Weil die guten Leute im Thale gegen die fremde Frau immer gar so gefällig gewesen, so war sie schon lange darauf bedacht, ihnen auch wieder eine Freude zu machen, und ihre ärmliche Haushaltung zu erleichtern. Die gute Frau hatte daher Eyer und Hühner sehr geschont, und da sie nun einen schönen Vorrath von Eyern und auch mehrere Hühner beysammen hatte, schickte sie Martha ins Thal, alle Hausmütter auf den morgigen Tag, der ein Sonntag war, einzuladen. Sie kamen mit Freuden, und in ihrem schönsten Aufputze. In dem kleinen Gärtchen hatte der alte Diener einen ländlichen Tisch mit einigen Bänken bereitet. Hier mußten sie Platz nehmen.

Martha brachte hierauf einen großen Korb voll Eyer. Die waren alle so reinlich, daß man kein Flecklein daran sah, und weiß wie Schnee. Die Kohlenbrennerinnen erstaunten und wunderten sich nicht wenig über die Menge von Eyern. „Gottlob! sagte die Frau, jetzt giebt es Eyer im Ueberfluß, und es ist allerdings ein schöner Anblick, so viele reinliche Eyer beysammen zu sehen. Nun will ich euch aber auch zeigen, wie man sie in der Haushaltung nützen kann.“

In einer Ecke des Baumgärtchens, unten an einem Felsen, war Feuer aufgemacht. Eine große Pfanne voll Wasser hing über dem Feuer. Die Frau schlug zuerst ein Ey auf, um zu zeigen, wie es innen aussehe, bevor es in das heiße Wasser komme. Alle betrachteten mit Aufmerksamkeit die schöne kristallhelle Feuchtigkeit, in der gleich einer gelben Kugel der Dotter schwamm. Nun wurden so viele Eyer, als es Gäste waren, weich gesotten. Auf dem Tische war Salz und weißes länglich geschnittenes Brot in Bereitschaft. Die Frau lehrte sie die Eyer öffnen, und nun wunderten sich alle, wie das durchsichtige des Eys so schön weiß wie Milch aussah, und eben so, wie das Gelbe, fester geworden. Alle lobten, indem sie nach Anweisung der Frau die Eyer mit dem Brote austunkten, die treffliche Speise. „Da hat man,“ sagten sie, „Geschirr und Speise sogleich beysammen. Und wie schön und reinlich, wie lieblich weiß und gelb alles aussieht! Wie schnell, ohne Kunst, ohne allen Aufwand ein Ey gekocht ist. Auch für Kranke könnte man nicht leicht eine wohlfeilere und nahrhaftere Speise finden.“

Die Frau schlug hierauf Eyer in heißes Schmalz. Dieses war für die Köhlerinnen wieder eine neue Erscheinung. „Wie das Gelbe so schön vom Weißen umgeben ist,“ sagten sie, „wie bey den großen weiß- und gelben Wiesenblumen, die man Ochsenaugen nennt.“ Die Eyer wurden nach und nach auf grünen Spinat gelegt, der in einer großen flachen Schüssel bereit stand — und auch diese Speise wurde von allen gelobt. So machte die Frau noch andere Eyerspeisen, und unterrichtete die Köhlerinnen, wie die Eyer nicht nur an und für sich eine gesunde Speise seyen, sondern mit noch größerm Vortheil zur bessern Bereitung anderer Speisen benützt werden können.

Zuletzt wurde schöner grüner Ackersalat aufgetragen. Kuno brachte einen Teller voll Eyer, die schon früher hart gesotten wurden, damit sie indeß wieder kalt würden. Der fröhliche Alte ließ aus Scherz die Eyer fallen, daß sie auf dem steinigen Boden herumrollten. Die Köhlerinnen am Tische erschracken, daß sie laut aufschrien. Sie meynten, die Eyer würden ausfließen. Aber wie wunderten sie sich alle, als die Frau die Schalen rein ablöste, und jedes Ey so durchaus hart erschien, daß es sich schneiden ließ. Die Sache schien ihnen ein Wunder. Indeß sagte ihnen die Frau, wie man die Eyer hart siede und legte die zierlich geschnittenen Eyer auf den Salat, und auch diese Speise schmeckte den Gästen sehr gut.

Nachdem die Mahlzeit geendet war, vertheilte die Frau einige Hähne und mehrere Hennen unter die Hausmütter. Sie sagte ihnen, daß eine Henne des Jahres hundert, bis hundert fünfzig Eyer lege — worüber alle erstaunten. „Ueber hundert Eyer!“ riefen sie. „Welch ein Vortheil in der Haushaltung!“ Die guten Hausmütter brachten mit den Hühnern eine große Freude ins Thal. In allen Hütten war Jubel. Alle Leute im Thale segneten die Frau, und dankten Gott für so schöne wohlthätige Geschenke.

Die Hühner waren lange Zeit das tägliche Gespräch. Immer bemerkten die Leute noch etwas neues daran, das sonderbar und zugleich nützlich war. Die Eigenschaft, daß der Hahn morgens krähe, war den Hausvätern besonders lieb. „Er verkündet so,“ sagten sie, „den nahen Tag und fordert die Menschen auf, an ihr Tagwerk zu gehen. Es ist ein ganz neues Leben im Thal, wenn am Morgen die Hähne so zusammen krähen, und man geht ordentlich munterer an die Arbeit!“ „Freylich wohl!“ sagte der Müller. „Wenn der Hahn aber gegen Mitternacht das erste Mal kräht, so ruft er den lustigen Gesellschaften mit lauter Stimme zu, jetzt sey es die höchste Zeit, sich zur Ruhe zu begeben.“

Den Hausmüttern gefiel es noch besonders, daß die Henne es gatzend ankündete, wenn sie ein Ey gelegt hatte. Allemal war Freude im Hause, wenn sie sich hören ließ. „So weiß man es doch gleich,“ sagten sie, „und kann das nützliche Geschenk sogleich in Empfang nehmen.“

Hausväter und Hausmütter sagten oft unter einander: „Diese Vögel sind wahrhaftig von Gott recht eigentlich zu Hausthieren geschaffen. Sie halten sich so treulich an das Haus, entfernen sich nie weit davon, kommen, sobald man ihnen lockt, sogleich alle zurück, ja, sie gehen am Abende von selbst heim, und warten an Hausthür oder Fenster, bis man sie hereinlasse. Nicht nur bringen sie in der Haushaltung einen großen Nutzen; ihr Unterhalt kostet auch sehr wenig. Sie nehmen mit Kleye, mit dem Abfalle vom Gemüse, und mit andern schlechten Dingen vorlieb, die man im Hause sonst nicht weiter nützen könnte. Ja sie gehen vom Morgen bis Abend außer dem Hause überall umher und scharren und suchen ihr Futter selbst auf. Viele tausend Körnlein, die besonders zur Erntezeit und bey dem Dreschen verloren gingen, kommen so noch den Menschen zu gut. Die Hennen lesen sie fleißig auf und geben uns Eyer dafür. Die ärmste Wittwe, die sonst kein Hausthier halten konnte, vermag doch noch eine Henne, und das tägliche Ey ist ein tägliches Almosen für sie.“

Auch die zwey Kinder der Frau sahen nun ein, woran sie im Ueberflusse nie gedacht hatten, was die Eyer für gütige Geschenke Gottes seyen. O wie froh waren sie, als sie hie und da morgens ein Ey in Milch essen konnten! Wie gut fanden sie nun manche Speise, die ihnen vorhin nicht recht genießbar schien, weil das Ey daran fehlte. Wie sehr dankten sie Gott dafür!