Als die Grafentochter aber einen Blick auf die Gabe warf, stutzte sie; denn sie vermeinte, eine Ähnlichkeit mit dem Ritter vor ihr zu finden und es kam ihr plötzlich der Gedanke, das Bild und der vor ihr kniete müßten ein und dieselbe Person sein, und kleine Änderungen seien nur vom Maler gemacht, damit die Gleichheit nicht zu auffällig wäre.
Dasselbe dachte die Richterstochter, die neben ihr stand. Weil sie nichts verschweigen konnte, flüsterte sie der Gespielin zu, was der Vater ihr über des Ritters Sendung anvertraut hatte und daß dies der Prinz selbst zu sein scheine. Da lächelte die Grafentochter gar holdselig auf den Knienden herab, reichte ihm die Hand, hieß ihn aufstehen und ließ sich von ihm zu Tisch führen, allwo ein reiches Schmausen anhub und Pagen goldne Pokale mit köstlichem Wein herumreichten. Abseits aber stand der Graf in Beratung mit dem Richter, der ihm anvertraute, was der fremde Junker hier wolle.
»Ich muß Euch zürnen, Richter,« sprach der Graf. »Seit Monden habe ich von Euch keine Abgabe mehr erhalten, und Ihr wißt, daß meine Hofhaltung viel Geld verschlingt.«
Seufzend griff der Richter in die Tasche und holte den Beutel mit Silbergeld heraus, den ihm der Bauer gegeben. »Das ist alles, was ich heute abliefern kann, hoher Herr,« sagte er und warf dem Grafen einen tückischen Blick zu. Wußte er doch, daß sein Eheweib schmähen würde, wenn er ohne Geld heimkam. »Die Leute meinen, das Recht müsse umsonst sein wie der Tod und halten die Goldstücke zurück.« »So sorgt, daß sie bald anderer Meinung werden,« sagte der Burgherr unwillig und wandte sich seiner Tochter zu, die sich von der Tafel erhoben hatte und zu ihm getreten war. Erstaunt sah er, daß sie ein verdrießlich Gesicht zog. Die goldene Schnalle der Richtertochter war ihr aufgefallen, und das Herz stand ihr danach. Sie drang in den Vater, er müsse für sie das Geschmeide erlangen, sonst würde sie vor Gier und Sehnsucht krank werden. Der Graf, der seinem einzigen Kinde keinen Wunsch weigerte, winkte den Richter herbei und befahl ihm, seiner Tochter aufzugeben, daß sie gleich das Schmuckstück ihrer hohen Gespielin als Geburtstagsangebinde überreichte, und so drohend sah er aus, daß ein Widerspruch vergeblich gewesen wäre. Der Richter rief seine Tochter, führte sie abseits in eine Fensternische und beschwor sie, den Schmuck herzuschenken. Er erinnerte sie an den festen Turm, darinnen die Unglücklichen schmachteten, die sich auf der Landstraße den Reisigen des Grafen widersetzt hatten und bewies ihr, daß es dem mächtigen Herrn ein Leichtes sei, sie beide zu verderben. So legte sie weinend den Schmuck ab und behielt nur die Münze, die sie an einem güldenen Kettlein um den Hals trug. Die Grafentochter aber steckte stolz die Schnalle recht auffällig an ihr Busentuch.
Während dessen herrschte an der Tafel eitel Lust und Fröhlichkeit, und besonders Ritter von Bauernmark erheiterte die Runde durch Späße und Scherze, berichtete von allerlei fremden Völkern und ihren Bräuchen und trank dabei auf das Wohl der Schönsten im Saale. Dabei ließ er die Blicke im Kreise herumschweifen, also daß er jedem Mägdlein in die Augen sah, und jede schon glaubte, sie sei die Prinzessin von Golconda. Des Richters Tochter hatte allmählich den Gespielinnen das Geheimnis vertraut, und so war des Ritters Auftrag jedem bekannt. Als die Tafel sich ihrem Ende neigte und die Pagen türkisches Konfekt und Leckereien herumreichten, erhob sich der Ritter von Bauernmark und sprach: »Vieledler Herr Graf! Verzeiht, wenn ich mich jetzt an Euch wende und einen Auftrag bestelle, dessen Ausführung keinen Aufschub erleidet. Ich komme als Abgesandter meines hohen Herrn, um ihm eine Braut zu suchen, die würdig sei, den Thron seiner Väter mit ihm zu teilen. Drei Bedingungen knüpft er an seine Werbung. Erstens dürfte in dem Lande, dem die Holde entstamme, nie ein ungerechter Richterspruch geschehen sein, nie das Recht für Geld verkauft werden. Denn Ungerechtigkeit ist wie ein ansteckend Gift, das in alle Seelen eindringt, und wo das Recht käuflich ist, da ist auch Liebe und Treue feil. Zweitens darf im Hause der Erwählten kein ungerecht Gut sein, ob viel oder wenig, und drittens, und das ist das schwerste, soll die Braut nicht begehrlich sein, sondern bescheidenen Sinns und demütigen Herzens. Wie sie aber aussehen solle, hat mein Herr mir so eindringlich beschrieben, daß ich seine Meinung genau kenne. So gestattet mir, edler Herr, wenn Euch die Werbung meines Herrn genehm ist, die Jungfrauen, die hier versammelt sind, zu mustern, und, wenn ich die Rechte finde, sie im Namen meines Herrn um ihre Hand zu bitten.«
»Das sei Euch unverwehrt, edler Ritter,« sprach der Graf. »Wenn der Tanz jetzt anhebt, so betrachtet meine Schönen wohl und tut mir kund, auf welche Eure Wahl gefallen ist.« Im stillen aber hoffte er, seine Tochter würde die Erkorene sein. Einen fürstlichen Eidam zu haben, das war das Ziel seiner Wünsche, und er häufte Gut und Geld zusammen, um sein Kind zur reichsten Erbin zu machen.
Während die Jungfrauen sich im Tanze drehten und neigten, die Häupter bald senkten und hoben, mit spähenden Blicken nach dem Brautwerber schielten und jede sich für die Auserwählte hielt, stand Bauernmark neben der Grafentochter. Plötzlich weiteten sich seine Augen und er rief laut: »Himmel, was sehe ich! O traurig Zeichen!« Der Tanz stockte. Alle Gäste drängten sich herbei. Der Graf forschte angstvoll, was seinem Gast fehle. »Etwas Schreckliches macht mich erzittern,« antwortete der Gefragte. »Mein hoher Herr, der Prinz, hat einen Bruder, der um ein Jahr jünger ist, denn er. Den duldete es nicht im Haus. Er wollte in die weite Welt und ließ sich durch keine Bitten halten. Unsere Königssöhne aber hatten jeder ein Gewerbe erlernt, das schrieb das Gesetz des Hauses ihnen vor, damit sie wissen sollten, wie dem, der hart arbeitet, zu Mute ist. Als es nun an das Scheiden ging, beschlossen beide, einander etwas zum Andenken zu geben, und sie schmiedeten aus Gold zwei Schnallen, die sollte jeder von ihnen tragen, sie nie ablegen und mit dem eignen Leben als höchstes Gut verteidigen. Und seht, die Schnalle, die Ihr, edle Herrin tragt, erkenne ich als die des jüngeren Prinzen. Die linke Hälfte ziert das Zeichen der Schlosser, zwei gekreuzte Schlüssel, die rechte zeigt das Wappen der Nagelschmiede, ein Herz von drei Nägeln durchbohrt, und je länger ich darauf sehe, desto mehr kommt es mir vor, als ob aus dem Herzen zwei rote Tropfen fließen. Lebt der Prinz noch, er hätte sich nie davon getrennt, auch nicht in höchster Not. Nur Räuberhand kann es ihm entrissen haben. So sprecht! Wie seid Ihr dazu gekommen? Wer hat es gewagt, in Eure Hand dies fluchbeladene Geschmeide zu legen?«
Die Grafentochter erblaßte. Dann sprang sie auf ihre Gespielin zu und rief zornig: »Hier, die Richterstochter ist es gewesen! Die Falsche wollte mir bei Euch schaden, damit Ihr ungerecht Gut bei mir fändet. Als Geburtstagsangebinde brachte sie mir den Schmuck.«
»So?« rief die Angegriffene aufgebracht. »Habe ich es Dir gegeben oder hast du es mir abgefordert und mich an Leib und Leben bedroht, wenn ich es nicht freiwillig herausgäbe? Gezwungen hast du mich, weil deine Begehrlichkeit mir das Kostbare nicht gönnte. Und nicht durch Raub erlangte ich es – mein eigner Vater gab es mir!«
»Und woher habt Ihr es, Herr Richter?« forschte Bauernmark. Der gestrenge Herr war bestürzt, daß er nicht vermochte, eine Lüge auszusinnen und ratlos dastand. »Ein armes Bauernweib brachte es – –« stotterte er, »Ich – – ich – – sollte ihr zu ihrem Recht verhelfen.« Weiter kam er nicht; denn der fremde Ritter rief: »Jetzt wird mir alles klar. Falscher Richter, Eure Schlechtigkeit ist enthüllt. Gestern traf ich ein armes Bauernweib, das mir weinend erzählte, wie es sein letztes Gut einem bestechlichen Richter habe geben müssen, um seinen einzigen Acker zu behalten. Ein Schmuckstück sei es gewesen. Ein Sterbender, den sie auf der Straße gefunden und in ihrer Hütte verpflegt habe, gab es ihr vor dem Hinscheiden. ›Bringe es zu meinem Bruder,‹ hatte er mit erlöschender Stimme gesagt. ›Er wird es Dich herrlich lohnen. Er heißt – –‹ da seien ihm die Augen zugefallen. Sie habe den Namen nicht mehr gehört und konnte seine Bitte nicht erfüllen. Die Reisigen eines hohen Herrn hatten den Fremden überfallen und beraubt; nur die Schnalle hatte er in den Falten seines Gewandes retten können.«