Der Mann stellte den Kasten nieder, öffnete das Thürchen, und da kam denn zuerst ein prächtiger Hahn heraus. Die Kinder erstaunten. „Was für ein sonderbarer Vogel das ist! riefen sie; denn wie man ihn heiße, wußten sie noch nicht. In unserm Leben haben wir noch keinen so schönen Vogel gesehen! Was er für eine schöne Krone auf dem Kopfe hat, noch schöner roth, als Kornblumen; und wie wunderschön bräunlich und gelblich seine Federn schimmern, noch schöner als reifes Getreide in der Abendsonne; und wie wunderlich er den Schweif trägt, fast wie eine Sichel gekrümmt!“ Auch die Hennen gefielen ihnen sehr wohl. Es waren ein Paar Schwarze mit hochrothem Kamme, ein Paar Weiße mit Schöpfen, und ein Paar Röthlichbraune ohne Schweif. Die Frau streute den Hühnern einige Hände voll Haberkörner hin. Die Hühner pickten sie geschäftig hinweg, und die Kinder standen und knieten im Kreise umher, und sahen mit vergnügten Gesichtern zu.

Als der Haber aufgefressen war, da schwang mit einem Male der Hahn die Flügel und krähte — und alle Kinder lachten laut zusammen, so freuten sie sich darüber. Und im Heimwege schrien die Knaben alle: „Kikeriki“ und die Mädchen machten es ihnen wohl auch nach, aber doch nicht gar so laut. Als die Kinder heimkamen, erzählten sie von den Wundervögeln, die viel größer seyen, als die Ringeltauben, ja wohl größer, als die Raben, und wie sie so schöne Farben hätten, noch viel schöner als alle Vögel im Walde. „Und, sagte die kleine Marie, Marthas Schwesterlein, wie sie so ein rothes Käpplein auf dem Kopfe tragen, wie es bisher noch bey keinen Vögeln des Waldes gebräuchlich gewesen.“ Auch die Aeltern wurden neugierig und kamen, die fremden Vögel zu sehen, und waren nicht weniger darüber verwundert.

Nach einiger Zeit ließ sich eine der Hennen zum Brüten an. Martha mußte die Henne täglich füttern. Die Frau zeigte einmal den Kindern aus dem Thale das Nest, und die Kinder wunderten sich alle laut über die Menge von Eyern. „Funfzehn Eyer!“ riefen sie; „die Holztauben legen nur zwey, andere Vögelein nur fünf Eyer. O wie wird die Henne so viele Junge auffüttern!“

Da die Jungen anfingen auszukriechen, wollte die Frau den Kindern eine Freude machen, und ließ sie rufen. Es kamen aber, da es eben Feyertag war, auch viele große Leute mit. Sie zeigte ihnen ein aufgepicktes Ey. O wie freuten sich die Kinder, als das junge Hühnlein so geschäftig pickte, herauszukommen. Die Frau half ihm vollends heraus. Nun war die Verwunderung noch größer, daß das kleine Vögelein schon über und über so schöne gelbe Flaumfederlein habe, so munter aus den schwarzen Aeuglein blicke, und sogleich davon laufen könne, da doch andere junge Vögelein nackt, blind und ganz hülflos zur Welt kämen. „Das ist doch etwas unerhörtes,“ sagten die Kinder, „solche Vögel giebt es in der ganzen Welt nicht mehr.“

Als die schöne, glänzend schwarze Glucke mit dem purpurrothen Kamme, in Mitte ihrer fünfzehn gelbhaarigen Jungen, das erste Mal auf den grünen Rasen herausschritt, da war die Freude der Kinder und Aeltern gar über alle Weise. „Schöneres kann man doch nichts sehen!“ sagte ein Köhler. „Und horcht nur,“ sprach die Köhlerinn, „wie die Alte den Jungen lockt, und wie die kleinen Dingerchen den Ruf verstehen, und sogleich folgen. Es wäre zu wünschen, daß ihr Kinder auch immer so auf den Ruf ginget.“

Ein Knabe wollte ein junges Hühnlein fangen, um es näher zu betrachten. Das kleine Dingelchen schrie aber kläglich, und auf das Geschrey schoß die Alte plötzlich und mit weitgeöffneten Flügeln herbey, und flog dem Knaben, der heftig erschrack und jammernd um Hülfe schrie, auf den Kopf. Sie hätte ihm wohl die Augen ausgekratzt, wenn er das Junge nicht augenblicklich wieder hätte laufen lassen. Der Vater schmähte den Knaben, und die Mutter sagte: „Wie das treue Thier sich seiner Jungen so eifrig annimmt! Menschen könnten sogar von ihm lernen.“

Wenn die Henne nun einen guten Bissen fand, so erhob sie sogleich ein Geschrey, und die Jungen eilten alle zusammen. Die Alte zerhackte ihn erst mit ihrem Schnabel und legte ihnen gleichsam vor. Jedermann wunderte sich, daß so junge Thierchen, die kaum über einen Tag alt wären, nicht nur sogleich laufen, sondern auch schon fressen könnten.

Da jetzt die Sonne sich etwas unter die Wolken verbarg — so sammelten sich alle Jungen unter die Alte, und versteckten sich da, um sich zu wärmen. „Das ist noch das allerschönste,“ sagten die Leute. „Es ist gar so artig und munter, wie hie und da ein Köpfchen unter den Flügeln der Henne hervorsieht, oder sich ein Junges hervorwagt, und sogleich wieder an einer andern Stelle unter sie hineinkriecht.“

Der Müller, der in seiner weißbestäubten Kleidung in Mitte der schwarzen Köhler sich gar sonderbar ausnahm, aber auch an Einsicht sich eben so vor ihnen auszeichnete, sprach: „Was das doch ein Wunderding mit diesen fremden Vögeln ist! Wir erblicken zwar Gott überall in der Natur; aber wenn wir etwas ungewöhnliches sehen, fällt uns seine Allmacht, Weisheit und Güte doch noch mehr in die Augen. Bedenkt nur, wie gut es ist, daß diese kleinen Vögelein sogleich laufen und fressen können; wenn die Alte so vielen Jungen das Futter im Schnabel zutragen müßte, wie eine Schwalbe, da würde sie nicht fertig! Wie gut ists, daß es schon die Natur der Jungen so ist, der Alten nachzulaufen und ihrer Stimme zu folgen. Liefen sie, weil sie doch auf der Stelle laufen können, sogleich auseinander; die Alte könnte sie nicht mehr zusammen bringen, und die Jungen gingen verloren. Besonders wundert mich aber, wo die Henne den Muth hernimmt, ihre Jungen so tapfer zu vertheidigen! Habe ich mich doch oft schon über die Hühner geärgert, und sie dumme Thiere gescholten, weil sie allemal, so oft ich an ihnen vorbey ging, vor Furcht scheu auseinander flogen, obwohl sie längst merken konnten, daß ich ihnen nichts zu leid thue. Und nun ist die Natur des Thieres ganz verändert, und sie setzt sich gegen einen Mann zur Wehre. Oft hat es mich ergötzt, wie die Hennen um einen Bissen zanken, oder wie diejenige, die ein größeres Bröcklein fand, so neidig ist, und sogleich davon läuft, und wie die andern ihr nachlaufen, und es ihr nehmen wollen. Jetzt aber hat sie ihre Gefrässigkeit ganz abgelegt, und ruft den Jungen selbst und rührt nichts an, bis alle satt sind. Ich glaube das gute Thier stürbe lieber selbst Hungers, als daß sie eines ihrer Jungen verhungern ließe. Diese zärtliche Sorgfalt, mit der die Henne ihre zarten Jungen umherführt, Futter für sie aufsucht, sie ernährt, sie beschützt, sie unter ihren Flügeln wärmt — hat Gott dem Thiere eingepflanzt. So zärtlich ist Gott für diese jungen Hühnlein besorgt! Und wie sollten nun wir verzagen? Sollte Er nicht noch mehr für uns besorgt seyn? Freylich sorgt Er noch mehr für uns. Darum nur guten Muth, lieben Leute! Gott macht alles wohl. Er sorgt für alle seine Geschöpfe — am meisten aber für den Menschen, der in seinen Augen mehr ist, als alle Hühner und alle andern Vögel in der ganzen Welt.“

Drittes Kapitel.
„Jetzt giebt es Eyer im Ueberfluß.“