„Mich, Myriel, du Kind, du Frau! Wenn du nicht zufällig meine Schwester wärst, dich hätte ich überall gesucht. Von deiner ersten Minute an lebte ich mit dir, jedes Jahr bist du an mir und ich an dir gewachsen. Ich habe nie begriffen, wie Menschen plötzlich ineinanderfliegen können, ohne mehr voneinander zu spüren als ein brennendes Gefühl. Sie reiften sich nicht durch die Zeit entgegen wie wir, sie wissen nichts von ihren Kindheiten, nicht die tausend Übergänge, die den Menschen und sein Wesen machen, und so stehn sie sich plötzlich erschreckt und enttäuscht gegenüber.“
„Johannes,“ sagte ich da und verlangte nach seiner Nähe wie nie zuvor — trotzdem wir nur diesen Gedanken voneinander getrennt waren —. „Johannes, wie du mich durch deine Liebe erhöhst!“ Und da geschah mir etwas Heiliges: Er kam auf mich zu und schenkte mir den ersten Kuß seines Mundes.
An diesem Tage verging ich am Flügel vor unnennbarem Gefühl, und meine Finger sangen alles, was sie von Chopin und Sehnsucht wußten.
Eines Tages fiel mir ein, daß ich nichts von Johannes wußte. Ich erschrak tief. Ich sah die helle Wölbung seiner Stirn und die Tore der Brauen über dem großen Staunen seiner Augen. Sah den edel geschwungenen Mund, der soviel Schönheit verschwieg. Ich sah seine weißen, verhaltenen Hände und nahm alle Gegenstände in meinem Zimmer, die sie mir geschenkt hatten, und küßte sie. Ich sah auch das leuchtende, kühn gewellte Haar und seinen von aller Erde befreiten Gang. Aber mehr, mehr wußte ich nicht. Mein Herz stach und der Körper zog sich qualvoll zusammen. Ich warf mich dem Abend entgegen, rannte die Bäume an im Park, preßte mich wild in eine Wiese. Mir war, als schwölle mein Herz höher und höher bis zu den Wolken, mein Körper aber würde immer kleiner und aufgelöster. Die Beine waren stumpf, wie abgebrochen, es zog hinter der Stirn und ein unbändiges Gefühl zerriß mich. Ich weinte und lachte durcheinander. Und dann auf einmal begann ich mich zu schämen, zu schämen! Ich wußte es plötzlich, daß ich ganz anders war wie Johannes. Auch fing ich mit Gott zu reden an, stürmisch und wirr und mir selber nur halb bewußt. Ich bat ihn, mir Johannes zu zeigen, wie man um ein Wunder bittet. Ich forderte, drohte endlich, ihm meine Anbetung zu entziehen. Meine Gedanken wurden immer schwindliger, unzusammenhängender. Der Weg taumelte, die Bäume standen schief, und das Haus schien um viele Tage fortgerückt, alles hatte ein anderes Gesicht bekommen. Zu hause vergrub ich mich in mein Bett, das um mich wie Flamme brannte. Da sah ich, daß meine Tage gekommen waren und das Kindsein zu Ende. O, wie fühlte ich mich allein auf der Welt mit diesem ersten Geheimnis vor Johannes!
Am andern Morgen lief ich zu meinen Bildern in die Galerie. Ich sah mir zum ersten Mal mit Bewußtheit nackte Körper an und war tief enttäuscht! Ich hatte mir immer soviel hinter den Kleidern gedacht.
Bei Tisch wagte ich es kaum, Johannes mit den Blicken zu berühren. Wie ein Verrat erschien es mir, daß er nicht ohne Körper und auserwählt, sondern mit allen Männern soviel Häßlichkeit — wie ich es nannte — gemeinsam haben sollte.
Am Abend schlich ich vor meinen Spiegel. Bisher hatte ich eigentlich immer an mir vorbei gesehen. Jetzt prüfte ich mich aufmerksam. Wie schämte ich mich, als ich zum ersten Mal meine Brüste erkannte! Ich verhüllte sie mit meinem langen, finstern Haar, und am andern Tag zog ich eine große Schürze an, hinter der man mich kaum noch ahnen konnte. Vielleicht tadelte mich Johannes, der unpersönliche Kleider haßte und in der Intimität des Hauses niemals jene charakterlosen Anzüge trug, in die unsre ganze Zeit eingenäht ist. Aber ich fürchtete noch mehr, daß er sich eines Tages erinnern würde, daß ich ein Mädchen bin, mich daraufhin ansehen und häßlich finden könnte.
Wirklich trat er nach Tisch in mein Zimmer. Sein Blick flog untersuchend über mich und meine Verkleidung hin.
„Haben dich meine Augen schon einmal entweiht?“ frug er streng. Da riß ich die Schürze ab und die Kleider und stand nackt vor ihm. Er sah mich mit einem jubelnden Blick an und kam auf mich zu. In diesem Blick sah ich, daß ich schön war. Johannes aber schwieg so sehr, daß ich mich doch wieder verwirrte, und ich wünschte zehntausend Kleider über mich.
Johannes mochte fühlen, daß es noch über meine Kraft ging. Er neigte sich vor mir bis zur Erde, küßte meinen Fuß und ging schnell hinaus.