Die Frau führte sie in das Gärtchen, das Kuno im vorigen Jahre sehr verschönert hatte. Nahe an der Felsenwand, auf einem zierlich mit Kiese beschütteten Grunde, war ein länglicht runder Tisch. Der war jetzt mit einem farbigen Teppiche belegt. Rasensitze von jungem, frischen Grün umgaben ihn. Die Kinder setzten sich rings um den Tisch, und mitten unter ihnen Edmund und Blanda. Alle sahen freundlich und fröhlich aus den Augen und waren voll Erwartung der Dinge, die da kommen würden. Es war wirklich ein ungemein lieblicher Anblick, den schönen Kreis von gelb- und braunlockichten Köpfchen und alle blühenden Gesichtchen zu sehen. „So schön ist kein Blumenkranz,“ sagte die Frau bey sich selbst, „und wäre er auch aus den schönsten Rosen und Lilien gewunden.“
Nun erzählte ihnen die Frau zuerst sehr schön und deutlich, warum der heilige Ostertag ein so großes Freudenfest sey — und dann wurde eine große irdene Schüssel voll heißer Milch aufgetragen, darein Eyer geschlagen waren. Jedes Kind hatte ein neues irdenes Schüsselchen vor sich stehen. Jedes bekam nun seinen Theil und ließ sichs trefflich schmecken. Hierauf führte die Frau die Kinder durch eine Seitenthür des Gärtchens in das kleine Tannenwäldchen, das an den Garten stieß. Zwischen den jungen Tännchen waren hie und da schöne grüne Rasenplätze. Da sagte die Frau den Kindern, jedes solle aus Moos, mit dem die Felsen und Bäume umher reichlich bewachsen waren, ein kleines Nestchen machen. Sie gehorchten mit Freuden. Denjenigen Kindern, die nicht zurecht kommen konnten, mußten die geschicktern helfen. Jedes mußte sich sein Nestchen recht wohl merken.
Nun kehrten die Kinder wieder in den Garten zurück. Aber sieh — da erblickten sie auf dem Tische einen großen Kuchen von Eyerbrot, der wie ein großer gewundner Kranz gestaltet war. Jedes bekam nun ein großes Stück Kuchen. Indeß nun die Kinder aßen, schlich Martha mit einem großen Korbe voll gefärbter Eyer heimlich in das Wäldchen, und vertheilte die Eyer in die Nestchen, und die blauen, rothen, gelben oder bunten Eyer nahmen sich in den zierlichen Nestchen von zartem, grünlichem Moose ungemein schön aus.
Nachdem die Kinder genug gegessen hatten, sagte die Frau: „Nun kommt, jetzt wollen wir nach den Nestchen sehen.“ In jedem Nestchen lagen fünf gleichfarbige Eyer, und auf Einem derselben stand ein Reim. Was da die Kinder für ein Freudengeschrey erhoben! Die Freude und der Jubel ging über alle Beschreibung. — „Rothe Eyer! Rothe Eyer!“ rief das eine, „in meinem Nestchen sind lauter rothe Eyer.“ „Und in dem meinigen blaue,“ rief ein anderes, „o alle so schön blau, wie jetzt der Himmel.“ „Die meinigen sind gelb,“ schrie ein drittes, „noch viel schöner gelb, als die Schlüsselblümchen, oder der hellgelbe Schmetterling, der dort fliegt.“ „Die meinigen, rief das vierte, haben gar alle Farben!“ „O das müssen wunderschöne Hühner seyn,“ rief ein kleiner Knabe, „weil sie so schöne Eyer legen. Die möchte ich einmal sehen.“
„Ey,“ sagte Martha’s Schwesterchen, das Kleinste aus allen Kindern, „die Hühner legen freylich keine so schöne Eyer. Ich glaube gar, das Häschen hat sie gelegt, das aus dem Wachholderbusche heraussprang und davon lief, als ich dort das Nestchen bauen wollte.“ Und alle Kinder lachten zusammen, und sagten im Scherze, der Haase lege die bunten Eyer. Ein Scherz, der sich in manchen Gegenden bis auf unsere Zeiten erhalten hat.
„O mit wie wenigem,“ sagte die Frau, „kann man den Menschen eine große Freude machen! Wer sollte nicht gerne geben; indem ja geben seliger ist, als empfangen! — Wer doch noch ein Kind seyn könnte! Eine solche Freude empfinden unter den Erwachsenen nur diejenigen, die ihr Herz rein und schuldlos bewahrten. Nur die leben noch in dem Paradiese der Kindheit — diesem Gottesreiche schuldloser Freude.“
Nun machte die Frau den Kindern wieder eine andere Unterhaltung. Manches Kind, das nur blaue Eyer bekam, hätte gerne auch ein rothes oder gelbes gehabt. Denen, mit den rothen, gelben oder bunten Eyern ging es eben so. Die Frau sagte daher den Kindern, sie sollen mit einander tauschen. Nur das Ey mit dem Sprüchlein durfte nicht vertauscht werden. Das war jetzt eine neue Freude, da jedes Kind auf diese Art Eyer von allen Farben erhielt. „Seht,“ sagte die Frau, „so muß man einander aushelfen. Wie es mit den Eyern hier ist, so ist es mit tausend andern Dingen. Gott theilte seine Gaben so aus, daß die Menschen einander davon wechselweise mittheilen können, und so einander Freude machen und einander lieber gewinnen sollen. Möchte doch jeder Tausch oder Kauf, wie euer kleiner Eyerhandel beschaffen seyn, daß immer beyde Theile gewinnen, und keiner verliere.“
Der kleine Edmund las seinen Reim. Ein Köhlerknabe war darüber voll Erstaunen. Denn damals gab es noch wenige Schulen, und mancher Erwachsene wußte kaum, daß es um das Lesen und Schreiben etwas Schönes und Nützliches sey. Der Köhlerknabe wollte nun sogleich wissen, was denn da auf seinem Ey geschrieben stehe. „O ein unvergleichlich schönes Sprüchlein!“ sagte die Frau. „Höre einmal! Für Speis und Trank — dem Geber dank!“ Sie fragte die Kinder, ob sie dieses immer gethan hätten? Jetzt fiel es ihnen erst ein, Gott für die fröhliche Mahlzeit und die schönen Eyer zu danken, was sie denn nach Anleitung der Frau auch sogleich von Herzen thaten.
Nun wollte aber jedes Kind wissen, was auf seinem Ey stehe. Alle drängten sich um die Frau. Alle die kleinen Händchen, und in jedem der Händchen ein Ey, waren gegen sie ausgestreckt. Alle riefen wie mit einem Munde: „Was steht auf meinem? Was auf meinem? Wie heißt meines? O meines zuerst lesen!“
Die Frau mußte Friede machen, und die Kinder in einen Kreis stellen. Jetzt las sie in der Reihe herum ein Sprüchlein nach dem andern. Jedes Kind war voll Begierde zu wissen, wie sein Reimlein heiße. Alle horchten auf die Frau, und wandten kein Auge von ihr, wenn sie wieder ein Sprüchlein las.