»Beruhigt Euch, edler Herr,« sprach der Graf. »Tröstet Euch. Wir wollen dem Täter nachforschen.« Dabei zitterte seine Stimme, denn er wußte wohl, daß es seine Knechte waren, die harmlose Wanderer auf der Landstraße plünderten. »Seid sicher, daß der Schuldige seiner Strafe nicht entgeht. Ihr, Richter,« wandte er sich in strengem Tone zu diesem, »begebt Euch sofort mit Eurer Tochter aus dem Schlosse und lasset Euch nie wieder darin blicken!« »Führt sie hinaus, weil sie es gewagt haben, mit kecker Lüge meine Tochter zu schmähen,« gebot er den Knechten.
Ehe der Richter und seine Tochter noch wußten, wie ihnen geschah, waren sie über die Zugbrücke gestoßen und mußten mit Schimpf und Schande abziehen.
»Setzt das Fest fort!« gebot der Graf den Gästen, die bestürzt und neugierig alles angehört hatten. »Wißt,« wandte er sich an den Ritter von Bauernmark, »es ist nicht meine Schuld, wenn durch falsche Diener das Recht in meinem Lande gebeugt wurde. Sagt Eurem Prinzen, meine Hände sind rein.«
»Wohlan,« sagte Bauernmark feierlich, »so werbe ich um Eure Tochter im Namen meines Herrn. Vielleicht war es eine Vorbedeutung, daß ich die Schnalle bei ihr finden sollte. Sie muß mir aber feierlich geloben, keinen andern zu ehelichen, sondern in Treue auszuhalten, bis mein Herr kommt und sie heimholt.«
»Das gelobe ich!« rief die Grafentochter und streckte die Hand hoch. »Das Bild Eures Herrn und die Schnalle behalte ich als Pfand.« »So seid Ihr dem Prinzen von Golconda angelobt!« rief der Ritter mit hallender Stimme. »Wie ich jetzt mit dem Schwerte einen Kreis um Euch ziehe, so werfe ich jedem den Fehdehandschuh hin, der es wagt, Euch als Werber zu nahen. Heimlich und unerkannt ziehen die Boten unseres Herrn im Lande umher. Eine Prüfungszeit ist Euch beschieden. Habt Ihr während dieser die Treue gehalten, so besteigt Ihr den Thron unseres Landes als Herrin. Brecht Ihr aber Euer Gelöbnis, dann seid Ihr und jeder Freier, dem Ihr Gehör schenkt, dem Tode verfallen. Nichts kann Euch vor der heimlichen Rache unseres Volkes schützen.«
Scheu wichen die Gäste vor der Grafentochter zurück, die in Furcht erschauernd ihr Haupt senkte.
»Beurlaubt mich baldigst, daß ich abreise und meinem Herrn Kunde bringe von dem Glücke, das ihm bevorsteht,« schloß der Ritter.
Als der Brautwerber am andern Morgen seinen Wagen besteigen wollte und sich vor dem Grafen verneigte, zog dieser einen grünseidenen Beutel voll Gold hervor und sprach: »Nehmt dies, Herr Ritter, als Dank dafür, daß Ihr die Falschheit meines Richters aufgedeckt habt.« Vergeblich weigerte sich Schlupps, das Geschenk anzunehmen. Der Graf drang immer inständiger in ihn, bis er nachgab, es einsteckte und davonfuhr.
Die Grafentochter wies jeden Freier, der sich ihr nahte, zurück und wartete auf den Prinzen von Golconda. Ihr Vater aber wurde nach Jahren von einem räuberischen Nachbarn überfallen, der Burg beraubt und mußte mit seiner Tochter in der Hütte eines treuen Knechtes Unterkunft suchen. Da harren sie beide des Ritters von Bauernmark, der sie heimholen soll in das Reich seines Herrn, und warten noch heute.