Heute, mit meiner siebzehnten Geburtsnacht ende und zerstöre ich euch, meine Blätter. Mein Weg ging aufwärts!

Der gläserne Garten

Nun ist wieder Glas zwischen uns, Geliebte, wie damals. Damals, als du schon stärker in mir warst als jeder Mann. Ich habe nie gedacht, daß man das mit Worten sagen könnte; denn die Worte sind hart und grob, und die Dinge der Seele stoßen sich schmerzlich an ihnen, wie deine Brüste an den Wänden deiner Kleider.

Weißt du noch, Ylone, doppelt kalt empfanden wir den Schnee, der am Fenster vorbeifiel, weil unser Zimmer in den Flammen einer innigen Entzückung stand. Nur das Glas war zwischen uns und dem Winter wie Sehnsucht zwischen unsern Herzen, die sich in äußerster Vermählung berührten. Von mir zu dir führten, wie ein goldenes Spruchband ewiger Engel aus den Marienleben alter Meister, Worte aus der Verkündigung meiner Liebe. Du schautest nach innen, wo ich dich angerührt hatte, und wir vergingen Hand in Hand im Grenzenlosen. Aus Angst vor Steigerung und mit der Scheu gegenüber dem Ausgesprochenen versuchtest du mich aus überirdischer Stille ins Zimmer zurückzuzwingen und sagtest: „Fühlst du, wie wir hinauswachsen aus Raum und Zeit, Venera?“ Als Antwort breitete sich über deinen Worten eine schwermütige Klage aus. Eine Stimme weinte aus der Ferne, sie sang aus dem Orpheus von Gluck und rief den Schatten. Da mußte ich mich umsehn nach ihm und der Vergangenheit, und ich dachte:

„Jetzt bist du überirdisch wie damals, als ich aus meiner keuschen Nacht in euren Morgen trat. Euer Zimmer brannte. Sommer und Liebe schlugen mir

entgegen. Das Zimmer hing reif in den Garten, aber ich sah nicht mehr, wo es aufhörte und der Garten begann; denn das Fenster war groß.“

Ich verlor die Geste der Unbefangenheit, die ich über meinen Schmerz gebreitet hatte, und in der Verwirrung sagte die, die ins Zimmer getreten war — nicht ich — „Komm, Ylone, es ist Morgen, der Zug fährt zurück in die Stadt“. Denn ich fühlte, du wußtest nicht mehr, was Morgen war.

Welten trennten dich von dem Mann, der vor dir lag. Kindsein und Alter, Lachen und Verzweiflung, Dasein und Abgeschiedenheit, Unschuld und Verderbtes waren dein Gesicht. Du warst so stumm, daß ich deine Schreie hörte. Komm, sagte ich noch einmal. Da schlug dein Erstaunen über mir zusammen, und du kamst langsam zwischen den Welten auf mich zu. Wie fühlte ich da wieder, daß ich dich mehr liebte als diesen Mann, dem ich entsagte, um ihn in dein Leben zu bringen, weil er mir für dich nötig schien, und schämte mich, daß ich schwach geworden und vor seinem Schatten geweint hatte die ganze Nacht.

Und ich begann zu verzichten. Erst schwach, dann stärker und immer stärker, bis das ganze Zimmer erglühte und bebte, weil es zu klein wurde, um so viel Hingabe an dich ertragen zu können. Auch du kamst mit den Augen auf mich zu, von der Kraft dieses Verzichts getroffen, und sagtest aus der Ferne erkennend mit hilflos schmaler Stimme: Es ist etwas im Zimmer, das stärker ist als wir alle, und ich weiß doch nicht was.

Heute ist Glas zwischen uns, und du wirst kaum meine Antwort hören: Es war ein Opfer.