Den andern Morgen kam die Frau in aller Frühe mit ihren Kleinen aus der niedern Wohnung hervor, sich ein wenig in der Gegend umzusehen. Denn am Tage zuvor waren sie dazu allzumüde. Mit Entzücken betrachtete sie die schöne Aussicht ins Thal. Die Hütten der Köhler lagen tief unten im grünen Thale wie hingesäet, nur immer zwey oder drey beisammen. Das Mühlbächlein schlängelte sich hell wie Silber mitten durchhin. Die bunten Felsen voll grüner Gesträuche, an denen die Ziegen nagten, hätte man, so wie sie jetzt von der Morgensonne beleuchtet waren, nicht schöner mahlen können.
Der alte Müller kam, sobald er die Frau mit ihren Kindern erblickte, sogleich aus der Mühle heraus, und über den schmalen Steg, der über das Bächlein führte, herüber. „Aber nicht wahr, rief er, ein schöneres Plätzchen als dieses, giebt es doch im ganzen Thale nicht! Hier scheint die Morgensonne immer am ersten hin. Wenn die Hütten unten, wie eben jetzt, noch im schwarzen Schatten liegen, so ist da droben schon alles von der Sonne wie vergoldet. Ja oft, wenn in dem tiefen, feuchten Thal kaum die Kamine der Hütten aus dem grauen Nebel hervorragen, hat man hier den klaren blauen Himmel.“
Den Kindern der Frau gefiel aber das Mühlrad, das sich beständig so geschäftig umdrehte, am besten. Den Knaben ergötzte besonders das Klappern der Mühle, und das Rauschen des Wassers, das wie siedende Milch zu kochen schien. Das Mädchen hingegen hatte ihre vorzügliche Freude an den funkelnden Edelsteinen von allen Farben, die, wie sie sagte, im Sonnenglanze von dem immer tröpfelnden Rade fielen.
Die Frau brachte den Tag zu, sich einzurichten, so gut es in diesem armen Thale seyn konnte. Die Leute wetteiferten, sie mit Lebensmitteln, mit Brennholz, irdenem Küchengeschirre, und andern Kleinigkeiten zu versehen. Das Mädchen, das ihr zuerst den Weg in das Thal gezeigt hatte und Martha hieß, kam zu ihr in den Dienst.
„Vor allem brauche ich Eyer!“ sagte die Frau, als sie sich zum Kochen anschickte. „Sieh doch, daß du mir für Bezahlung einige auftreibest.“ „Eyer?“ fragte Martha ganz verwundert. „Je wozu denn?“ „Närrisches Mädchen,“ sagte die Frau, „wozu? — zum Kochen. Gehe nur, und mache, daß du bald wieder kommest.“ „Zum Kochen?“ sagte das Mädchen; „aber die Vögelein haben ja nun keine Eylein mehr, und dann wäre es doch auch Schade. Vier Personen hätten ja wohl einige hundert Eylein von Finken oder Hänflingen nöthig, sich satt zu essen.“ „Was plauderst du da,“ sagte die Frau; „wer redet denn von den Eyerchen der Vögelein. Ich meyne Hühnereyer.“ Das Mädchen schüttelte den Kopf und sagte: „Was das für Vögel sind, weiß ich gar nicht. In meinem Leben habe ich noch keine gesehen.“ „O weh, sagte die Frau, so giebts bey euch noch nicht einmal Hühner!“
Denn da die Hühner erst aus dem Morgenlande zu uns gebracht wurden, so war damals in manchen Gegenden ein Huhn wirklich etwas so seltenes, als jetzt ein Pfau. Die Frau wußte sich, da hier auch nichts von Fleischspeisen zu haben war, in ihrer kleinen Küche fast nicht zu helfen. „Ich hätte nie daran gedacht,“ sprach sie, „was es um ein Ey für eine Wohlthat Gottes ist, bis jetzt, da ich keines haben kann. So gings mir aber auf meiner Wanderung schon mit hundert Dingen. Mangel und Noth haben doch auch ihr Gutes, indem sie uns auf manche Gabe Gottes, die wir bisher nicht achteten, aufmerksam machen, und uns Dankbarkeit lehren.“
Die gute Frau mußte sehr kümmerlich leben. Die Leute trugen ihr indeß fleißig zu, was sie nur immer glaubten, daß ihr angenehm seyn könnte. Wenn der Müller eine schöne Forelle oder ein Köhler ein Paar Krametsvögel fing, so brachten sie ihr dieselben sogleich. Die größten Dienste that ihr aber der alte Diener, der mit ihr gekommen war. Sie hatte noch einige goldene Kleinodien und kostbare Edelsteine. Von diesem gab sie ihm von Zeit zu Zeit, und er verreiste damit, und blieb oft mehrere Wochen aus. So oft er zurück kam, brachte er immer allerley mit, das er für die kleine Haushaltung eingekauft hatte. Die Leute bemerkten indeß, daß die Frau nach seiner Zurückkunft oft sehr traurig war, und rothgeweinte Augen hatte. Sie wären gar gerne dahinter gekommen, wer sie denn eigentlich sey, und woher sie komme. Allein sie selbst zu fragen, hatten sie den Muth nicht. Der alte Mann aber sagte ihnen, wenn sie ihn fragten, so seltsame Namen, daß sie dieselben kaum nachsprechen konnten, und sie in einer Viertelstunde schon wieder vergessen hatten, bis sie endlich merkten, daß der muntere Greis sie nur zum Besten habe. Da machten sie sich an die Kleinen. „Sag’ uns doch, sagten sie zum Knaben, wie heißt denn deine Mutter eigentlich? Wir wollen es nicht weiter sagen. Sag es uns nur ins Ohr.“ Da sagte ihnen denn das Kind sehr geheimnisvoll, aber auch sehr offenherzig und zutraulich: „Sie heißt eigentlich Mamma.“ Aehnliche Antworten gab auch das Mädchen. Die Leute mußten es also der Zeit überlassen, dieses Geheimniß zu enthüllen.
Zweytes Kapitel.
„Gottlob, nun sind doch einmal die Hühner da!“
Einmal kam der alte Diener, der Kuno hieß, wieder von einer Reise heim, und trug einen Hühnerstall auf dem Rücken. In dem waren ein Hahn und einige Hennen. Als die Kinder im Thale den alten Mann kommen sahen, liefen sie alle zusammen; denn er brachte ihnen immer etwas mit — weißes Brot, getrocknete Pflaumen, ein Pfeifchen, ein Glöcklein für ihre Ziegen oder sonst eine Kleinigkeit.
Dießmal waren die Kinder sehr neugierig, was denn in dem vergitterten Kästchen sey, das fast ganz mit Tuch bedeckt war, so daß man nicht recht hinein sehen konnte. Sie begleiteten ihn bis vor die Thüre der Frau, die mit ihren zwey Kleinen sogleich freudig herauskam und ihn grüßte. „Gottlob, rief das kleine Fräulein und klatschte in die Hände, nun sind doch einmal die Hühner da!“