Von jenem Blick an liebte ich mich. Auch versprach ich mir, dem Bruder immer jede Freude zu schenken, die in mir wäre.

Der kühlere Herbst brachte mir eine vernichtende Krankheit. Für Wochen hörte alles auf zu sein. Der Tod war ganz in der Nähe. Durch die Dunkelheiten des Fiebers hingen wie Ampeln die brennenden Augen des Bruders. Und einmal neigte er sein zerrissenes Gesicht dem meinen und murmelte mit kranker Stimme: „Liebe so stark du kannst, dann gibt es kein Aufhören. Ich habe noch zu viel unterlassen, dir zu wenig Freuden gemacht, zu viel geschwiegen. Lebe mir!“

Mit meiner ganzen Seele stemmte ich mich gegen das Sterben. Johannes erwartete jedes Erwachen, und ich fühlte mich in seinen Blicken stärker werden. Immer war seine heilende, liebeschwere Stimme um mich und rettete mich aus stechenden, phantastischen Fiebernächten.

Dann kam ein langsames Auferstehen, Zurückkehren in die Welt. Johannes sah immer beschenkter, strahlender aus.

Als ich zum ersten Mal um seinen Arm gerankt der Sonne entgegen ging, frug ich: „Was hättest du getan, Johannes, wenn ich . . . . .“ „Ich wäre dir nachgestorben“, sagte er einfach. „Es gibt nichts, das stärker wäre als du.“

„Und dein Werk?“, sagte ich voll Vorwurf und doch in tiefer Angst und fühlte ihn scheu mit den Blicken an.

„Bist du nicht mein höchstes Werk?“, rief er heiß. Aber ich zögerte, noch immer an solche Erhöhung zu glauben, und so warf ich ein: „Ich habe doch keine Ewigkeit!“

„Glaubst du, der Teich stahl nicht dein gestriges Lächeln,“ sagte er da, „und schimmert es morgen

zurück? Deine Tränen, kehren sie nicht als Wolke wieder, und dein längst verklungener Schritt, wer sagt uns, daß er nicht in irgend einer Arie ewig wird? Nichts geht verloren, alles wird wiedergeboren, es gibt keine Zeit für die Ewigkeit.“

Wir ruhten selig an einer Weide, die zu uns herunter träumte. Ich verlor vor Glück das Gefühl von mir selber, es war mir, als wäre ich Johannes. Dahlien und Astern tanzten bunten Herbst um unsre entirdischten Füße.