Dann war das Zimmer mit uns allein. Das Lächeln auf deinem Gesicht alterte. Und plötzlich begann es zu sterben. Der Stuhl fing steif den Verfall deines Körpers auf, und die Hände fielen verblüht und welk wie erfrorene Blumen herab. Du sahst mich, ohne zu sehen. Deine Blicke waren wie das Flügelschlagen eines Vogels, der Festes sucht. Ich nahm mich zusammen, damit wir das ertragen konnten, was jetzt kommen mußte. Dein Blick wurde fester, hielt auf mir aus wie eine Fermate, sah mich und Dich in mir und wußte.

Du flüchtetest aus meinem Mitleid; denn das Leid um ihn war klein gegenüber der turmhohen Scham über deine Nacktheit, die dich sogar seinen Verlust bestehen ließ. Stolz brach steil aus deinen Mienen.

Du wurdest starr und sicher und wuchsest langsam über ihn hinaus, dahin wohin er dir nicht folgen konnte.

Suchtest den Weg zu mir, die dich erwartete, und gingst fort von ihm in diesem Brief:

Nun rede ich noch einmal zu dir, Claudio, denn ich kann nicht im Schweigen von dir fortgehen. Ich muß dich verlassen jetzt, da ich kaum geöffnet bin, weil ich nicht erst warten will, bis du nichts mehr für mich bist als das Bild, das ich mir von dir gemacht habe. Ich hatte seit Jahren dein Nahen gefühlt und war so innerlichst deinem Kommen zugewandt, daß ich mir nicht einmal das Bild eines anderen Mannes merken konnte. Erwartung hing wie ein Mantel um mich und meine Weltfremdheit, bis du ihn aufschlugst über meinem Schicksal.

Ich wußte dies Schicksal vom ersten Kusse an.

Alle Tränen, die ich nicht bei dir weinen durfte, sind noch in meinen Augen. Alle Gedanken, die ich nicht denken konnte, ohne mich vor dir zu entstellen, schreien um Erhörung. Denn gerade meinen Ernst, den ich liebe, mußte ich verbergen, weil ich erkannte, daß du das Spiel wolltest, das zu nichts verpflichtet. Ich verklage mich, daß ich so schwach war, immer dein Lächeln zu lächeln und es wie einen Schleier vor meine schmerzende Dunkelheit zu halten.

Ach, warum hast du immer an mir vorübergeschaut? Lieber als das wäre ich durchschaut worden. Warum hast du mich da aufgeschlagen, wo es dir gefiel, und hast die Seiten überschlagen, die dir unbequem waren? Ahntest du nie, daß ich neben mir saß mit

frierendem Herzen und uns zusah und wartete; denn ich selber ging langsam vorbei.

Du hast einen Menschen an mir geliebt, und da waren so viele andre in mir, die darauf warteten, von dir erlöst zu werden. Aber du überhörtest ihre hundert Nuancen, und ich mußte dich in der hundertsten über die anderen neunundneunzig hinwegtäuschen, weil deine Liebe nur die eine ertrug.