War ein besonders böser Bub unter der Schar und drohte dem der Vater, er wolle seine Rute an ihm zerschlagen, dann holte ihn der Herzfroh in sein Haus, behielt ihn da einige Zeit bei sich, und kehrte der Junge heim, dann erkannte keiner den Unwilligen von vordem wieder.« »Hatte er denn Weib und Kind?« fragte Schlupps. »Ach nein,« entgegnete sie. »Das war es auch, daß manche meinten, seine Lieben seien ihm gestorben, und er habe sich deshalb hierher geflüchtet, wo ihn keiner kannte, und es mag wohl etwas derart gewesen sein, denn er nahm sich besonders der Waisen an, und die hatten an ihm Vater und Mutter.
Eine Magd führte ihm Haus. Gegen jeden war er freundlich. Den Frauen schenkte er Setzlinge für ihre Blumenstöcke, die Männer unterwies er, wie sie ihre Obstbäume pflegen sollten, und als die Eltern sahen, wie sauber und ordentlich ihre Kinder wurden, wie sie auf sich hielten, da wollten sie hinter den Kindern nicht zurückstehen, und so kam Zucht und Ordnung in unser Dorf. Wie dann die Kleinen, die er großgezogen, heranwuchsen und selbst Kinder hatten, da war es schon leichter mit dem Schulehalten. Und wenn der Schulmeister in ein Haus trat, da war es jedem, als käme sein leiblicher Vater zu ihm. Dabei tat er den Leuten nichts besonderes, nahm von keinem etwas an, schenkte aber den Armen, was er entbehren konnte. Für ihn gab es keine größere Freude, als wenn ein Bauer sagte: ›Schulmeister, ich hab ein Schwein geschlachtet und den Armen ein Teil Würste gegeben um Euretwillen.‹ Dann strich er am Sonntag Nachmittag unter der Linde die Fiedel, und die Buben und Mädel sangen dazu. Denn das wollte er haben. Singen mußte alles und froh sein. ›Fröhlich lachen schafft halbe Arbeit,‹ meinte er. Nun ist er tot, und jedem fehlt er. Die Kleinsten sind gar am übelsten dran.«
»Warum denn die?« fragte Schlupps, der aufmerksam zugehört hatte. »Seht,« sagte sie flüsternd, »da ist jetzt ein Neuer, der ist gar herb und grandig und ganz anders, wie Herzfroh war. Die Reichen setzt er gesondert von den Armen. Nie hört man bei ihm in der Schule lachen, und wenn die Kleinen ihn kommen sehen, springen sie von der Gasse fort und verstecken sich hinter der Haustür. Wenn der Herzfroh einmal gescholten hat, dann geschah es aus lauter Liebe und Güte und tat wohl. Wenn der aber nur vorbeigeht an einem Haus, wird die Milch im Keller sauer von dem Gewitter, das in seinem Gesicht steht. Und Ihr sollt sehen, Herr, unser Dorf bleibt nimmer wie es ist. Wo die Kinder unfroh sind, kann nichts gedeihen und entsteht bald Zank und Unfrieden. Ist mir nur um meine armen Kindeskinder leid, das Lenerl und der Hansi, die gar so lustige Gemüter haben und jetzt sich nimmer zu lachen getrauen. Aber da klag ich dem Herrn meine Kümmernisse und gehen ihn doch nichts an. Er meint gewiß, ich wäre ein schwatzhaft Weib.«
»Nicht so, liebe Frau,« sagte Schlupps. »Wißt, ich bin ein berühmter Gelehrter und weiß von Kindererziehung gar viel. Ich war in mancherlei Landen, hab aber immer gefunden, daß Lachen dem Menschen gedeiht und eine Gottesgabe ist wie das liebe Brot. Wer den Kindern das Frohsein verkümmert und läßt sie in Mißmut aufwachsen, dem gebührt, daß er in der tiefsten Hölle sitzt und nimmer herauskommt. Gehabt Euch wohl, gute Frau!«
Damit ging er fort und stracks auf das Schulhaus zu, klopfte an und trat ein. »Verzeiht, Herr Kollege,« sagte er. »Ich komme von weit her. Mein Name ist Neunmalgescheit, bin Professor in Padua und will in Deutschland die Schulmeisterei aus dem Grunde studieren. Da hat man mich zu Euch gewiesen und mir gesagt, daß Ihr, der Schulmeister Säuerling, einer von denen seid, die es am besten verstünden. So erlaubt, daß ich zuhöre, wie Ihr es macht und laßt Euch durch mich nicht stören.«
Der Schulmeister verneigte sich bei dieser Anrede unaufhörlich und wußte nicht, wie ihm geschah; denn er war heute gar nicht zum besten aufgelegt, weil er seinen grünen Tag hatte.
So nannten es die Kinder, wenn sie in die Schule kamen und sahen, wie er mit zusammengekniffenen Lippen grün und gelb im Gesicht in dem Schulzimmer hin- und herlief und jedem Kinde, das hereintrat, einen Hieb mit der Gerte austeilte. An solchen Tagen mußten sie still sitzen, ihre Tafeln vollkritzeln und durften den ganzen Tag kein Wort sprechen. Er sprach auch nicht und rannte nur immer auf ein- und derselben Planke am Boden auf und nieder; trat nicht rechts und nicht links und warf zornige Blicke auf die Kleinen.
Hatte er aber seinen roten Tag, dann stand er schon vor dem Schultor, die Kinder zu erwarten, hochrot im Gesicht und dann schrie und wetterte er auf die Kleinen ein, daß ihnen Hören und Sehen verging und sie vor Angst nicht antworten konnten. Er nahm sich auch nicht die Zeit, sie zu unterweisen, sondern schrie und tobte nur immer ärger. So kam es, daß keines etwas lernte, weder die Dummen noch die Gescheiten, und alle unwissend geblieben wären, hätten sich nicht manche Eltern erbarmt und die Kinder im Lesen und Schreiben angelernt, und diese zeigten es wieder den andern.
Der Schultheiß hatte schon einmal mit dem Pfarrer Rücksprache gehalten, daß ein anderer Lehrer ins Dorf sollte. Der Geistliche aber war mit der Zucht des Lehrers sehr einverstanden. Ihn freute es, wenn die Kinder in der Kirche still, mit gesenktem Kopfe dasaßen und nicht wagten, die Augen aufzuschlagen. Er wußte nicht, daß die Furcht vor dem Schulmeister sie so brav machte; denn Säuerling stand in der Nähe der Kinderbänke und drohte jedem, der sich rührte, mit Schlägen.
Bei dem Grafen aber durfte man sich gar nicht beklagen; denn der hatte dem Schulmeister die Stelle verliehen und ließ sich in seine Sachen nicht dreinreden. »Für die Dorfkinder ist der gut genug,« sagte er auf alle Vorstellungen und Bitten; denn er war froh, ihn los zu sein. Ein Vetter hatte ihm den Mann zugeschickt und ihn gebeten, ihm zu einem Auskommen zu verhelfen; und so hatte der Herr Graf es versucht, ihn als Schulmeister für seine eigenen Kinder zu nehmen. Aber die konnten sich in die Art des Mannes nicht finden. Sie waren gewohnt, ungebunden und frei zu sein, und so kam Säuerling an die Stelle von Herzfroh. Schlupps gab acht auf den Unterricht, wie es der Lehrer mit den Kindern machte. Er lief hin und her, warf eine Frage auf, gab dann eines nicht Antwort, so frug er das zweite und so fort. Er erklärte nichts, und es schien ihm ganz gleich, ob sie das Gefragte verstanden oder nicht.