Die ganze Nacht kauerte ich vor seiner Tür.
Nach Jahren — so schien mir — wurde es Morgen.
Mit dem Mittag trat ich sehr hell, im ersten langen Kleid bei Johannes ein. Seine Augen blendeten mich beinahe, so strahlten sie mich an.
„Wie weiß du bist!“ rief er verzückt. „So muß Dante gefühlt haben, als ihm Beatrice im ‚allerweißesten Kleid‘ begegnete. Wird auch mir aus diesem Anblick seine rote Vision? Wirst auch du von meinem glühendsten Herzen essen? Nimm es ganz zum Geburtstag!“
Seine Stimme flammte über mich hin. Brennende Gerüche umstanden uns; denn Johannes hatte die Wände in hängende Gärten verwandelt.
Ich sah über viele Geschenke hin, die ich ebenso schnell wieder vergaß. Johannes hatte mich dazu erzogen, Besitz gering zu achten. Das Eigentliche aber fühlte ich schnell heraus. Das waren in heißen Brokat gebundene Blätter, die des Bruders Schrift trugen. Ich öffnete sie, noch die Augen an Johannes, und sah, wie sich sein Gesicht einen Augenblick lang vor Schreck verengte. Doch sagte er mit verhüllter Stimme: „Lies.“
„Ich lade Dich auf ein seltenes Fest, zärtliche kleine Schwester. Du brauchst nichts weiter mitzunehmen als Deinen Kinderglauben an mich. Auch mich wird er stark machen, daß ich mit Dir reden kann wie mit mir selbst.
Ein Schicksal hat aus uns eine Zweiheit geschaffen, die nie eins werden kann: Bruder und Schwester. Sicher, die Einheit in uns kann nur gesteigert werden dadurch, daß wir so heißen. Aber sie ist nicht alles. So wie unsere Herzen ineinander getürmt sind, so könnten sich auch eines Tages unsre Körper erinnern, daß sie einem Mann und einer Frau gehören. Es ist
unwichtig, sich zu besitzen, um so mehr, da man sich nur mit der Seele besitzen kann. Aber wir sind so glühend jung. Ein Sturm kann kommen, den wir nicht bestehen. Alles wird schwer und fremd. Vielleicht nicht durch uns, wohl aber durch jene enge unfestliche Welt mit ihren Dogmen, die Ungewöhnliches ersticken im bürgerlichen Schlamm.
Ich ahne, daß die nächsten Jahre Qual über uns bringen, wenn sie gelebt werden. Mir wurde der heilige Auftrag, über Dich zu wachen, ich will ihn zu Ende führen, so lange ich kann. Heute noch weiß ich mich stark, aber morgen vielleicht überfällt mich mein Blut, steigt so ein alter Ahne auf aus meinen Adern.