„Was hast du darin gesehen?“ frug ich ängstlich.
„Nichts, Kind, nichts — außer mir“, lächelte er innig.
Mit dem Morgen rannte ich hinaus, tausend Wege weit, dem Mittag entlang bis zur Dämmerung. Ich glaube: in jenen Stunden mit mir allein warf ich die letzte dumpfe Kindheit ab. Geliebter Bruder, in jenen Stunden hörte ich schon auf zu sein, da begann meine Unsterblichkeit, die Verklärung in dir.
Gegen Abend kam Johannes und sagte: „Morgen ist dein Geburtstag, Myriel, ich will dir ein Fest geben.“
„Jeder Augenblick wird Fest durch dich, Johannes“, glühte ich und wußte erst, wie ich ihn jede Stunde dieses Tages entbehrt hatte. Seine geistige Stirn zog sich nachdenklich zusammen: „Wir sind auch zu kurz auf der Welt, Kind, um nur einen Tag mit dem zu vergeuden, was die Menschen Leben nennen. Ihr Leben und sogar ihre Feste sind ein einziger Alltag. Tierhaft ist ihre Freude, Verliebtheit in ihren Bauch. Sie haben es verlernt, sich und die andern zu feiern. Ich meine gar nicht jene brausenden, maßlosen, egoistischen Feste der Römer oder der Renaissance, die nur um der Schönheit willen geschahen, und von denen den Armen nur Schein und Abfall blieb. Ich denke an jene seelische, adlige Freude, die Schiller und Beethoven meinten in ihrem Hymnus. Sie ist tot, diese leise, ewige Freude, von Mensch zu Mensch, die göttlich macht.“
„Und auch ihr Leid, Johannes?“ frug ich; denn ich liebte es, seine Überlegenheit zu fühlen.
„Ja, sie leiden unter Geheul und kleinem Zank. Sie haben den großen Aufschrei verlernt, den Schmerz, der zu Stein und zur Quelle wird. Die Stadt verengt. Früher hatte man noch Erde, sich hinzuwerfen, und das Ohr der Wälder und Wiesen, seine Klage hineinzurufen. Und man hatte Zeit, unerschöpfliche Zeit.
Heute lebt und stirbt alles gemein, ohne Pathos. Und damit sie in ihrer Dumpfheit bleiben, hat man das herrliche Wort: Selig sind, die hungrig nach Seele sind, in den Satz verfälscht: Selig sind die Armen im Geist. Seele, alles, was über sie hinausführen könnte, unterdrücken sie geschickt in sich und den andern. Sieh doch, wie sie zusammen leben! Sieh doch ihre altgebornen Kinder an! Ist in ihnen Anbetung oder Erschütterung von einem zum andern?“ Johannes’ Mund wurde herb. Ich wollte zu ihm reden und konnte nicht. Mir war so weit. Als reichte ich von der Erde bis zu den Himmeln. Ich fühlte sie, seine Seele, diese unendliche Dehnbarkeit. Wir schwiegen uns zu, bis das Zimmer undurchdringlich und schwarz wurde. Da zitterte ich auf. Die Nacht kam. Meine Empfindungen verwirrten sich.
„Was hast du, Kind, liebe ich dich nicht genug?“ frug Johannes.
Wir warfen uns ineinander. Er hob mein Gesicht vor das seine und sah mir eine Ewigkeit lang durch die Augen ins Herz.