schuldete, nur äußerlich nehmen konnte nach diesem? Daß ich nicht genug verhärtet war, um mich seinem demütigen Leid zu verschließen? Daß ich die Probe vor uns selber nicht ganz bestand, weil ich einen Brief schrieb in jenen Stunden, der mich ihm offenbarte. Freilich, er wird nie wissen, daß ich nur halbe Rache nahm, denn er hat ihn nie erhalten, und ich floh vor dem Morgen, bevor er von der Auferstehung meiner Liebe ahnen konnte.

Aber dir, Ylone, bin ich Rechenschaften schuldig, ich schäme mich vor uns, daß die Frau einen Augenblick lang die Freundin überragte. Versuche zu verstehen, und lies:

„Ich höre dein Herz laut an das meine schlagen, du! Wie schwer deine Liebe an meiner Türe lehnt! Ich weiß, du fühlst, daß ich sie dir hundertmal geöffnet habe in dieser Nacht. Ich weiß, du ahnst meine Widerstandslosigkeit durch die Wand. Einmal will ich dich erträumen wie du nicht bist. Diese Nacht soll nicht unausgekostet und halbgelebt modern wie eine unreife Frucht. Zwar: sie will meine Liebe zu Ylone versuchen, aber diese Liebe wächst über jeden Tag und jede Nacht und wird auch sie überstehen.

Schmerzliche Arien ziehen durch mich. Ich höre dein Herz um meine Türe flattern, ein kranker Vogel, der aus dem Neste fiel. Es ist aus dir gefallen und schreit sich müde. Aber jetzt nehme ich deinen Schmerz an meinen Mund und will ihn in einem Kuß verbergen. Schlaf steht um uns und Abend. Aber in mir leuchten die Sterne. Nie war ich so hell und blühend wie jetzt in dieser Sehnsucht, mit der ich mich dir versagen muß. O Lust dieses Schmerzes! O Tanz dieser Ruhe in uns! Öffne dich der Widmung dieser dich suchenden

Stunden, du! Nun will ich dir alle Sterne pflücken und dich mit einem smaragdenen Schloß von unendlicher Zärtlichkeit umgeben.

Alle Tore tun sich auf, wie liebende Frauen, und führen in dich, Kirche. Ich bin gesammelt, wie zu einem Festgottesdienst, wenn das Allerheiligste an meiner Andacht vorbeigetragen wird. Jetzt läuten dich alle Glocken der Welt ein, du Feiertag, jetzt züngelst du bunte Fahne aller Feste, jetzt brechen alle Hymnen und Gebete an dich wie berauschende Blumen auf; ekstatisch begegnen sich unsere unendlichen Wesen, die sich über die Endlichkeit erhoben. Wie zwei körperlose Harfen sind wir auf den ewigen Ton gestimmt; vor der Macht unserer Liebe stürzt alles ein, wir steigen hinunter in unsere verborgensten Schluchten und sind allein auf der Welt. Zwischen deinem Vor-Lächeln und deinem Nach-Kuß liegt die Ewigkeit. Ich danke dir für das Geschenk dieser Ewigkeit, und wenn auch diese Stunde eine Dämmerung haben wird — denn kurz und vergänglich ist jede Ewigkeit — wenn sie auch untergeht und wir auslöschen mit allen wartenden Lampen der Nacht: der Duft dieses unendlichen Augenblicks kann nie verwehen.

Fühle, daß mein Körper nicht bei dir sein darf in dieser heiligen Nacht! Vielleicht hätte mich seine Schwere verhindert, mich an deine Seele hinzugeben. Vielleicht wäre ich bei dir weit fort gewesen, so aber war ich dir nah wie nie durch die Entfernung. Ich gab dir alles, wenn ich mich auch von ferne gab. Ich empfing dich wie Danae den goldenen Gott. Deine Liebe wird nicht in meinem Leibe enden, sondern wird göttlich und endlos sein, wie ihr Fall vom Himmel.

Fühlst du, daß ich dir mehr schenkte in diesem Brief, als dir je aus einer Schnur von Tagen kommen könnte?

Lebe wohl, nun werden wir wieder in der Kälte des Weltalls einsam schweben. Nun muß ich wieder auf den harten Stufen des Gartens schlafen, der in dich mündet. Nun nehme ich mich zurück, nun stehle ich mich; denn wenn ich zu Ylone komme, muß alles aus meinem Gesicht vergangen sein, was an dich erinnern könnte. Nun träume ich dich ein letztes Mal. Lebewohl!

Ich war leise mit dir wie mit einer Kranken nach diesem, Ylone. Ich suchte das lautloseste Schweigen und legte es wie einen Verband um dein Herz. Ich streute meine innigsten Worte wie Blüten vor deine Füße, damit du leichter gingst. Ich bekleidete dich mit den Blicken meiner Liebe und steckte dir meine Küsse an. Ich pflückte die seltensten Blumen aus meinen Gärten und legte sie in deine gefalteten Hände. Ich ging niemals fort, ohne dir etwas mitzubringen: einen träumenden Weg, einen jungen Wind, das Schluchzen eines Vogels, zwei Lächeln eines Kindes oder den duftenden Seufzer eines Baums.