruhigen Aufenthalt fand.“

„Hier wollte ich nun weilen, bis mein Gemahl aus dem Kriege zurück kommen, und unsre Habe dem unrechtmäßigen Besitzer wieder entreißen würde. Von Zeit zu Zeit zog Kuno aus dem Gebirge in die bewohntere Welt, Kunde von dem Kriege einzuholen. Allein immer kehrte er mit traurigen Nachrichten zurück. Immer noch waltete der böse Hanno in unserm Lande, immer noch dauerte der Krieg an den Grenzen mit abwechselndem Glücke fort. Nun aber ist schon bald ein Jahr, daß mein guter Kuno krank ist, und seit der Zeit weiß ich nichts mehr von meinem theuren Vaterlande, und von meinem lieben Gemahl. Ach, vielleicht fiel er schon lange unter dem Schwerte der Feinde! Vielleicht kam Hanno, der mir mit seinen Leuten so nahe ist, meinem geheimen Aufenthalte auf die Spur — und was wird dann aus mir werden? Der Tod wäre noch das Beste, was mir begegnen könnte! —“

„O redet doch mit den Köhlern, lieber Oswald, daß sie mich doch nicht verrathen!“ „Was verrathen!“ sagte der Müller. „Ich stehe euch gut für alle; jeder gäbe sein Leben für mich. Ehe der von Schroffeneck euch etwas zu leid thun sollte, müßte er es mit uns allen aufnehmen. Seyd daher außer Sorgen, edle Frau!“ Eben so sprachen die Kohlenbrenner, als ihnen der Müller die Sache vortrug. „Er soll nur kommen,“ sagten sie, „dem wollen wir mit unsern Schürhacken den Weg weisen.“

Die gute Frau brachte indeß ihr Leben unter beständigen Sorgen und Aengsten zu. Sie getraute sich kaum mehr aus der Hütte, und ließ auch keines ihrer Kinder vor die Thüre. Ihr Leben war sehr betrübt und kummervoll. Da es aber in dem Gebirge wieder ruhig wurde, und man von den geharnischten Männern nichts mehr sah und hörte, wagte sie es einmal, einen kleinen Spaziergang zu machen. Es war nach langem Regen gar ein schöner, lieblicher Tag spät im Herbste. Einige hundert Schritte von ihrer Hütte war eine Art ländlicher Kapelle. Sie war nur aus rohen Tannenstämmen erbaut, und an der Vorderseite ganz offen. In der Kapelle sah man die Flucht nach Aegypten, ein sehr liebliches Gemählde, das Kuno einmal von einer seiner Wanderungen mitgebracht hatte, die gute Frau über ihre eigene Flucht zu trösten. Hinter der Kapelle erhob sich eine hohe Felsenwand, und vor der Kapelle standen einige schöne Tannen, und beschatteten den Eingang derselben. Das Plätzchen hatte noch etwas Stilles und Trauliches, daß man mit Wehmuth und Freude hier verweilte. Ein angenehmer Weg über grünen Rasen, zwischen mahlerischen Felsen und Gesträuchen führte dahin. Dies war ihr liebster Spaziergang. Sie ging — nicht ganz ohne Bangigkeit — auch dieses Mal dahin. Sie kniete mit ihren Kindern einige Zeit auf dem Betstuhle am Eingange der Kapelle. Die Aehnlichkeit ihres Schicksals mit dem der göttlichen Mutter, die auch mit ihrem Kinde in ein fremdes Land flüchten mußte, rührte sie, und manche Zähre floß von ihren Wangen. Sie betete eine Zeit, und setzte sich dann auf die Bank. Ihre Kinder pflückten indeß an den Felsen umher Brombeeren, freuten sich, daß jede Beere gleichsam ein kleines, glänzendschwarzes Träubchen bilde, und entfernten sich nach und nach ziemlich weit.

Als nun die Frau so einsam da saß — sieh, da kam ein Pilgersmann zwischen den Felsen hervor und näherte sich der Kapelle. Er hatte nach Art der Pilger ein langes, schwarzes Gewand an und einen kurzen Mantel darüber. Sein Hut war mit schönfarbigen Meermuscheln geziert, und in der Hand führte er einen langen, weißen Stab. Er war, wie es schien, schon sehr alt, aber doch ein stattlicher, sehr wohlaussehender Mann. Seine langen Haare, die auf beiden Seiten der Scheitel schlicht herab hingen, und sein langer Bart waren weiß wie Schleeblüthe, aber seine Wangen noch röther, als die schönsten Rosen. Die Frau erschrack, als sie den fremden Mann sah. Er grüßte sie ehrerbietig und fing ein Gespräch mit ihr an. Sie aber war in ihren Reden sehr vorsichtig und zurückhaltend. Sie blickte ihn nur sehr schüchtern an, als wollte sie ihn erst ausforschen, ob sie ihm — als einem ganz Fremden — wohl auch trauen dürfe.

„Edle Frau,“ sagte endlich der Pilger, „habt keine Furcht vor mir. Ihr seyd mir nicht so fremd, als ihr denket. Ihr seyd Rosalinde von Burgund. Ich weiß auch gar wohl, was für ein hartes Schicksal euch zwang, zwischen diesen rauhen Felsen eine Zufluchtsstätte zu suchen. Auch euer Gemahl, von dem ihr nun schon drei Jahre getrennt seyd, ist mir recht wohl bekannt. Seit ihr hier in dieser abgelegenen Gegend wohnet, hat sich in der Welt vieles geändert. Wenn euch je noch daran liegt, von dem guten Arno von Lindenburg zu hören, und das Andenken an ihn in eurem Herzen noch nicht erloschen ist, so kann ich euch die fröhlichsten Nachrichten von ihm mittheilen. Es ist Friede! Mit Siegeskränzen geschmückt kehrte das christliche Heer zurück. Euer Gemahl hat seine geraubten Festen wieder erobert. Der Bösewicht Hanno rettete sich mit genauer Noth in dieses Gebirg, und auch aus diesem hat er sich schon weiter flüchten müssen. Der innigste Wunsch eures Gemahls ist nun, euch, seine geliebte Gemahlinn, wieder aufzufinden.“