Viertes Kapitel.
Das Fest der bemahlten Eyer, ein Kinderfest.
Indeß gingen Sommer und Herbst vorüber, und der Winter kam. Er war, zumal in dieser rauhen Gegend, sehr hart. Die kleinen Hütten im Thale lagen Monate lang, wie im Schnee vergraben. Nur die rauchenden Kamine und etwas von den Dächern schauten noch aus der weißen Hülle hervor. Von dem Hohlwege zwischen den Felsen herauf sah man gar nichts mehr. Die Mühle stand still, und die Wasserfälle hingen starr und geräuschlos an den Felsen da. Man konnte nur wenig zusammen kommen. Desto größer war die Freude, als der Schnee schmolz, und es wieder Frühling ward.
Die Kinder aus dem Thale kamen sogleich wieder herauf, und brachten den beyden fremden Kindern, Edmund und Blanda, die ersten blauen Veilchen und gelben Schlüsselblümchen, die sie im Thale finden konnten. Ja sie flochten ihnen, sobald es mehrere dieser holden Frühlingsblümchen gab, die schönsten blauen und gelben Kränze. „Ich muß,“ sagte die edle Frau, „den guten Kindern doch auch eine Freude machen. Ich will ihnen auf den kommenden Ostertag ein kleines ländliches Kinderfest geben. Denn es ist gar schön, daß man solche Tage den Kindern, so gut man nur immer kann, zu Freudentagen mache. Aber was soll ich ihnen geben? Auf Weihnachten konnte ich sie mit Aepfeln und Nüssen beschenken, die ich für sie hatte bringen lassen. Allein zu dieser Zeit hat man nichts im Hause, als etwa ein Ey. Noch bringt die Natur nichts hervor, das zu genießen wäre. Alle Bäume und Sträuche stehen ohne Früchte und Beeren. Eyer sind die ersten Geschenke der wieder auflebenden Natur.“
„Aber,“ sagte Martha, „wenn die Eyer nur nicht so ganz ohne alle Farben wären! Weiß ist wohl auch schön. Allein die allerley Farben der Früchte und Beeren, zumal die schönen rothen Wangen der Aepfelein, sind doch noch schöner.“
„Du bringst mich da auf einen Einfall,“ sagte die gute Frau, „der nicht gar übel seyn mag. Ich will die Eyer hart sieden, und sie, was sich während des Siedens leicht thun läßt, zugleich färben. Die mancherley Farben machen den Kindern gewiß große Freude.“
Die verständige Mutter kannte verschiedene Wurzeln und Moose, die man zum Schönfärben brauchen kann. Sie färbte nun die Eyer auf verschiedene Art. Einige wurden schön himmelblau, andere gelb wie Zitronen, andere so schön roth wie das Innere der Rosen. Einige hatte sie mit zarten grünen Blättchen eingebunden, die sich dann auf den Eyern abbildeten, und ihnen ein unvergleichlich schönes buntes Aussehen gaben. Auf einige setzte sie auch einen kleinen Reim.
„Die bemahlten Eyer,“ sagte der Müller, als er sie erblickte, „sind gerade recht für das Fest, wo die Natur ihr weißes Kleid ablegt, und sich mit allerley Farben schmückt. Die gute Mutter macht es gerade wie der liebe Gott, der uns nicht nur schmackhafte Früchte giebt, sondern sie auch noch für das Auge schön und freundlich macht. Wie er die Kirsche roth, die Pflaume blau, die Birne gelb färbt, so macht sie es mit den Eyern.“
Der Ostertag war diesesmal ein überaus schöner Frühlingstag — ein wahrer Auferstehungstag der Natur. Die Sonne schien so schön und warm, der Himmel war so rein und blau, daß es eine Lust war, und alles neues Leben fühlte. Die Wiesen im Thale waren bereits schön grün und hie und da schon bunt von Blumen.
Schon lange vor Anbruch der Morgenröthe hatten die Frau und der alte Kuno sich auf den Weg zur Kirche gemacht, die über zwey Stunden weit entfernt jenseits mehrerer Berge lag. Die Väter und Mütter aus dem Thale, und die größern Kinder, die so weit gehen konnten, zogen auch mit dahin. Gegen Mittag kam die Frau mit Hülfe des Maulthieres, das Kuno führte, wieder zurück; die übrigen Leute aber kamen mit ihren Kindern erst lange nach Mittag, oder gar erst gegen Abend nach Hause.
Sobald die Frau angelangt war, eilten jene Kinder, die man daheim gelassen hatte, und die mit Edmund und Blanda ungefähr von einerley Alter — und schon lange eingeladen waren, voll Freude herauf.