Aber zwischen den Buchstaben träumen die blauen Monde ihrer Augen, um die die seidenen Strahlen der Wimpern stehn. Leuchtend hängen sie über der Herzensfinsternis meiner Tage.
Ich halte einen Brief von Ylone an meiner Seele!
Ich möchte es auf den Knieen niederschreiben, so heilig ist mir, wenn ich daran denke.
Eines Tages kam Claudios Mutter durch unsere violett verhängten Tage auf uns zu. Wir erstaunten nicht; es war uns, als ob wir sie schon lange erwartet hätten. „Sie wundern sich nicht, Ylone,“ sagte sie, „daß ich eindringe in Sie ohne gerufen zu sein? Aber ich will mich Ihnen doch erklären. Ich zürnte Ihnen zuerst,
als ich Claudio an Sie verlor; denn er lebte nur matt in den Intervallen, die er bei mir war, weil sich sein ganzes Wesen Ihrem Anblick entgegenspannte. Ich empörte mich gegen Sie. Ich hatte für ihn gelitten und gelebt. Ich hatte ihn vom ersten Tage an durch alle Gedanken, Wünsche und Enttäuschungen begleitet, und trotzdem ich ihn gerne an sein Glück verlor, stand ich ohne zu begreifen. Mit einer unsichtbaren Bewegung hatte mich plötzlich eine fremde Macht auf die Seite geschoben.
Er verreiste in Fernen, in die ich ihm nicht folgen konnte, und ich zitterte vor seiner Rückkehr.
Aber Sie entwaffneten mich, Ylone. Ich erkannte Sie bald in jeder seiner Veränderungen. Sie waren in jedem Lächeln, in dem er mir gütig begegnete, und er warf einen großen Schatten, wenn Sie ihn alleine ließen. Er war hart und spröde gewesen, aber Sie reiften ihn zur weichen Frucht. Er war noch in sich gefangen, und Sie brachten ihm die Erlösung, die nicht von der Mutter kommen konnte. Er war ein verstreuter Sucher, aber Sie haben ihn gesammelt und gestillt.
Ich begann Sie langsam in Ihrer Schöpfung zu lieben. Ich lebte von ferne mit Ihnen beiden; denn das Glück einer Mutter beruht darin, das Leben der andern zu leben.
Ich sah ein, daß ich mich nur gegen Sie gewehrt hatte, weil ich ahnte, daß ich Sie sonst lieben müßte. Irgendwo in mir begannen Sie zu wachsen, schlugen aus wie ein junger Baum und umblühten mich mit allen Zweigen. Da mußte ich zu Ihnen. Lassen Sie mich die Urne sein, in der Sie beide beschlossen und beschützt liegen. Begreifen Sie mich: In dieser großen
Stadt sind zwei Menschen, die ihn am innigsten lieben, und so dachte ich, daß zwei Menschen, in deren Leben ein Thema singt, verschmelzen sollen zu einem Gesang, daß sie sich ineinander schütten müssen zu einer Liebe.“