„Wie jung wir sind,“ rief Johannes verzückt, „und so tief im Leben!“ Er legte die Hände vor das Gesicht, als ob er den Tag nicht ertragen könne, Tränen fielen durch seine Finger. Und auf einmal sich selber überraschend, stürzte er hart und schmerzhaft nieder auf die Knie. Und wieder gegen seinen Willen begann es laut aus ihm zu beten für meine Rettung. Auch mich warf eine riesige Gewalt an die Erde, und ich hob die verschämten Hände. Ich hatte noch nie einen Menschen beten sehen. Wie auf italienischen Bildern die Stifter vor einem Wunder knien, so knieten wir hintereinander.
Und wenn es niemals Gott gegeben hat, damals erschuf ihn unsre inbrünstige Anbetung.
Ich reibe mir den Winterschlaf aus den Augen. Wirklich schon Frühling? Erlebten wir den Winter so stark, daß ich nicht vor dem Frühling zur Besinnung kam? Ich habe solange geschwiegen? Wir waren so tief ineinander versenkt, daß wir ganz erstaunt waren, wenn ein Ton aus der Welt zu uns herein drang. Das Haus war wie verhängt, wir gingen auf den Zehen durch die zeitlosen Räume. Johannes arbeitete, und auch von mir forderte er als mein Lehrer Äußerstes. Daneben erholten wir uns in Büchern, Musik und Gesprächen. Johannes, Meister auf dem Cello, holte alte vergessene Italiener, deren Süßigkeit Jahrhunderte lang hinter dunklen Noten gegärt hatte, hervor, und von ihnen gingen wir zu Bach und Händel über. Zuweilen, wenn Johannes so neben mir spielte, daß ich glaubte sein Herz in Händen zu spüren, hob großer Sturm in mir an, und ich raste auf dem Flügel. Dann tadelte Johannes: „Myriel, Myriel, vergiß nicht, daß wir in der Kirche sind!“
Ach, in mir explodierten tausend unheilige Dinge, ich war nur noch Aufruhr und Element. Ein Instinkt aber ließ mich die Unruhe verschweigen, die mich ergriffen hatte. Dafür rüttelte ich mit tausend Fragen an Himmel und Erde. Ich hatte den Ehrgeiz, Johannes nicht nur bis ans Herz, sondern auch bis an die Stirne zu reichen. So erhellte er mir denn viele Dinge, denen ich noch dumpf und kämpfend gegenüber stand.
„Wenn Gott mir nicht ohnehin Voraussetzung wäre,“ sagte er einmal, „so würde ich ihn in der durchdachten Steigerung jedes Daseins erkennen. Diese Steigerung ist für mich der Tod. Er ist der höchste und raffinierteste Beweis für Gott. Denn er schließt schon die Ewigkeit in sich ein, da er nur scheinbar ist. Es
gibt keinen Tod, jeder Tod ist eine Verwandlung, eine Wanderung. Darum ist den Buddhisten alles Leben heilig. Jedes Geschöpf verkörpert eine Idee und trägt ein mehr oder minder schwaches Gesetz in sich, diese Idee auszuleben. Aber die meisten leben daran vorbei. Darum finde ich: ganz Löwe, Vogel oder irgend ein Tier sein ist mehr, als Halbtier oder, was dasselbe ist, ein Viertelmensch sein. Jeder Mensch sollte die Möglichkeit und den Willen haben, seiner innern Idee leben zu können. Dem Menschen kann nicht von außen, sondern einzig von innen geholfen werden. Man kann sich nur selber erlösen, nie erlöst werden. Aber vielleicht liegt dies unserm Volke gar nicht mehr. Es ist — im Gegensatz zu heißeren Völkern — viel mehr ein Volk des Leibes denn der Seele geworden. Vielleicht auch brauchte es doch einen Führer, einen Vergewaltiger, der mitreißt ohne Gewalt, einzig durch seine Existenz. Vielleicht müßte man ihm Zeit und Einsamkeit aufzwingen, um die es von seinen Scheinbedürfnissen bestohlen wurde. Der Mensch hat zuweilen eine Insel nötig. Das siehst du an zweien seiner Führer, die gerade Antipoden in ihren Lehren sind: Christus und Nietzsche. Christus brauchte eine Wüste, um sich zu überwinden, und Nietzsche die Verlassenheit eines Berges, um die Forderung seines kommenden Menschen aufzustellen. Der eine verkündete den Kampf, der andere wehrte ihm. Der eine stellte ein Herrenideal und der andere ein Menschenideal auf. Aber versagten nicht beider Lehren vor dem Trieb zur Erde, der immer im Menschen wohnen wird? Wir warten noch immer auf den Führer. Auch mein letztes Buch ist eine Erwartung. Bis dahin nach innen leben und
den Körper töten! Wenn wir das versuchen wollten, ständen wir nicht so tief. Man muß an einer Ekstase, an zu viel Jugend sterben können. Aber sieh doch die gealterten, unheiligen Gesichter an! Sind sie der Unsterblichkeit entgegengereift? Nein, verfault und verhärtet von Genuß und Erfahrung. Und mit was für häßlichen Füßen sie ankommen in der Ewigkeit! Denke nur, über was sie alles gegangen sind! Ach, Schönheit und Güte sterben immer mehr aus in der Welt!“ Er schwieg und sah mich mit lodernden Augen an. Tiefe Nacht war, und die sieben Feuer des Leuchters tasteten gierig umher.
„Mach mich weit und stark für den Tod, Johannes,“ sagte ich, „ich möchte ihn bald sterben. Mir ist so, als stünde ich tief innen in Flammen.“ Johannes stand steil und blaß vor mir. „Myriel!“ Er hob mich mit liebenden Armen auf und hielt mich hinaus in die seidene Nacht.
„Ich verspreche es uns“, flüsterte er und deckte mich mit den weichsten Blicken zu.
Als ich erwachte, war es Morgen. Ich fand mich in den Armen des Bruders, in denen ich am Abend eingeschlafen sein mußte. Er saß auf einem Stuhl und seine Augen hingen mit seltsam prüfender Leidenschaft über mir. — Ich bedeckte erregt mein unbewachtes Gesicht.