Vorsichtig legte ich meine Geschenke vor die Stille, in die du dich eingeriegelt hattest. Denn manchmal tratest du heraus, um nach dir zu suchen. Du, die niemals die Erde berührt hatte, gingst nun schwer und unruhig auf ihr umher, um dich wieder zu finden.

Und dann kam jener ewige Abend. Die Zimmer waren so brünstig von Sommer. Sie machten schwach. Du rettetest dich an die offenen Fenster und hieltest dich in die laue Nacht hinaus. Die Stadt fieberte und lag

in den schäumenden Delirien der krankhaften Dunkelheit. Lichter durchstachen den Raum, den du gequält nach jenem Lichte abtastetest. Ach, da war ein Geruch von Erde, Mond und Unvergänglichkeit, der berauschte und schmerzte in einem. Die Luft vibrierte von Sehnsucht, die aus tausend Fenstern lehnte, daß man aufschluchzte wie ein Brunnen. Atem der Gärten fiel süß in das Zimmer, und wir standen in ihm wie in einer Laube aus Parfüm. Man wurde von weichen Winden verführt, sich aufzulösen in der Erregung des Sommers, sich an das All zu verlieren. Ich sah dich erschauern vor der gewaltigen Melodie dieses Abends. Sah, wie du den Rhythmus deiner weißen Arme zerbrachst, die du an die blühende Luft geschmiegt hattest, und dein weinendes Gesicht hineinwarfst. Und aus Furcht vor der riesigen Nacht, die das Gefühl der Verlassenheit erhöhte, flohst du zurück in die Begrenzung des Zimmers. In diesem Augenblick spürtest du mich im Raum. Dein suchender Blick fiel mir gerade in die Augen. Ich glaube, du erkanntest mich seit Wochen zum erstenmal; denn bisher hattest du an mir wie an einer Fremden vorbeigefühlt. Dein Mund wurde voll Bitten und blieb doch stumm. Deine Kniee brachen ein und warfen dich vor mir nieder. Aber bevor du dich demütigen konntest, hielt ich dich schon in meiner Liebe.

Ich hatte dich so aufbewahrt und gesammelt in mir, daß ich dich dir ganz zurückgeben konnte. Jeder Augenblick deines Gefühls hatte Flügel bekommen und flatterte dir entgegen. Jedes deiner Lächeln suchte dich, und deine ungeträumten Träume warteten darauf, von dir geträumt zu werden. Deine Gedanken hatten noch ihre weißen Gewänder an und neigten sich

dir zart wie präraffaelitische Engel. Du konntest dich in mir wie in einem Spiegel sehen, der dein Bild von früher unverändert zurückwarf. Aber ich verhängte diesen Spiegel sorgfältig, um dich nicht zu erschrecken. So wie man nach einer Sommerreise heimkommt und langsam die Leinwand vom verdeckten Spiegel abnimmt, um nicht zu sehr überrascht zu werden; denn seitdem haben uns viele Spiegel gesehen und verändert gesehen, und er ist der einzige, der uns unverändert behalten hat.

So ließ ich dich stückweise und in Zwischenräumen einsehen in mich, damit du dich langsam wieder aufbauen konntest wie ein Mosaik, aus dem ein Sturm einige Steinchen gebrochen hat. Um jedes unserer Worte begann sich von neuem die samtene Stille von Feiertagen zu breiten. Es kamen wieder Abende, in denen wir seidene Bücher mit seidenem Inhalt in die Hände nahmen und uns von ihnen streicheln ließen. Glänzende Tage waren zwischen zwei Dämmerungen wie in amethystene Steine gefaßt. Da floß ein leiser Wind aus den Fächern deiner Hände: Musik. Sie legte sich genesend über deine Seele, die in Gebet gewandet war. Und einmal brach deine Stimme zwischen den Tasten auf wie ein Lied:

Wir haben es geträumt, Venera. Es war ein Stern, der vom Himmel fiel, damit wir uns in ihm noch tiefer lieben sollten. Doch er fiel zu plötzlich und hat uns mit seinem Fall erschreckt. Aber aus dir, du Liebevolle, strahlt er erkannt und leise wieder.

Deine Blicke tasteten nach mir, und langsam kam dein Kuß auf mich zu.

Da zersprang das Glas unsrer Herzen, Geliebte . . .