»Nein,« war die Antwort, und Säuerling machte ein Gesicht, das aussah wie sein Name.
»Ist es tot?« forschte Doktor Neunmalgescheit. »Nein. Davongelaufen ist mir’s.« Die Sache war aber so: Säuerling hatte ein Weib gehabt, das war eines Tages auf und davon gegangen und zu seinem Vater zurückgekehrt. Als der Richter ihr Vorstellungen machte, daß ein braves Eheweib bei ihrem Gatten zu bleiben und eine gute Ehe zu führen habe, erklärte sie ihm, eine Ehe mit einem fromm gesinnten braven Manne wolle sie wohl führen; einer aber, der alles besser wissen wolle als der liebe Gott selber, habe keinen Glauben. Denn Gott habe die Menschen verschieden gemacht, ihr Mann aber wolle alle nach einem Muster. Wer anders sei als er, wäre in seinen Augen ein schlechter Mensch, und da sie eine Frau und kein Mann sei, so könne sie auch nicht denken wie Säuerling und ihre Art nicht ablegen und verleugnen. Er solle sich zum Frommsein bekehren und was Gott geschaffen habe als recht annehmen, dann wolle sie zu ihm zurückkehren. Da er sich aber nicht ändern wollte und bei seiner Art verharrte, blieb sie bei ihrem Vater und gedieh von nun an wie ein Apfel am Baume, den die Sonne bescheint, während sie vorher war wie eine Schlehe, die im Schatten gewachsen war.
Der Richter merkte, daß er einer Weiberzunge nicht gewachsen sei, gab ihr im Grunde recht, sprach mit Säuerling und suchte ihn umzuändern. Wies ihm nach, daß Gott wohl gewußt, warum er so vieles auf der Welt verschieden gemacht habe, und riet ihm, daß er doch versuchen solle, mit den Menschen in Güte auszukommen. Aber da stieß er auf den Unrechten; denn der Ehemann konnte keine Widerrede vertragen und ereiferte sich sehr, wenn ihn jemand tadeln wollte.
Also ließ ihn der Richter gehen und dachte sich sein Teil. Daher kam es, daß Säuerling nicht in der Heimat geblieben war, sondern auswärts ein Unterkommen gesucht hatte. »Wißt Ihr, Schulmeister,« nahm der Herr Neunmalgescheit das Wort, »Ihr tut mir leid, daß Ihr hier sitzen müßt. Ihr gehörtet an einen andern Platz, und weil ich sehe, was für ein Mann Ihr seid, will ich Euch ein Geheimnis anvertrauen.« Säuerling spitzte die Ohren und sagte: »Da bin ich sehr begierig, Herr Kollege. Ist mir eine Ehre, daß ein so großer Gelehrter sich zu mir herabläßt.« »Das kommt, weil Ihr bei meinesgleichen gewesen seid und habt dürfen die alten Pergamente bewachen. Hättet Ihr in sie hineingeschaut, wäre Euch noch manches klarer im Kopfe geworden, und Ihr wüßtet, wie man es dazu bringt, die Welt nach seinem Willen zu lenken. Hier ist nicht der Ort, über Dinge zu sprechen, die Unberufene nicht hören dürfen. Heute Abend, wenn es dunkelt, kommt auf den Kirchhof hinaus, da können wir von erhabenen Geheimnissen reden, und ich will Euch zu Eurem Glücke verhelfen.«
Damit nickte er recht stolz und hochmütig, als hätte er alle Gelehrsamkeit der Welt in sich und verließ das Schulhaus. Säuerling aber war wie benommen von dem, was er gehört hatte, so daß er wie im Traum umherging und vergaß, die Kinder zu prügeln, ja, es nicht einmal merkte, als eines heimlich lachte. Das Sünderlein steckte rasch den Kopf unter die Bank und harrte vergeblich seiner Schläge. Kaum erklang die Vesperglocke, so liefen die Kinder fort und wußten nicht, wie ihnen geschehen war. Solch einen Nachmittag hatten sie lange nicht erlebt.
Am Abend, als es dunkel wurde, schlich ein Mann auf den Gottesacker, trat hinter einen großen Leichenstein und wartete. Wartete auf einen, der lang und schmal wie ein leibhaftiger Schatten zwischen den Gräberreihen dahin schlich und ängstlich um sich schaute. Denn so tapfer Säuerling vor seinen Kindern war, wenn es galt, sie zu dreschen, so feige fühlte sein Herz, wenn er allein war. Er fuhr daher erschreckt zurück, als der zuerst Gekommene auf ihn zuschritt und ihm feierlich winkte.
»Ach, Ihr seid’s, Herr Professor,« atmete der Schulmeister auf. »Dachte schon, ein Geist wäre es.« »Der könnte Euch nichts anhaben,« versicherte Schlupps lächelnd, »dieweil Geister am liebsten mit ihresgleichen zu tun haben und merken würden, daß Ihr nicht zu ihnen gehört. Aber kommt her, daß niemand wahrnimmt, was ich Euch anzuvertrauen habe.« Damit führte er Säuerling tief hinten an die Mauer und hieß ihn auf einen umgestürzten Leichenstein niedersitzen.
»Wißt,« hub er an, »ich habe viel alte Pergamente durchstudiert und wollte wissen, wie man es fertig bekommt, die Menschen nach seinem Willen zu lenken und sie sich untertan zu machen. Da entdeckte ich denn, daß einst vor tausend Jahren hier im Walde ein weiser Mann etwas vergraben habe.«
»Horcht,« unterbrach ihn Säuerling. »Hört Ihr nicht die Hunde bellen? Oh, es ist furchtbar, wenn sie so zu aller Tag- und Nachtzeit heulen und kläffen. Wißt, daß mir nichts so zuwider ist, als bellende Hunde und krähende Hähne. Die machen ihr Maul immer zur Unzeit auf, statt ordentlich an bestimmten Tagesstunden zu schreien.« »Hört zu, Schulmeister, und unterbrecht mich nicht. Also hier im Walde hat besagter Mann etwas vergraben: Ein Knäuel, aufgerollt aus Bindfaden. Die Stelle habe ich gefunden; aber ausgraben darf ich es nicht; denn es muß ein Mensch sein, der nie Unrecht getan hat, nie Böses von den Menschen gedacht und ihnen immer Gutes erwiesen. Ein solcher kann, wenn er das Knäul aufrollt, die ganze Welt damit umspannen und hat dann Macht über alle Seelen. Ergreift es aber ein Unwürdiger, so kommt der Satan in Hahnengestalt mit dem Gebrüll eines wütenden Hundes und jagt den vermeintlichen Weltbezwinger in die Hölle hinab. Nun seht, Schulmeister, ich bin ein sündiger Mensch, der schon manchem Unrecht getan hat. Ihr aber scheint besser zu sein denn ich, und so frage ich hiermit feierlich und rufe den Mond und die Sterne als Zeugen an: Seid Ihr der Mann, das Knäul zu heben? So will ich Euch die Stelle zeigen und nichts dafür verlangen, als was Ihr mir gutwillig gebt. Ihr aber werdet Herr der Welt, und niemand darf Euch etwas verweigern.«
»Der Mann bin ich!« rief Säuerling und streckte seine Hand hoch. »Nie habe ich Unrecht getan; denn ich bin die Gerechtigkeit selbst. Die reichen und armen Kinder habe ich gesondert, weil Gott die Menschen unterschiedlich geschaffen hat und man ihnen immer seinen Willen vor Augen halten soll. Böses habe ich nie besonders von ihnen gedacht; denn ich weiß, daß die Menschen von Grund aus böse sind, und so habe ich sie nur für das angesehen, was sie sind und nie etwas dazu getan. Gutes habe ich ihnen erwiesen; denn ich hab’ sie von Tand und Lustigkeit abgehalten und sie hingewiesen auf das, was allein ewig bleibt, – – auf die Trauer und die Unlust an der Welt. Und so,« schloß er, »hätte der Herr Professor können keinen Gescheiteren finden als mich. Als Dank aber will ich ihm meine Stelle vermachen. Da kann er in meinem Sinne weiter wirken und die Kinder unterweisen.«