Während dessen ging ein Handwerksbursche von Haus zu Haus, bat um einen Zehrpfennig und erzählte dabei, wie er weit herkomme und ob sie schon gehört hätten, daß der Türke nahe sei, senge und brenne und alles mitnähme. Hab und Gut, die Ochsen aus dem Stall und die Kleider aus der Truhe. Und da die Männer alle auf dem Felde schafften und nur das Weibervolk daheim war, so entstand bald am Brunnen ein Schwatzen und Wehklagen. Die Weiber liefen zueinander, jammerten und schrien und dann rannten sie heim und packten, was sie erreichen konnten, um es mitzunehmen, wenn der Türke käme. Da trug eine die Mulde voll Brot, das sie vom Bäcker geholt hatte und das noch dampfte, denn sie wollte nicht warten, bis es gar war, sondern hatte es gleich aus dem Backofen gerissen und war damit fortgelaufen. Eine andere trug heulend ein mächtiges Bündel Stroh auf dem Rücken, darin hatte sie ihr Kindchen gebunden, daß es im Walde weich liege. Ein Drittes schleppte keuchend eine leere Waschbütte herbei, wußte selbst nicht wozu, und eine Alte hatte eine Gans fest unter den Arm gepackt und zerrte in einem Netz Hühner und Enten mit. Es war ein Durcheinander, ein Heulen und Schreien, ein Laufen und Rennen. Betten flogen aus dem Fenster und unten auf der Gasse stürzten sich die Buben darauf und schleiften sie durch Pfützen und Moor über Stock und Stein. Der alte Küster humpelte in die Kirche, faßte den Glockenstrick und schwang ihn mit aller Macht, daß die alte Glocke, die schon einen Sprung hatte, jammervoll hinausklang auf die Felder, und die Kinder liefen hin und her, schwenkten ihre Stäbe und schrieen: »Der Türk! der Türk!« Und wäre er wirklich dagewesen, so hätte es nicht können schlimmer zugehen, denn die Furcht machte mehr Not und Unruh als der Krieg und der Feind.
Vom Felde her aber eilten auf das Geläut die Männer herbei mit Sicheln und Sensen, mit Dreschflegeln und Äxten und rotteten sich unter der Linde zusammen. Gerade kamen die Großbauern von der Beratung beim Schweinehirten zurück, blieben stehen und nahmen erstaunt wahr, wie das Volk unter der Linde stand und schrie und tobte. »Ihr kommt uns gerade recht,« rief ein junger Bursche mit funkelnden Augen. »Jetzt gebt Eure Goldgulden heraus für des Kaisers Soldaten. Der Türk kommt.« »Geld raus! Geld raus!« schrien einige und hielten die Sensen hoch. Die Weiber heulten und kreischten. »Der Türk! der Türk!« und vermeinten schon, ihn vor sich zu sehen. »Gebt Ruhe!« klang es laut über den Platz. Der Schweinehirt war auf eine Bank gestiegen, die vor dem Wirtshaus stand. »Gebt Ruhe! Schämt Ihr Euch nicht, so wüst zu tun? Was wollt Ihr eigentlich? Sprecht und sagt deutlich, was Ihr begehrt!«
»Einen andern Schultheiß!« riefen einige. »Einen andern Schultheiß,« stimmten die andern zu, und die Großbauern schrien: »Da habt Ihr den Rechten. Der Schweinehirte soll es für dieses Mal sein.« »Wir wollen, daß die Armen auch einmal an die Reihe kommen,« ließ sich der Waldsepp vernehmen. »Wählt den Simmel!«
Der wollte Einwendungen machen und heruntersteigen; aber starke Arme hielten ihn auf der Bank fest, und Arm und Reich schrie: »Du mußt! Du mußt!«
Da sah der Simmel um sich, winkte, daß es plötzlich stille ward und sagte ruhig: »Also Männer. Ihr wollt, daß ich Schultheiß werde und Recht hier zu sagen habe. So schwört mir vorerst, daß alles geschieht, wie ich es verlange.«
»Wir schwören!« klang es einstimmig, und die Großbauern schrien es am lautesten. Mit dem Schweinehirten wollten sie schon fertig werden. Der mußte doch tun, was sie wollten, wenn er nur erst die Schrift an den Kaiser aufgesetzt hatte.
»So bestimme ich,« rief der neue Schultheiß, »daß jeder Großbauer hundert Goldgulden an die Gemeindekasse zahlt!« »Hoho!« schrie der Büchsenmichel wie besessen. »Die Wahl gilt nicht.« »Wohl gilt’s!« riefen die Kleinbauern und hielten die Sensen hoch. »Wohl gilt’s!« rief der Simmel mit starker Stimme. »Habt es ja selbst so gewollt. Geht heim und holt das Geld auf der Stelle und einige von Euch gehen mit.«
Da blieb den Bauern nichts übrig, als zähneknirschend umzukehren und das Geld zu holen, und bald häufte sich ein Goldberg auf dem Holztisch vor dem Wirtshaus. Der Wirt mußte einen Sack herbeibringen; in den wurde das Gold gefüllt und dann mit Wachs und Siegel fest verschlossen. »Haben die Großen zahlen müssen, so kommen jetzt auch die Kleinen an die Reihe,« rief der neue Schultheiß. »Kleinbauern! Ihr habt jeder eine Fuhre Bauholz zu fahren für ein neues Schulhaus, und Ihr Häusler,« wandte er sich an diese, »müßt jeder zwei Tage im Monat daran arbeiten. Denn das gibt’s nicht bei uns,« setzte er hinzu, »daß einer annimmt und nichts dafür tut. Ist die Schule doch für alle Kinder im Dorf ohne Unterschied. Und wer etwas annimmt, ohne etwas dafür wieder zu geben, der leidet an Seele und Leib Schaden; denn er meint, er müsse nur das Maul auftun, und die gebratenen Tauben fliegen ihm dann hinein. Er verlernt das Arbeiten und das Wollen und weiß nicht, daß er sich selbst helfen kann.« »Recht hat er,« schrie der Waldsepp, der sich freute, daß die reichen Bauern nicht alles allein zahlen mußten, sondern daß die andern auch den neuen Herrn im Dorf zu spüren hatten.
»So ist des Kaisers Meinung!« klang es plötzlich. Der Junker im braunen Wams war herzugetreten. Da flogen die Kappen vom Kopf, und die Sensen und Sicheln sanken herunter.
»Werd’s dem Kaiser berichten, wie Ihr Ordnung und Recht im Dorfe geschaffen habt,« sagte er mit fester Stimme. »Eine große Freude wird es dem Herrn gewähren; denn nur wo Recht und Zucht herrscht, kann ein Land gedeihen.« »Herr,« bat der Simmel, »wollt Ihr nicht das Geld für des Kaisers Heer gleich mitnehmen?« »Nein, nein,« wehrte der Junker. »Wenn’s an der Zeit ist, wird es der Kaiser schon holen lassen. Einstweilen verwendet davon für Eure Gemeinde und tut damit, was not ist. Laßt Eure Kinder tüchtig lernen. Erzieht sie zu rechtschaffenen, aufrechten Männern und haltet alles so, daß Ihr vor des Kaisers Kanzler mit Ehren bestehen könnt.«