Es schwang aber immer ein so ernster Ton mit in seiner Stimme, daß ich vor schäumender Erregung
nichts essen konnte. Einmal sagte Vater spöttisch: „Hast du wieder mit Windmühlen gekämpft, Donna Quijota?“ „Ja“, sagte ich und hatte Lust, auch gegen ihn zu kämpfen. Und plötzlich hörte ich mich mit Pathos deklamieren: „O laßt mich scheinen, bis ich werde!“ Hatte ich es gesagt, um Eindruck auf Johannes zu machen? Alles lachte, sogar Johannes lächelte sein feines Lächeln mit. Das verwundete mich sehr. Vater sagte: „Das kommt davon, wenn man die Kinder zu früh mit Goethe spielen läßt.“ Aber ich war schon hinausgestürzt in den Garten, unter die Einsamkeit eines Baumes. Ich begrub mein Gesicht in den Händen und schluchzte, daß sogar er, sogar Johannes mich verkannt hatte. Da hörte ich seinen leisen Gang. Zärtlich hob er mich zu sich auf. „Liebling,“ sagte er mit behutsamer Stimme, „verzeih mir, daß ich darüber lachte, daß du jung bist. Daß ich dieselbe Gemeinheit beging wie alle Alten.“ Er streichelte mich mit den Augen.
„Wer sollte das Oberirdische anbeten, wenn nicht wir Jungen, Myriel, wir, die wir noch Rausch und Flamme kennen! Vielleicht Vater, der seine Menschen schön getrocknet auf Formeln bringt, die er die Jugend lehrt? Nein, laß diesen Toten. Wir sind die Welt. Sei hell und lächle mir wieder, Schwester!“
Sein Kuß brachte neues Licht in mein Gesicht. Mein Weinen löste sich in große Versöhnung auf, und wir gingen Hand in Hand hinaus durch die Nachmittagswelt Abend und Sternen entgegen.
Ich vergaß zu sagen, daß Johannes ein Dichter ist. Was könnte er wohl auch anderes sein? Manchmal liest er mir aus seinen Gedichten, in denen alle Vögel der Welt gefangen sind. Aber heute noch strömen Kantaten aus seinem Mund, und morgen schon kann er nur noch Chaos, mitternächtig und dunkel sein. Und bis er die Elemente in sich gebändigt hat zu leisem Lied oder stürmendem Schicksal, sind gläserne Mauern um ihn. Ich sehe sein verwüstetes, zerpeitschtes Gesicht und kann es doch nicht erreichen, so entfremdet ist es mir. Bald aber ist es wieder gereinigt und von alter Vertrautheit. Nur einmal mußte ich lange auf ihn warten, das war damals, als er das große Buch vom „Neuen Menschen“ schrieb. Es war eine glühende Herausforderung an die enge, gefesselte Vorwelt der Väter, Umsturz, Verleugnung alles Ererbten, Erschaffung einer neuen, rasenden Welt. Es war viel Blut in dem Buch, und Johannes wurde sehr gefeiert. Ich frug ihn einmal, ob es im Leben wirklich solche riesigen Menschen gibt.
„Nein,“ sagte er, „was wir geben können, ist immer nur die Sehnsucht nach solchen Menschen; denn im Grunde suchen wir alle den Helden. Natürlich den inneren Helden, nicht den der Faust.“
„Du bist mein Held,“ sagte ich kindisch und umschlang ihn mit wilder Kraft. Er ließ meine Umarmung geschehen, ohne sie wie sonst zu erwidern, und sah mich mit blinden Blicken an.
„Ein Tag wird kommen, der dich mir stehlen wird, Myriel; denn das Leben erwartet dich.“
„Dich, Johannes,“ schrie ich auf, „dich wird es mir nehmen!“
Sein Blick betäubte mich: