„O Gott!“ rief jetzt die Frau, „welch eine Freudenbothschaft! O wie dank ich Dir, lieber Gott!“ Sie sank auf die Knie, und reichliche Thränen flossen über ihre Wangen. „Ja,“ sprach sie, „Du, guter Gott, hast meine heißen Thränen gesehen, meine stillen Seufzer vernommen, mein unaufhörliches Flehen erhört! — O Arno, Arno, daß mir doch bald der selige Augenblick würde, dich wieder zu sehen, und dir deine Kinder, die bey deiner Abreise noch ganz unmündig waren, vorzuführen, damit du nun aus ihrem Munde das erste Mal den holden Vaternamen vernehmest!“

„Ja wohl zweifeln, du frommer Mann,“ sagte sie zum Pilger, „ob ich meines Gemahls noch gedenke — ob nicht sein Andenken in meinem Herzen erloschen? — O meine Kinder,“ rief sie jetzt ihren zwey Kleinen zu, die schüchtern in einiger Entfernung standen, und den fremden Mann neugierig betrachteten — „o kommt hieher!“ Beyde Kinder kamen eilig.

„Du, Edmund,“ sprach sie jetzt zum Knaben, indem sie das Kind küßte und ermunterte, nicht scheu, sondern hübsch dreist zu seyn, „sage dem Manne hier das kleine Gebet, das wir alle Morgen für den Vater beten.“ Der Kleine faltete, als ob es allzeit so seyn müßte, auch wenn man es nur auswendig hersagte, andächtig die Hände, und sprach mit sichtbarer Rührung, die Augen zum Himmel gerichtet, laut und mit Ausdruck: „Lieber Vater im Himmel! Sieh auf uns zwey arme Waislein herab! Unser Vater ist im Kriege. O laß ihn nicht umkommen! O wir wollen auch recht fromm und gut seyn, damit der liebe Vater Freude habe, wenn er uns einmal wiedersieht! Ach ja, erfülle unsre Bitte!“

„Und du, Blanda,“ sagte sie zum gelblockigten Mädchen mit den Rosenwangen, „sag, wie beten wir Abends für den Vater, ehe wir uns schlafen legen?“ Das Kind faltete eben so wie der Knabe die kleinen Händchen, schlug die blauen Augen zum Himmel auf, und betete schüchtern mit sanfter, leiser Stimme: „Lieber Vater im Himmel! Ehe wir zur Ruhe gehen, flehen wir noch zu Dir für unsern Vater auf Erde. Laß ihn sanft ruhen und dein Engel beschütze ihn vor feindlichem Ueberfall. Schenke auch der lieben Mutter sanften Schlaf, damit sie ihres tiefen Kummers ein wenig vergesse. Oder wenn Du ihr auch den süßen Schlaf entziehen willst — so laß ihn auf die Augenlieder des Vaters sanft herabsinken. O möchte dieser Abend der letzte unsrer traurigen Trennung seyn — möchte bald der frohe Morgen jenes Tages anbrechen, an dem wir ihn wiedersehen!“

„Amen, Amen!“ sagte die Mutter, indem sie die Hände faltete, und weinend zum Himmel aufblickte. — —

Jetzt fing der Pilger mit einem Male an laut zu weinen. In einem Augenblicke hatte er die Verkleidung — Haare und Bart, Pilgermantel und Pilgerrock hinweg geworfen — und stand nun in prächtiger, ritterlicher Tracht, in Gold und Purpur, in jugendlicher Schönheit, voll Kraft und Leben da, und breitete seine Arme weit gegen Frau und Kinder aus, und rief mit lauter, tiefgerührter Stimme: „O Rosalinde, meine Gemahlinn — o Edmund und Blanda, meine liebsten Kinder!“

Die Frau war vom plötzlichen Freudenschrecken ganz betäubt. Die Kinder, die bey dem lauten Weinen des Pilgers eben zu ihrer Mutter aufgeblickt hatten, als wollten sie um Hülfe für den Mann flehen, schauten, als sie jetzt ihren Namen hörten, um — und erschracken über das Wunder, das sie zu sehen glaubten; denn sie meinten, da die Mutter ihnen öfters aus der Legende erzählt hatte, nicht anders, als der Greis habe sich mit einem Male in einen schönen Jüngling des Himmels — in einen Engel verwandelt; so schön kam ihnen ihr Vater vor. Denn wirklich war er auch der schönste Mann unter dem ganzen christlichen Heere. O wie entzückt waren sie, als die Mutter ihnen nun sagte, der schöne Herr sey ihr lieber Vater, von dem sie ihnen so oft erzählt habe. Vater und Mutter und Kinder fühlten sich so glücklich, als wären sie schon im Himmel, und ein Paar Stunden verschwanden ihnen wie ein Paar Augenblicke.

Rosalinde hatte aus den Reden ihres Gemahls vernommen, daß er unter starker Bedeckung spornstreichs hieher geritten sey, um sie hier abzuholen; daß er aber wegen der steilen, gefährlichen Felsenwege sein Gefolge von Reitern zurückgelassen habe, und in Pilgertracht, deren sich die Vornehmen damals oft bedienten, wenn sie unbekannt reisen wollten, zu Fuße vorausgeeilt sey, schneller bey ihr zu seyn, sich unter dieser fremden Gestalt von ihrem Wohlbefinden und von dem Wohlverhalten seiner Kinder zu überzeugen, und sie auf seinen Empfang vorzubereiten. Rosalinde fragte, wie es gekommen sey, daß er ihren Aufenthalt so sicher erfahren habe.

„O Rosalinde,“ sagte er, „unser Wiedersehen ist die Frucht deiner Wohlthätigkeit gegen die armen Leute, besonders gegen die Kinder in diesem Thale. Darum hat Gott deinen Kindern den Vater wieder geschenkt. Ohne diese deine wohlthätigen Gesinnungen hätten wir uns nicht so bald, ach vielleicht gar nicht mehr gesehen! Denn überall warest du von unsren Feinden umgeben, und leicht hättest du in ihre Hände fallen können. Erst nachdem ich mit meinen Leuten im Gebirge angekommen war, entfloh Hanno mit den Seinigen über alle Berge. Sieh da,“ sprach er, und zeigte ihr das gefärbte Ey mit dem Spruche: Vertrau auf Gott, Er hilft in Noth! „Dieses Ey ward in der Hand Gottes das Mittel, uns wieder zu vereinigen. Ich hatte lange Zeit her Leute ohne Zahl ausgesendet, dich zu suchen — aber immer vergebens. Da kam einmal Eckbert, einer meiner Edelknechte, den ich schon für verloren hielt, weil er mir gar lange ausblieb, von einem Ritte zurück. Er war in einen Abgrund gestürzt, und wäre da bald verhungert. Ein fremder Jüngling rettete ihn mit einem Paar Eyer vom Hungertode, und ließ ihm noch obendrein dieses Ey mit dem schönen Spruche zum Andenken an seine Rettung. Eckbert zeigte mir das Ey. Aber, lieber Himmel, wie erstaunte ich! Auf den ersten Blick erkannte ich deine Hand. Augenblicklich saßen wir auf, und ritten dem großen Marmorbruche zu, in dem der gute Jüngling arbeitete. Dieser zeigte mir den Weg hieher. Hättest du den schönen freundlichen Gedanken nicht gehabt, den Kindern mit den bunten Eyern ein Fest zu machen; hättest du bey den leiblichen Wohlthaten nicht auf den Geist so schön Bedacht genommen, und die schönen Denkreime nicht auf die Eyer geschrieben, wäret ihr alle — du mein lieber kleiner Edmund da, und du meine kleine holde Blanda hier, gegen einen fremden Jüngling nicht so wohlthätig gewesen: o so wäre uns der heutige Freudentag nicht geworden. Auf jeder milden Gabe — sie sey auch noch so klein — ruht doch immer der Segen des Höchsten, wenn sie aus reinem Herzen und ohne Hoffnung einer Vergeltung gegeben wird. Sie ist ein Samenkorn, das reichliche Früchte trägt. Unter Gottes Leitung bringt sie uns oft auf Erden schon großes Heil. Merkt euch das euer Leben lang, ihr lieben Kinder! Gebt den Armen gerne, sucht andern einen frohen Tag zu machen, gleicht eurer Mutter! Helft andern aus der Noth, und euch wird auch geholfen werden! Erbarmet euch, und ihr werdet auch Erbarmen finden. Freudig werdet ihr dann auf Gott vertrauen können, und die felsenfeste Wahrheit auf der zerbrechlichen Eyerschale da, die heute so schön in Erfüllung ging, wird auch fernerhin an euch herrlich in Erfüllung gehen. Er wird euch nie ohne Hülfe lassen. — Dieß seht ihr aus dieser Geschichte. In Gold und Perlen werde ich deßhalb dieses Ey fassen, und zum steten Andenken in unsrer Burgkapelle am Altare aufhängen.“

Indeß war es Abend geworden, und schon glänzte hie und da ein Sternlein am klaren Himmel. Graf Arno ging mit seiner Gemahlinn am Arme ihrer ländlichen Wohnung zu, und die zwey Kleinen gingen voraus. Hier erwartete sie neue Freude. Der Edelknecht und Fridolin, sein Erretter, waren hier und hatten sich indeß mit Kuno unterhalten, den die Ankunft seines geliebten Herrn schon fast gesund gemacht hatte. Der gute Jüngling Fridolin, dem die Gräfin die Eyer geschenkt hatte, kam zuerst herbey, und grüßte sie und die Kinder als alte Bekannte auf das freundlichste und freudigste. Dann trat Eckbert, der Edelknecht, den die Eyer vom Hungertode gerettet hatten, ehrerbietig herbey und sagte: „Laßt mich, theure Gräfin, die wohlthätige Hand küssen, die mir unter Gottes Leitung das Leben rettete.“ Den braven Kuno umarmte der Graf als seinen treusten Diener, und auch dem wackern Müller, der festlich geputzt in seinem hellblauen Sonntagsrocke dastand, schüttelte er mit dankbarer Rührung treuherzig die Hand. Sie speisten den Abend alle zusammen und waren von Herzen fröhlich und vergnügt.