»So bitten wir Euch, Herr, etwas als Geschenk von uns anzunehmen, als Wegzehrung. Denn wäret Ihr nicht gekommen, so läg unser Dorf noch im Argen, und Ordnung und Zucht hätten nie Einkehr gehalten. Jetzt versprech ich Euch: Anders soll es werden und alle Vierteljahr werd ich dem Kaiser in einer Schrift Kunde geben, wie es bei uns zugeht.«

Damit reckte sich der Simmel hoch und sah herausfordernd um sich, und man konnte zum ersten Male sehen, was für ein hoch gewachsener Mann er eigentlich war, und wie hell seine Augen leuchteten. Denn bis dahin war er immer gebückt gegangen, als drücke ihn seine Niedrigkeit und Armut, und als müßten seine Augen den Erdboden suchen, anstatt in die Sonne zu sehen. Jetzt schaute er die Menge an, als wollte er sagen: »Ich bin Schultheiß, hütet Euch wohl.« Und die Bauern duckten die Köpfe. Der Schweinehirt machte ihnen Sorge. Mit dem war nicht gut anbinden, das merkten sie jetzt und bereuten im Stillen ihre Angst, die sie geheißen hatte, ihn zu wählen. Fiel ihnen aber der Türke und des Kaisers Kanzler ein, dann lief es ihnen kalt über den Rücken. Dann schon lieber den Simmel zum Schulzen.

»Hoher Herr!« bat jetzt der Schultheiß eindringlich. »Weiset unsre Gabe nicht zurück. Ihr habt sie redlich verdient. Wenn Ihr nicht bei uns eingekehrt wäret, hätt’ es in unserm Dorf noch lange bös ausgesehen. Und nicht, weil Ihr des Kaisers Bote seid, sondern weil Ihr ein Herz für alle habt und für das Recht eintretet, wollen wir Euch erkenntlich sein.«

Da nahm der fremde Junker etliche Goldstücke an, bestieg seinen Wagen und fuhr davon. Der Schweinehirte aber blieb Schultheiß und das Dorf gedieh unter seiner Hand.

Die Königswahl

Jetzt will ich aber sehen, seßhaft zu werden, dachte Schlupps. Das ist kein Leben, immer in der Welt herumzufahren und von allen Menschen scheel angesehen zu werden als Müßiggänger und Tagedieb und nichts zu tun zu haben, als seinen Spott mit ihnen zu treiben. Doch was beginnen?

Ein Handwerk ausüben war nicht nach seinem Sinn. Das Schulmeistern noch einmal anzufangen lockte ihn nicht. Als Ritter umher zu ziehen, Bauern und ungerechte Richter züchtigen, hätte ihm am besten gestanden. Schließlich hoffte er auf den Zufall, der immer der Freund der Herumwandernden war und ihn gewiß an die rechte Stelle führen würde. Und sein Glaube sollte nicht trügen. Eines Tages kam er in eine Gegend, die ihm bekannt vorkam und die er seines Wissens noch nie gesehen. Schwarze Fahnen waren in Abständen in den Boden gesteckt. »Was bedeutet das?« fragte Schlupps einen Mann, der langsamen Schrittes die Straße daher kam. »Unser guter König ist tot,« sagte der. »Schon seit Wochen suchen wir einen neuen. Aber schwer ist der zu finden.« – »Hat Euer König denn keinen Sohn?« »Ach nein, Herr, nur eine Tochter. Wer König werden will, muß die freien. Es waren schon genug Prinzen da: schöne und häßliche, reiche und arme, dicke und dünne. Aber keiner konnte König werden, denn er wußte das Wort nicht.«

»Was für ein Wort?« fragte Schlupps erstaunt. »Seht Ihr, Ihr wißt es auch nicht!« rief der Mann. »Da habt Ihr’s, wie sollen es die fremden Prinzen wissen?« Mehr konnte Schlupps nicht aus ihm herausbringen, so viel er auch frug. »Ja, das Königsein, das Königsein,« sagte der Mann. »Ist nicht so einfach, nicht so einfach. Bin froh, daß ich es nicht sein muß, nicht sein muß.« Damit bückte er sich zu seinem Acker nieder und fing an, Erdäpfel auszugraben, so dicke und große, wie Schlupps sie noch nie gesehen. »Mein Nachbar hat noch dickere,« meinte er, als er die verwunderten Blicke des Fremden gewahrte. »Da kommt er. Töffel, weise dem Herrn deine Feldfrüchte,« rief er dem Nachbarn zu. Der grüßte: »Jo, jo, dick. Sehr dick!« »Wieso erreicht Ihr, daß sie so werden?« fragte Schlupps wißbegierig. Der Angeredete lachte blöde. »Wachsen in der Erde.« »Natürlich,« gab Schlupps ärgerlich zur Antwort. »Das seh ich. Was tut Ihr dazu, daß sie so dick werden?« »Weiß nicht. Warte, bis sie dick sind,« war die Antwort.

Schlupps ließ die Beiden stehen und fuhr weiter. An einem Wirtshause machte er Halt, stellte seinen Wagen ein und beschloß, die Gegend zu Fuß zu durchwandern. Überall sah er schwarze Fahnen aufgestellt. Auf sein Befragen erzählte ihm der Wirt, was es mit dem Königswerden auf sich habe.

Jeder, der Herrscher im Lande sein wollte, mußte ein bestimmtes Wort aussprechen, das immer nur der König kannte und auf dem Totenbette seinem Kanzler anvertraute. Der hatte darüber zu wachen, daß der Thronbewerber das richtige Wort sage. Habe bis zum vierzigsten Tage nach dem Tode des Königs niemand das Wort gesprochen, so bleibe das Land ohne König und es gäbe ein furchtbares Unglück. Denn der König müsse nicht nur herrschen, sondern auch die neuen Menschen vom Lebensbaume abschütteln, der im Schloßgarten stände. Sobald im Lande zwei Menschen gestorben sind, geht der König an den Baum, rüttelt ihn und zwei Kinder springen herunter, die gleich genau so aussehen wie die Erwachsenen. Jetzt sei der gute König schon achtunddreißig Tage tot. Die Prinzessin harre des Gemahls, und noch habe sich keiner gefunden, trotzdem viele Prinzen da waren und Worte in allen Sprachen geredet hätten.