Johannes ist fünf Jahre älter als ich, aber mir ist, als wäre er nie Knabe gewesen; denn solange ich Erinnerung habe, empfinde ich ihn als Mann. Wir haben immer ganz eng nebeneinander gelebt. Seit ich fühlen kann, ist Johannes neben mir, nein, in mir. Seit meinem ersten Weinen leiden wir zusammen, seit meiner ersten Freude lächeln wir zusammen. Ich habe nie gewagt ihm zu sagen, wie sehr ich ihn liebe, daß meine Liebe viel größer ist wie ich selber und kaum in mein Kindsein hineingeht. Es war so, daß ich nachts vor seine Türe schlich, um ihn atmen zu hören; denn ich hatte plötzlich tiefe Angst um ihn. Ich stand die halbe Nacht und wagte nicht hineinzugehen. Ich fürchtete mich vor den Worten, und mein Schweigen hätte er vielleicht nicht verstanden. Früher, als ich kleiner war, bin ich des Nachts immer zu ihm gekommen. Ich glaube, ich war eifersüchtig auf seinen Schlaf. Und dann nahm er mich in sein Bett und an sein Herz. Aber eines Nachts — ich war damals vierzehn Jahre alt — veränderte er sich. Seine Stimme war gläsern, wie verwundet, er sah gequält an mir vorbei und sagte: „Myriel, kleine liebe Myriel, geh

nicht mehr durch die Nacht zu mir!“ Er sah wie ein Kranker aus, und ich stand in Scham. Aber ich fand keine Frage. Stechender Schmerz trug mich hinaus. Ich kniete an seiner kalten Tür und horchte zu ihm hinein. Da hörte ich einen Ton! Einen Ton! Ich hörte einen Menschen, der ganz in Schluchzen war. Johannes weinte! Wen beweinte er, weinte er um mich? Ach und ich stand und fühlte in dem Dunkel umher, das er plötzlich um uns gebreitet hatte, und stieß mich wund an meinen Ahnungen. Ohne zu verstehen, wich ich viele Tage seiner Berührung, seinen Worten aus. Dann fanden wir uns wieder in einem Buch; denn er suchte immer tiefe Bücher für mich aus, in die wir uns zusammen hineinstürzten, und aus ihnen legte er mir mit seiner Stimme, die wie Gesang ist, alles das aus, wofür ich noch zu klein war.

Einmal, als er las, saßen wir tief in einer Wiese unter einem hohen, lauschenden Baum und ich erwartete, daß die Zweige sich alsbald mit tausend bunten Vögeln bedecken müßten, und alle Tiere, die sich sonst vor der Nähe des Menschen flüchten, zärtlich und liebend um seine Füße geschlichen kämen. Auch die Wiese schien mir schon ganz erschüttert, oder kam das von all den heißen Blumen, die sie trug? Jedenfalls, ich glaubte immer fester an ein Wunder, vergaß ihm zuzuhören und erwartete.

„Woran denkst du?“ unterbrach er, als er meine Abwesenheit bemerkte. „Ich denke an Franz von Assisi“, sagte ich mit purpurroter Stimme und schämte mich sehr. Da wuchs er plötzlich vom Boden auf, an dem Baum in die Höhe:

„Kind,“ sagte er, „Kind, du weißt nicht, wie sehr ich auf der Erde bin.“ Und er küßte mir mit frommem Mund die Hände. Aber ich entriß sie ihm; denn mir schlug das Blut vor den Augen zusammen. Ich kletterte verstört den Baum hinauf. Oben vergaß ich alles, warf funkelndes Lachen hinunter und war wieder Spiel und Tollheit.

Ich sagte, die Eltern hätten keine Zeit für uns. Vater liegt immer über seinen Büchern, und Mutter, meine schöne, junge Mutter ist stets fern und abwesend, beinah nur Gast bei uns. Mir ist, als wäre sie nicht körperlich da. Ich ahne eine andere Welt um sie. Sie zerrinnt förmlich unter einer Berührung, die mein kindliches Liebesbedürfnis manchmal wagt. Immer sitzt sie am Flügel, ganz abgekehrt von uns und Unsichtbarem zugewandt. In den Tönen fängt sie an und dort hört sie auf, wo man nur noch hinfühlen kann. Zu uns aber scheint sie kalt und leblos, und Johannes

und ich wagen es kaum, sie mit Worten zu betasten. Mutter erscheint mir einem jener leisen Bilder entstiegen, zu denen ich heimlich flüchte, anstatt in meine Stunden zu gehen. Jenen alten, müden Bildern in den großen Galerien. Ich träume, daß sie als eine dieser seltenen Frauen durch die Jahrhunderte gegangen kam und durch uns hindurch geht in die Zukunft; denn solche Frauen sind zeitlos.

Gewöhnlich aber sitze ich dort vor dem Johannes des Dürer. Ich liebe seine hohe Stirn, die ganz aus Geist zu sein scheint. Ich weiß nicht, warum ich mir immer einbilde, daß so Aljoscha, der jüngste Karamasoff, ausgesehen haben muß. Wie komme ich dazu, diesen hohen, bewußten Deutschen mit dem unbewußten, russischen Gottesknaben zu verbinden? Vielleicht, weil sie beide Heilige sind? Und wir Mädchen nun einmal einen Heiligen, eine Anbetung brauchen? Oder weil mein Bruder äußerlich diesem Johannes und innerlich Aljoscha so ähnlich sieht, denn er hat die Reinheit der beiden? Oder vielleicht, weil unsre Sehnsucht solche überirdische Menschen nicht nur lesen, sondern erleben will?

Diesem Bild gegenüber habe ich den Mut, der mich bei Johannes manchmal verläßt. Diesem Bild vertraue ich alle Verwirrungen meiner Mädchenheit an. Ich bekannte dies einmal dem Bruder. Er zürnte, daß er nicht der Erste und Einzige wäre, zu dem ich mit meinen Kindergeheimnissen käme, und manchmal, wenn ich fieberheiß aus solch einer Beichte bei Tisch ankam, flüsterte er:

„Ah, man hat mich betrogen, Myriel!“