Dann hieß er die Kinder aufstehen und führte sie in den Hof hinab. Da hatte er platt auf den Boden Fäden gespannt, auf denen mußten die Kinder einzeln entlang gehen, eines hinter dem andern. »Seht, Herr,« sagte er, »das ist die Hauptsache im Unterricht, daß jedes lernt, nur nach der Schnur laufen, nicht abbiegen, noch rechts und links, und immer die Augen auf mich gerichtet halten.«
Trat aber eines der armen Würmchen mit einem Fuß über die Schnur, dann wetterte der Lehrer und schlug auf es ein. »Wenn es nach mir ginge, wären im ganzen Orte solche Schnüre gezogen,« meinte Säuerling zu seinem Gaste, »und jeder sollte lernen, darauf gehen, daß es eine Lust wäre. Seht unser Dorf an,« fuhr er fort, »wie es ausschaut. Der eine hat sein Haus rot gemalt, der andere blau; die eine Dirne hat Nelken am Fenster und die andere Blauveiglein. Sieht der Ort nicht aus wie ein Hänfling?« »Wie meint Ihr, daß Euer Dorf aussehen müsse?« fragte der Professor Neunmalgescheit ernsthaft.
»Weiß wie der Tag und schwarz wie die Nacht. Die Häuser schwarz wie die Erde; denn die ist ein Jammertal, und die Fenster weiß vom Sonnenlicht; denn das soll hineinscheinen und die Menschen in all ihrer Schlechtigkeit beleuchten, daß sie sehen, wie erbärmlich sie sind. Und ich setze es auch noch durch. Unter meinem Vorgänger ist gar viel Unfug eingerissen, das muß ich umwandeln.«
»War gewiß ein jung Blut?« meinte Schlupps entschuldigend.
»Nein, das ist es gerade,« ereiferte sich Säuerling. »Alt war er schon und hielt doch noch die Leute zum Singen an und zur Kurzweil. Als ob der Mensch dazu auf der Welt wäre. Ich werde ihnen aber schon die rechte Art beibringen, und wenn sie sich auch widersetzen. Kann ich bei den Großen nichts erreichen, so sollen die Kleinen anders werden. Wie ich es für Recht halte, muß es in der Welt zugehen. Alles schön geordnet. Die Reichen für sich und die Armen für sich. Die Alten allein und die Jungen abseits. Eingeteilt sollten sie werden. Wie das Gerät in einem Schrank darf nichts durcheinander gehen, jedes für sich und Alles nach der Schnur.«
»Recht habt Ihr, Schulmeister,« gab Schlupps bedächtig zurück. »Hab das schon lange gemeint und bin nur froh, daß ich einen finde wie Ihr seid. Schade, daß der liebe Herrgott Euch bei der Erschaffung der Welt nicht hat fragen können. Wie viel Ungelegenheit und Unruh wäre da erspart geblieben! Wirklich, Ihr seid ein grundgelehrter Mann.«
Säuerling lächelte zum ersten Male. Das Lob tat ihm gar wohl. Hatte bis jetzt selten ein solches gehört.
»Eigentlich bin ich nicht zum Schulmeister bestimmt gewesen,« sagte er vertraulich. »Mein Vater war Schuster und hat mich in seinem Handwerk unterwiesen, ließ mich immer die Stiefel für die Arbeitsleute machen, die er auf den Märkten feil hielt, weil es keiner so gut wie ich verstand, alles über einen Leisten zu arbeiten. Das Schusterhandwerk war mir aber verleidet, weil es mich verdroß, daß ich für rechts und links einen besonderen Stiefel machen mußte und das Verschiedenerlei mich ärgerte. Deshalb ging ich zu einem Bader in die Lehre und mußte alle Leute einseifen, dieweil er mit dem Messer kratzte. Dies Geschäft gefiel mir schon besser. Das geschah immer gleich, sodaß kein Unterschied dabei war. Ob Alt ob Jung, alle mußten stillsitzen, wie ich befahl. Da starb der Bader. Das Scheren mit dem Messer verstand ich nicht, denn es ist ein gar schweres Handwerk. So nahm mich ein Magister in sein Haus, unterwies mich, der ich nur notdürftig lesen und schreiben gelernt hatte, in seiner Kunst. Dafür mußte ich die alten Pergamente, die er hatte, ausklopfen, daß sich kein Staub hineinsetzte. Wie auch der eines seligen Todes verblich, vermachte er mir seine Bücher und seine Perrücke. Letzteres tat mich am meisten freuen, dieweil mein Schädel wenig bewachsen war.
Mein Vater hatte aber einen Kunden, einen Grafen, der oft zum Magister gekommen war, um von ihm die Kunst des Goldmachens zu erlernen. Haben Tag und Nacht daran studiert, wollt’ aber nichts gelingen. Dieser Graf wies mich her an unsern hochmögenden Herrn, und so bin ich hier, um in die Bauernschädel Ordnung zu bringen und sie zu rechten Menschen zu erziehen.«
»Habt Ihr kein Weib, Schulmeister?« fragte Schlupps.